Die Bonner Republik: „Die glücklichste Zeit Deutschlands“?

Im Rahmen der 200-Jahrfeier veranstaltete der Bonner Universitätsclub am 15. Februar eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bonner Republik“. Als Jubiläumsbotschafter der Universität redete unter anderen der ehemalige Minister für Arbeit und Soziales, Dr. Zusammen mit zwei hiesigen Professoren diskutierte der ehemalige Bonner Alumnus zwischen akademischem Fachwissen und persönlicher Nostalgie über die Rolle der damaligen Hauptstadt Bonn, die Entstehung einer deutschen Demokratie und das Projekt Europa.

Bonner oder Berliner Republik?

Am Donnerstagabend zog eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bonner Republik“ Politikinteressierte und Zeitzeugen in den Bonner Universitätsclub. Angekündigt waren als Redner hierfür der Geschichtsprofessor Dr. Dominik Geppert, Politikprofessor Dr. Tilman Mayer und der ehemalige Minister und Bonner Alumnus, Dr. Norbert Blüm. Norbert Blüm erlebte drei Jahrzehnte lang das politische Geschehen vor allem in Bonn als Bundestagsabgeordneter und zeitweise als Teil des Kabinetts Kohl hautnah mit. Professor Mayer wiederum befasste sich erst kürzlich für sein Buch „Über Bonn hinaus“ mit der politischen Tragweite Bonns, während Prof. Dr. Geppert auf dem Gebiet Europa und aktuelle deutsche Zeitgeschichte forscht. Auch der Universitätsrektor Prof. Dr. Michael Hoch und Prorektor Prof. Dr. Andreas Zimmer befanden sich unter den Zuschauern. Die Moderation des Abends übernahm Dr. Andreas Archut.

Die Diskussion begann mit der Frage, ob man die heutige Demokratie Deutschlands noch als „Bonner Republik“ bezeichnen könne oder ob diese nicht schon bereits von einer „Berliner Republik“ abgelöst wurde. Die Redner räumten dem Begriff „Bonner Republik“ klare Daseinsberechtigung ein, da sie die ehemalige Hauptstadt essenziell für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland und Europa halten. Für eine terminologische Abgrenzung zwischen Bonn und Berlin spricht aber die neue politische Komplexität Deutschlands vor allem nach dem Mauerfall, der Berlin ihres Erachtens besser gerecht werden konnte. Während Blüm der ehemaligen Hauptstadt eine „selbstbewusste Bescheidenheit“ zugesprochen hat, stehe Berlin für politische Dominanz. So stellte Blüm beispielsweise infrage, ob die Versöhnung der Deutschen mit den westlichen Werten der Aufklärung in Berlin genauso hätte stattfinden können. Beide Mentalitäten hätten für den jeweiligen politischen Kontext aber ihre Vorteile gehabt. Die Europäische Integration sei dennoch auf dem geistigen Nährboden Bonns besser möglich gewesen. Er weitete den thematischen Rahmen hierbei auf die aktuellen Probleme und Herausforderungen der Europäischen Union aus. Was diese bräuchte, wäre – laut ihm – einen großen Integrationsschritt nach dem Vorbild der Bonner Europapolitik. Außerdem könne Wettbewerbsfähigkeit nicht das einzige Ziel der EU sein.

Nostalgie und persönliche Erfahrungen

Die anfangs nur rein fachliche Diskussion öffnete den Rednern auch schnell den Raum für Argumente, die sich vor allem aus ihren persönlichen Hintergründen ergaben. Blüm erinnerte vor allem an herausragende Persönlichkeiten der „Bonner Republik“ wie den ehemaligen Kanzler Konrad Adenauer. Dieser habe versucht über das Durchsetzen seiner eigenen Wertvorstellungen die Wiedervereinigung Deutschlands zu erreichen, getreu dem Motto „über Freiheit zu Einheit“. Diese Politik war waghalsig, aber in Blüms Augen richtig. Die „Bonner Republik“ war für den ehemaligen Minister, wie er mehrfach betonte, „die glücklichste Zeit Deutschlands.“ Der Politikwissenschaftler Mayer teilte die positiven Einschätzungen Blüms, doch er warnte davor in antiberlinerische Ressentiments zu verfallen. Auch Professor Geppert, selbst Berliner, verteidigte seine alte Heimat gegen die teilweise emotionalen und polemischen Argumente Blüms. Er habe Berlin genau wie Bonn als weltoffene und lernfähige Stadt erlebt. Für ihn war die „Bonner Republik“ die Zeit, in der Deutschland Demokratie gelernt hat. Berlin trägt die demokratische Tradition Bonns in eine komplexe und globalisierte Welt.

Neben den drei Rednern versuchte der Moderator Dr. Archut auch Stimmen und Meinungen des Publikums in die Diskussion mit einzubinden. Vor allem die Perspektive der jungen Zuhörer auf die „Bonner Republik“ interessierte ihn. Ein junger Zuhörer antwortete, dass jüngere Generationen die alte Hauptstadtzeit zwar nur in der Retrospektive wahrnehmen, aber als solche durchaus positiv. Die Bonner Zeit wäre ein Symbol für politische „Prosperität“. Ältere Zuhörer verfielen teilweise in Nostalgie über die Bonner Vergangenheit.
Diese Nostalgie war sowohl beim Publikum als auch bei fast allen Rednern auf dem Podium deutlich zu spüren. Oft glitt ein fachlicher Vergleich über den früheren und heutigen Zustand der Demokratie und des politischen Systems in persönliche und nostalgische Anekdoten ab. So vermisste man trotz aller Fachkompetenz der Redner ein allgemeines, tiefergehendes Fazit, das die Erkenntnisse des Abends für den aktuellen politischen Kontext hätte nutzbar machen können.

200. Jahrfeier der Uni-Bonn

Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen der 200. Jahrfeier statt. Das Programm anlässlich des Jubiläums dauert noch das gesamte Jahr an. Neben Diskussionsrunden werden diverse Ausstellungen und Vorträge angeboten. Wer Lust hat, die eine oder andere Vorstellung selbst zu besuchen, kann sich auf der Website der Uni Bonn über das gesamte Programm informieren.