Von menschlichen Abgründen und dem Prinzip des Voyeurismus – Die zweite Bonner Tagebuchlesung

Bild: Jule Kurka / bonnFM

Die Tagebucheinträge von früher können zum Lachen bringen, schockieren oder beschämt die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen. Vergangenen Samstagabend unterhielten sie im Rahmen der zweiten Bonner Tagebuchlesung den voll besetzten Partykeller im Untergrund. bonnFM war für euch dabei.

Tobias Epping wurde betrunken dazu überredet, mitzumachen. Bild: Jule Kurka / bonnFM

„Warum mache ich hier mit? Weil ich ein Freund von der Karo bin, von der Veranstalterin, die mich in einem betrunkenen Zustand geistiger Umnachtung per Handschlag dazu genötigt hat.“ Tobias Epping lacht bei seiner ehrlichen Antwort. Einigen mag der 40-Jährige als der Pächter der beiden Nachtclubs Untergrund und Die Wache bekannt sein, doch als Vorleser seines eigenen Tagebuchs sieht und hört man ihn das erste und auch zum letzten Mal, wie er hofft. Insgesamt hat die Organisatorin und Moderatorin der Lesung Karolin Kraske (alias „Karo“) vier Leser und Leserinnen mobilisiert, ihre geheimsten Geheimnisse heute Abend vor Publikum öffentlich zu machen. Bei einigen mit mehr, bei anderen mit weniger Überzeugungsarbeit. Seit der ersten Lesung im vergangenen April in der Altstadtkneipe Nyx kämen die Leute sogar selbst auf sie zu. So wie Svenja Schubert, Ende zwanzig. Im Gegensatz zu Tobias war sie von der Idee sehr angetan und will aus ganz freien Stücken aus ihren Tagebüchern lesen. „Ich dachte, wenn du schon selbst lachen musst über das, was du da geschrieben hast, dann kannst du bestimmt auch noch mit anderen Leuten drüber lachen – gemeinsam.“

Gnadenlos ehrlich

Svenja Schubert hat neben zwei Tagebüchern auch ihr Poesiealbum aus Grundschulzeiten dabei. Bild: Jule Kurka / bonnFM

 

Und wie! Aus allen Reihen ertönt lauthals Gelächter, während Svenja Erinnerungen aus ihrer Kindheit offenbart. „Irgendwie habe ich Angst, dass ich irgendwann Schiele. Diese Angst sitzt wie ein kalter Stein in meiner Seele.“ Schon als 10-Jährige scheint sie sich an einer poetisch dramatischen Ausdrucksweise zu versuchen. Auch die Leserin Johanna Bott sorgt mit ihren Einträgen für Belustigung. „Jungs sind Shit.“, liest sie. „Ich finde alle Jungs doof. Alle außer Dennis. In Klammern ’den Erfundenen’“.

Der Käptn ist unter anderem für seine Poetry-Slam-Veranstaltungen im Musik-Café Limes bekannt. Bild: Jule Kurka / bonnFM

Neben unschuldigen Schwärmereien kommen allerdings auch die ein oder anderen Jugendsünden ans Licht. Tobias muss für die Namen seiner damaligen scheinbar zahlreichen Ex-Freundinnen Pseudonyme verwenden und auch „Der Käptn“, wie sich der eigentliche Poetry Slammer nennt, offenbart schonungslos seine Vergangenheit – die Leute finden es großartig.
„Es lebt natürlich von einem gewissen Voyeurismus“, erzählt Karolin. Das Verbotene und Private, diese gnadenlose Ehrlichkeit ist es, was die Tagebuchlesung so unterhaltsam und nahbar macht.

„Alle Einnahmen gehen an einen super guten Zweck“

So steht es auf der Facebook-Seite und einigen Flyern der Lesung. Dieser gute Zweck wurde vor der ersten Pause bekannt gegeben. Wer sich auf die experimentelle Veranstaltung eingelassen hat, hat nämlich automatisch sein Eintrittsgeld – insgesamt eine stolze Summe von 870€ – an den gemeinnützigen Verein für Hospizarbeit „Bonn Lighthouse“ gespendet, der einen Monat zuvor sein 25-Jähriges Bestehen gefeiert hat.

Eine dritte Tagebuchlesung findet voraussichtlich im Januar statt. Genauere Informationen findet ihr auf der Facebook-Seite der „Bonner Tagebuchlesung“. Wer sich außerdem ein Herz fassen und selbst aus seinen Tagebüchern vorlesen will, kann einfach eine Facebook-Nachricht hinterlassen.

 

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