Protokoll einer Prokrastination. Oder auch: Ein ganz normaler Lerntag in der Bib.

Bild: Nicola Trenz / bonnFM

Setting: ULB Bonn

17:05 Uhr: Eigentlich wollte ich ja schon den ganzen Tag strebsam und fleißig in der Bibliothek verbringen und mich durch Lernzettel, Quellentexte und Karteikarten kämpfen. Eigentlich. Na ja, besser spät als nie, denke ich mir und bin sogar stolz darauf, dass ich es jetzt in den Glaspalast der Bildung geschafft habe. Vorteil dieser Uhrzeit: Es herrscht kein Kampf mehr um Schließfächer oder Körbchen.

17:07 Uhr: Mit grauem Einkaufskörbchen betrete ich die heiligen Hallen des Lesesaals und gehe auf der Suche nach einem schönen Plätzchen den Gang hinunter.

17:09 Uhr: Ich lasse mich an einem Platz mit Rheinblick und Überblick über einen Teil des Saals nieder.

17:11 Uhr: Wie jedes Mal begrüßt mich mein Windows mit seiner erfrischenden Melodie. Klarer Vorteil dessen ist, dass nun alle Hochkonzentrierten um mich herum wissen, welches Betriebssystem ich nutze.

17:19 Uhr: Ich habe mich nun auf dem Tisch eingerichtet und meine Unterlagen startklar.

17:22 Uhr: Die erste Definition ist abgeschrieben.

17:24 Uhr: Meine Aufmerksamkeitsspanne nimmt rapide ab. Ich starte eine Gegenoffensive mithilfe eines koffeinhaltigen Getränks eines amerikanischen Global-Players.

17:27 Uhr: Die zweite Definition ist erfolgreich abgeschrieben.

17:29 Uhr: Meine Aufmerksamkeit nimmt zu: alles, was im Lesesaal passiert, gewinnt nun für mich an immer größerem Interesse.

17:29 Uhr: Blonde Brillenträgerin rein.

17:30 Uhr: Schwarzhaarige macht sich einen neuen Zopf. Bestimmt heißt sie Priscilla; zumindest sieht sie aus wie eine typische Priscilla.

17:30 Uhr: Schwarzhaariger vor mir mit Herrendutt, auch Man-Bun genannt, packt seine Sachen zusammen. Ich philosophiere kurz darüber, welchem meiner Freunde wohl diese hippe Hipster-Frisur stehen würde und welchem nicht.

17:31 Uhr: Dunkelhaariger mit schwerfälligem Gang rein.

17:32 Uhr: Mein Tisch wird von Erschütterungen heimgesucht. Sorge, ob es Vorboten eines Erdbebens oder Tsunamis (dann sollte ich mir einen vom Rhein etwas entfernteren Platz suchen) sind.

17:32 Uhr: Entwarnung: Meine Tischnachbarin radiert.

17:33 Uhr: Ein Handy klingelt. Leider zu kurz, um die Melodie des Klingeltons zweifelsfrei identifizieren zu können.

17:34 Uhr: Ich sinniere darüber, ob ich mich neben den Blonden mit Gerolsteinerflasche zwei Reihen vor mir setzten sollte, um mit ihm die Vierschanzentournee zu schauen, die auf seinem Laptop läuft. Von meinem aktuellen Platz aus ist es mir leider nicht möglich, die Einblendungen der Ergebnisse zu lesen.

17:35 Uhr: Blonde Brillenträgerin raus.

17:35 Uhr: Priscilla macht sich erneut einen neuen Zopf.

17:35 Uhr: Blonder mit blauen Pulli raus. Empfehlung meinerseits: Sich Kleidung zulegen, die nicht mindestens drei Größen zu klein ist.

17:36 Uhr: Rothaariger mit Norwegerpulli streckt sich nun zum vierten Mal.

17:37 Uhr: Ich überlege, wie oft pro Woche der muskulöse Typ mit Brille wohl trainiert oder was er sonst noch regelmäßig zu sich nimmt.

17:38 Uhr: Der Mediziner rechts neben mir lernt mithilfe bunter Fotos in einer Power-Point-Präsentation Augenkrankheiten. Ich finde die Abbildung eines ziemlich großen Gerstenkorns (diese eitrige Entzündung der Drüsen der Augenlider nennt man Hordeolum, wie ich nun weiß) wesentlich interessanter als meine interaktionistische Definition einer sozialen Rolle… Ich sehe im Augenwinkel, wie die Gesichtsfarbe der Juristin auf der anderen Seite neben meinem Medizinerbibnachbarn immer blasser wird.

17: 39 Uhr: Rothaariger mit Norwegerpulli steht auf, streckt sich zum fünften Mal, packt seine Sachen und geht. Gute Entscheidung.

17:41 Uhr: Ich philosophiere darüber, ob ich zukünftig auch mit Kopfhörern und Musik oder Oropax in die Bib gehen sollte, um konzentrierter zu arbeiten.

17:42 Uhr: Priscilla macht sich erneut einen neuen Zopf.

