Wie fair ist eigentlich Fair Trade?

Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit – das sind zwei Begriffe, die mit Fair Trade fast immer verbunden werden. Das Interesse daran ist groß, erst vergangene Woche endete die 14. Faire Woche, die vom 11. – 25. September in über 2200 Aktionen Menschen mit dem Thema vertraut machte – auch hier in Bonn. Zeit, sich einmal kritisch mit dem Phänomen auseinanderzusetzen.

Was einem Besucher auf den ersten Blick anmutete wie die “lange Tafel von Bonn”, war in Wirklichkeit der Startschuss der Fairen Woche 2015 in Bonn. Mit einem großen, bunten und obendrein noch fair gehandelten Frühstück konnte der morgendliche Innenstadtbesucher nicht nur sein Gewissen beruhigen, sondern obendrein auch gleich noch seinen Hunger stillen. Und wer wird morgens nicht gern mit Brötchen und frischem Kaffee überrascht? Auch das Bonner Münster macht mit – Weihrauch wird hier nämlich auch schon seit langem nur noch aus Fair Trade bezogen.

Nicht nur preiswert und gut sollen unsere Produkte sein, immer mehr Leuten sind auch Produktionsbedingungen und die Auswirkungen auf die Umwelt wichtig. Ich bezahle beim Einkaufen etwas mehr und helfe dafür Menschen, die es nicht so gut wie wir haben. Neue Arbeitsplätze werden geschaffen, Perspektiven für Bauern, die sonst für ewig in einer Falle aus Armut feststecken. Nebenbei rette ich dabei auch noch die Umwelt. Ziemlich gut für ein Frühstück. Aber wie fair ist denn dieser Fair Trade jetzt wirklich?

Geld kommt nicht bei den Erzeugern an

Fair Trade läuft hauptsächlich über die auf Lebensmitteln und anderen Gütern aufgedruckten Siegel. Analog zu anderen Verbrauchersiegeln wie z.B. dem Bio-Siegel in Deutschland hat die Sache natürlich immer einen Haken. Die Organisationen, die Fair Trade-Siegel vergeben dürfen – wie die britische Fairtrade Foundation – können nur in den wenigsten Fällen nachvollziehen, wie viel von dem Geld, das Einzelhändler an Aufpreis an der Kasse berechnen, wirklich in die Entwicklungsländer zurückfließt. Studien amerikanischer Forscher ergaben z.B., dass von einem in den USA verkauften Fair Trade Kaffee, der im Laden immerhin pro Pfund 5$ extra kostet, nur 2% der zusätzlichen Erlöse an die Exportgesellschaft zurückfließen. Selbst wenn ein beträchtlicher Teil in die Herkunftsländer ginge, stellt sich weiter die Frage, wie viel dort dann wiederum bei den Erzeugern der Fair Trade Produkte landet.

Fair Trade als Luxus

Ok, also wenn ich mehr für Fair Trade Produkte bezahle, dann landet der Löwenanteil vielleicht nicht unbedingt bei den armen Bauern auf der Kaffeeplantage, sondern bei den Händlern dazwischen. Aber solange wenigstens ein Teil des Geldes bei den Produzenten landet, ist doch schon viel geholfen, oder? Tatsächlich stimmt das Bild, das wir von Erzeugern von Fair Trade Produkten haben, nicht ganz mit der Realität überein. Damit – um beim Kaffeebeispiel zu bleiben – ein Bauer seinen Kaffee als Fair Trade besiegeln und zertifizieren lassen darf, muss er bestimmte Qualitätsstandards erfüllen, die von Gesellschaften wie der Fairtrade Foundation festgelegt werden. Um diese zu erfüllen, braucht es aber bereits gut ausgebildete Landwirte mit moderner Technik, d.h. die ärmsten und mittellosen Bauern schließt das System von vornherein aus. Die wohlhabenderen bekommen dafür aber – quasi als Belohnung, dass sie von Beginn an besser gestellt sind – bessere Preise gezahlt und generell mehr finanzielle Unterstützung, da auch von staatlicher Seite in den Herkunftsländern Fair Trade besonders gefördert wird. Eine doppelte Ungerechtigkeit? Zumindest wäre das Geld bei den ärmeren Bauern, die es sich nicht leisten können, ihre Produktionsmethoden auf Fair Trade Standards zu hieven, vermutlich besser aufgehoben.

Und was ist mit der Umwelt? Kann ich wenigstens die Umwelt retten? Ja, da kann Fair Trade wohl helfen. Fair Trade verhält sich hierbei nämlich ähnlich wie z.B. das deutsche Bio-Siegel. Chemikalien auf dem Feld sind ein No-Go, dafür zurück zu traditionellen Anbaumethoden. Eine unabhängige Organisation prüft vor Ort, ob die Fair Trade-Standards erfüllt sind und vergibt erst danach die Siegel. Da diese Standards für ärmere Bauern jedoch nur schwer zu erfüllen sind, bleibt umweltschonender, nachhaltiger Landbau eher ein Luxus.

Ja, lohnt sich das denn überhaupt?

Bild: Forum Fairer Handel e.V. / Christian Ditsch

Bild: Forum Fairer Handel e.V. / Christian Ditsch

Nachhaltigkeit? Vielleicht. Gerechtigkeit? Nein. Soll ich dann am besten doch nicht zu Fair Trade greifen? Fakt ist, dass wirklich einschlägige Studien über die Wirksamkeit von Fair Trade zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den sogenannten „Entwicklungsländern“ aufgrund der Komplexität des Themas und der fehlenden Rückverfolgung schlichtweg nicht vorhanden sind. Es bleiben auf jeden Fall Zweifel, aber auch weiterhin gute Gründe für Fair Trade. Auch wenn man über lange Zeit nicht nachverfolgen kann, ob Fair Trade hilft, muss sich jeder Erzeuger von einer unabhängigen Organisation zertifizieren lassen. Das schließt die bereits erwähnten umweltschonenden Anbaumethoden ein, aber z.B. auch ein Verbot von Kinderarbeit, was gerade bei Fair Trade Kleidung ein wichtiger Aspekt ist. Ich kann also vielleicht nicht jeden einzelnen aus der Armut befreien, aber auf einer breiteren Basis unterstütze ich somit die Bildung von nachhaltigen und gerechten Produktionsstätten, die unseren westlichen Qualitätsstandards genügen. Was das in Zukunft mit den anderen Bauern in den Herkunftsregionen anstellt und ob das nicht vielleicht wieder zu neuen, scheinbar unvorhergesehen Problemen führt – ja, darüber denke ich am besten mit einer Tasse fair gehandelten Kaffee beim nächsten Frühstück nach.

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