Ein Loblied auf die Aufrichtigkeit

Das letzte Album hat die Band beinahe auseinandergebracht. Kein Jahr später legen Locas in Love jetzt mit „Kalender“ nach. Wir durften reinhören.

„Mein Vater sagt: ‚Und jetzt sind wir schon die Nächsten.‘“ Mit diesen Worten eröffnet der Kölner Alltime-Geheimtipp Locas in Love ihr zweites Album in diesem Jahr: „Kalender“.

Was kryptisch klingt, ist hier eine familiäre Bestandsaufnahme. Eine Torschlusspanik. Aber auch ein Versuch, sich mit der Platzhirschrolle zurecht zu finden. Dabei ist so klar: Niemand ist so ungerne „Platzhirsch“, wie die Locas in Love. Und doch hält das neue Album alles, was man sich von dieser Band versprechen darf.

Um es vorweg zu nehmen: Die Band schafft es wieder, dass man nach dem Album in sich zusammensackt, einen Moment braucht, um die echte Welt wieder zuzulassen und zu erkennen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Aber viel wichtiger ist: Diese Band schafft es wieder, dass man sich von neu in sie verliebt.

Erst im Februar haben die Locas ihr Doppelalbum „Use Your Illusion 3+4“ veröffentlicht (für das sie nicht nur wegen des Namens mehr als alle Preise verdient haben), dessen Entstehungsprozess die Band an die Grenzen ihrer Existenz gebracht haben. Kein Jahr nach dieser großen Depression hört das nächste Ergebnis auf den Namen „Kalender“. Und der Name ist Programm: Ein großer – und vor allem ewiger – Wandkalender liegt der CD- und Vinylvariante bei. In einem Aufsatz, den die Band diesem Album beilegt, denkt Sänger Björn Sonnenberg laut über Sinn und Unsinn der Formates „Album“ nach – und zieht parallelen zu einem Kalender. „Ein Kalender ordnet die Monate eines Jahres zu einem großen, einheitlichen Ganzen so wie ein Album Songs.“

Bereits der Einstieg bohrt genau an diesen Stellen, die diese Band mit großer Zielgenauigkeit trifft, ohne großen Anlauf zu brauchen: „Und jetzt sind alle meine Großeltern tot.“ Nach dem ersten Schlucken bleibt Platz für die großen Worte, die man hierzulande nur sehr gerne häufiger so unaufgesetzt hören würde. „Auf die Tage, die nicht wiederkommen!“ möchte man schon beim zweiten Durchhören mit seinen Freunden teilen. Mitsingen. An die Wände schmieren. Und all denen, die es verdient haben, um die Ohren hauen – „irgendwann werde ich ein Loblied auf all das schreiben“ singt Björn Sonnenberg. Und man glaubt kaum einer deutschsprachigen Stimme so sehr, dass diese ausgelöste Euphorie nicht primäres Ziel von all dem war.

Im Videoclip zu „Ultraweiß“ hat sich die Band übrigens dabei gefilmt, wie sie den Film „PSYCHO“ angesehen haben. Und das auf dreieinhalb Minuten gerafft. Kunst ist immer auch Zitat.

Zugegeben: Ein neues Alphabet haben die Locas in Love hier nicht geschaffen.
Andererseits gab es da auch keinen Grund für. Dieses Album wird uns durch den Winter tragen. So wie wir es uns in die letzten Jahren immer wieder gewünscht haben.

Internettyp.

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