Tom Liwa und der Trost der Dinge

Es gibt nur noch wenige Lichtgestalten, die gleichzeitig dein bester Freund und eine Instanz der Musik sein könnten – wer heute Musik macht, ist so nah am Hörer, dass er kein Star ist. Und wer ein Star ist, den kümmern die Hörer zumeist nicht. Möchte man meinen. Und dann gibt es diese – einer von Tausend – wie Tom Liwa: Die auf Jahre konstant Musikgeschichte schreiben, die einen Konzertsaal in ein Wohnzimmer verwandeln können und doch irgendwie immer unter dem Radar durchfliegen. Wie Tom Liwa sich live präsentierte, konnte man gut auf seinem Konzert im Kölner Blue Shell sehen.

“Fühlt euch wie zuhause oder bitte noch ein bisschen geiler!” – mit diesen Worten hat Tom Liwa sein Konzert im vollen Blue Shell eröffnet – und direkt klargemacht, in welche Richtung dieses Schiff hier fahren wird.

Hier geht es nicht etwa um standesgemäßen Stadionrock und auch nicht darum, eine große Lightshow abzufahren. Es geht hier darum, sich in einem sehr großen Wohnzimmer einzufinden, damit Tom Liwa und die Flowerpornoes (die Band um ihn herum) heute Abend für uns spielen kann. Hier geht es um eine Stimmung, die nur funktioniert, weil alle Anwesenden dafür bereit sind.

Tom Liwa, der bereits seit über 30 Jahren auf Bühnen steht, ist für die, die ihn nicht kennen, nicht etwa einer von vielen deutschsprachigen Popmusikern. Nicht einer von denen, die uns den ganzen Tag auf den einschlägigen Radiosendern entgegen- und uns aus den Ohren rauskommen.
Tom Liwa ist Prototyp und Inbegriff deutschsprachiger Popmusik zugleich. Er hat Songs für KLEE geschrieben und ist der Grund, wieso die Berliner Band Sternbuschweg diesen Namen trägt. Kettcar hat ihn gecovert und als seine Heimat, dem Ruhrgebiet, vor einigen Jahren zur Kulturhauptstadt wurde, trug er einen nicht ganz unerheblichen Teil zu eben jener Kultur bei.

Wo wird mein neues Zuhause sein?

Und an diesem Abend hängt das Kölner Blue Shell an seinen Lippen – die genau wissen, wie sich sie zu verhalten haben. Seine Band und er sind nicht nur derart eingespielt, dass jede kleine Stimmpause zur Jam wird; wenn man bedenkt, dass diese Band (mit Pausen) seit 1985 besteht, könnte sich so manch jüngeres Exemplar von dieser Spielfreude mehr als nur eine Scheibe abschneiden.
In über zwei Stunden führen Tom Liwa und die Flowerpornoes durch alle Facetten des gemeinsamen Schaffens – in einem gemeinsamen Vibe, der weit über ein typisches Künstler-Publikum-Verhältnis hinaus geht.

So plant der Sänger im Laufe des Abends etwa, mit dem gesamten Publikum eine Woche in ein bayrisches Kurhotel zu fahren, um jeden Abend Flowerpornoes-Konzerte zu spielen. “Für’n Zwanni”.

Und wenn er gerade nicht abschweift? Dann bekommt der Zuhörer direkt Erklärungsansätze und geschichtliche Einordnung zu den Stücken, zum Zusammenspiel, kurzum: Der Zuhörer gehört hier so fest ins Gefüge der Band, dass man sich kaum willkommener fühlen könnte, als an diesem Abend, in diesem Club, bei diesem Konzert.

Wir sind die Beatles – im verflixten siebten Jahr

Pflichtgemäß gibt es natürlich noch einen übermäßigen Anteil an neuen Songs, die jedoch auch in ganzer Pracht herausstechen. Denn: Der Künstler hat mit “Umsonst und Draußen” in diesem Jahr sein “You are the Quarrel” veröffentlicht, sein “St. Anger” – schließlich hatte er erst vor vier Jahren angekündigt, es mit der Musik bleiben zu lassen. Bis das Grand Hotel van Cleef dann an die Tür klopfte und aus ihm eines seiner beste Alben kitzelte. Und, ganz im Ernst: Wer das verpasst hat, bekommt auch nicht die Gelegenheit, es nachzuholen. Hier wird jedes Konzert zu einem Erlebnis. Mehr als all die Rammsteins dieser Welt in die Luft jagen könnten.

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