Anne Will, dass ich diesen Artikel schreibe:

Am Dienstag war die Polit-Talkmoderatorin Anne Will zum SWR-Unitalk in der Gutenberg-Universität Mainz geladen und gab dabei einen detaillierten Einblick in ihren Arbeitsalltag, zu ihren politischen Haltungen und ihrer Meinung über die Affäre Böhmermann…

Anne Will, extra für den Talk aus Berlin eingeflogen, und der SWR-Chefredakteur Fritz Frey (nicht extra für den Talk aus Berlin eingeflogen) begannen ihr Interview mit dem aktuellen Thema der Medienlandschaft: Die Causa Böhmermann. Will, letzte Woche sowohl in Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“ als auch mit dem eigenen Sendungsthema „Streit um Erdogan-Kritik – Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?“ positionierte sich recht klar auf der Seite des Satirikers.
Meinungs- und Kunstfreiheit, und darunter falle das Gedicht, seien nicht zu diskutieren. Auch ist sich Anne Will sicher: Angela Merkel hat mit der frühen Kommentierung einen Fehler begangen. Selbst wenn sie nur beschwichtigen wollte, sei ihr dies offensichtlich misslungen. Dann beschreibt die Moderatorin ihre Gefühlslage vor den Interviews mit der Kanzlerin. „Angespannt, aber nicht ängstlich“ sei sie gewesen.
Auf die Frage, ob sie überhaupt Angst empfinden könne, antwortet sie: Vor Fischen und dem Meer, sie sei eine glühende Verfechterin der Überfischung der Meere, aber Angst vor Diskussionspartnern wie Björn Höcke hätte sie nicht. So wie in diesem Zitat gibt sich Anne Will die gesamten zwei Stunden humorvoll und gewitzt.

Der unerklärliche Fall der Anne Will

Mich beschäftigt während des Talks permanent die oberflächliche Frage: Wie kann Anne Will schon 50 Jahre sein (Jahrgang 1966)? Die ehemalige Sportschaumoderatorin live aus circa 10 Metern Abstand zu sehen und parallel zu wissen, dass diese Frau auf dem Podium älter sein soll als meine Mutter oder genauso alt wie Charlie Sheen ist schlicht und ergreifend unglaubwürdig. Lügenpresse! Während diese Gedanken langsam in meinem Bewusstsein herumirren und sich meine Aufmerksamkeit nur langsam wieder auf den gerade stattfindenden Talk konzentrieren kann, werden Anekdoten wie ihre von Wolfgang Overath aufgezwungene 1.FC Köln Mitgliedschaft oder ihre vergessene Partynacht mit dem estländischen Zehnkampfsieger Erki Nool bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney thematisiert.

Eine weitere Frage, die sich stellt, wenn man ihren Polittalk verfolgt ist, wie sie so ein enormes Wissen zu verschiedenen Themen verfügbar haben kann. Ihre Antwort: Kurzzeitgedächtnis sei sehr gut trainiert, sie könne sich durch die Dossiers ihrer Redaktion extrem viel Wissen in kurzer Zeit aneignen, darunter leiden würde ihr schlechtes Langzeitgedächtnis (s. Erki Nool). Anne Will hat es mit den politischen Größen Deutschlands zu tun und kann trotzdem mühelos in eine direkte Sprache (Fresse, lässig) übergehen, ohne an Eloquenz zu verlieren.

Die meiner Meinung nach wichtigste Frage, ob Journalisten eine Meinung haben sollten, beantwortet sie geschickt. Es sollte keine vorgefertigte Meinung der Journalisten geben, aber Haltung dürfen, nein müssen Journalisten zeigen. Das Gespräch funktioniert auch deswegen gut, weil mit Fritz Frey ein sachlicher und unaufgeregter Interviewer am Werk ist, der ausreden lässt.

Einen Rat an junge Studenten bei der Berufswahl hat Anne Will auch noch: Macht, was euch wirklich interessiert und glücklich macht. Und an uns Medienmenschen: Macht einfach, publiziert und schreibt – und deswegen lest ihr gerade diesen Artikel. Anne Will, dass ich diesen Artikel schreibe.

P.S.: Ausgestrahlt wird der Talk bei EinsPlus am 17.4. um 19.30, bei tagesschau24 am 20.4.16 um 23.30 und bei SWR am 22.4 um 0.30 Uhr. Oder schaut es euch einfach wie jeder andere in der Mediathek an. Ihr seid doch nicht von gestern, oder?