17.43 Uhr: Ich werde einen kurzen Blick auf die Unterlagen meiner linken Sitznachbarin: Zwei mit Zahlen, Buchstaben und Symbolen vollgeschriebene Karoblätter. Gott sei Dank. Das ist quasi das einzige im ganzen Lesesaal, von dem für mich keine Ablenkungsgefahr ausgeht.

17:43 Uhr: Dunkelhaariger mit Bart gähnt mindestens zum vierten Mal. Mal sehen, wie lange er noch bleibt.

17:44 Uhr: Zwei Mädels quatschen angeregt im Flüsterton.

17:45 Uhr: Blonde mit Entengang rein.

17:45 Uhr: Blonde Brillenträgerin raus. Schon wieder.

17:46 Uhr: Blonde mit Entengang wieder raus.

17:47 Uhr: Gefärbt Blonde rein.

17:49 Uhr: Blonde Brillenträgerin wieder rein.

17:50 Uhr: Priscilla – Achtung was Neues! – spielt mit ihrem Zopf. So unschön, wie der nun aussieht, wird es aber bald mal wieder Zeit für einen neuen!

17:51 Uhr: Die zwei Mädels quatschen immer noch.

17:52 Uhr: Die Juristin rechts neben meinem Medizinerbibnachbarn nimmt ihr MacBook und ihren Schönfelder in Tigeroptik-Hülle unter den Arm und verlässt, inzwischen kreidebleich im Gesicht, ihren Sitzplatz. Am anderen Ende des Lesesaals lässt sie sich wieder nieder. Augenkrankheiten auf dem Laptop meines Medizinerbibnachbarn waren scheinbar gerade noch so auszuhalten für sie, die Abbildungen einer „Condylomata acuminata“ im inzwischen aufgeschlagenen Urologielehrbuch offensichtlich nicht mehr.

17:53 Uhr: Statistische Erhebung, wie viele der Leute in meinem Blickfeld gerade auf ihr Handy starren: ca. 10 %. Ich genieße das Gefühl der Überlegenheit, dass ich mich damit nicht ablenke.

17:55 Uhr: Vittelwassertrinkerin wirft sich gekonnt eine Picknickdecke über.

18:02 Uhr: Priscilla macht sich neuen Zopf. Endlich!!

18:03 Uhr: Blonde Brillenträgerin nun zum dritten Mal raus. Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen um ihre Verdauung oder ihre Blase machen soll, oder ob ihrerseits ein grundlegendes Missverständnis bzgl. der Funktion der Gänge im Lesesaal vorliegt. Also ein kurzer Hinweis an dieser Stelle: Die Gänge ermöglichen es, von Punkt A (in diesem Fall die Eingangstür) zu Punkt B (in diesem Fall dem eigenen Platz) zu gelangen. Sofern diese Möglichkeit der Überbrückung einer räumlichen Differenz häufiger als gefühlt alle paar Minuten von den gleichen Personen genutzt wird, liegt die Vermutung nah, dass der ursprüngliche Zweck nicht ganz verstanden wurde, sondern für die Bewerbung bei der nächsten Staffel von GNTM trainiert wird.

18:05 Uhr: Kleiner mit Mütze besucht einen anderen Kleinen mit Mütze.

18:06 Uhr: Noch ein neuer Kleiner mit Mütze rein. Noch vier mehr und ich fange an, das Schneewittchen dazu zu suchen.

18:08 Uhr: WAAAAS? Schon so spät? Ich rekonstruiere, dass ich nun schon seit einer Stunde hier sitze. Für mich dringend an der Zeit, raus ans Schließfach zu gehen und meinem dort verbannten Smartphone einen Besuch abzustatten. Bestimmt gab es mehrere wichtige Eilmeldungen, 103 WhatsAppnachrichten, 56 per Telegram und ich sollte dringend meinen Status dort auf „Bin beschäftigt“, „keine Zeit, Klausuren“ oder „bin konzentrierter als Orangensaft“ ändern. Auf Facebook wollten in der letzten Stunde 47 Menschen meine Freunde werden (darunter der Hausmeister meiner Grundschule, die Nachbarin meiner Großcousine und der kleine Bruder der Friseurin meines Vertrauens), mein Profilbild hat 218 neue Likes und ich bin zu 14 neuen Events eingeladen. Unter anderem legen scheinbar die Fachschaft Altertumswissenschaften bei ihrer Podiumsdiskussion zur Aktualität der Debatte um den Einsatz der Spitzharke im antiken Babylon, ein Streetfoodfestival in Hagen-West, die Hückeswagener Bierbörse und der Mädelsflohmarkt „rosarot“ in Bockenau großen Wert auf meine Anwesenheit. Außerdem möchte Zalando von mir wissen, ob ich immer noch Interesse an „Cardigan bordeaux“ habe.

Genau deshalb lasse ich mein Handy im Schließfach, damit mich all diese Dinge während meiner Lernzeit nicht ablenken und ich mich voll auf die Inhalte des Studiums konzentriere.

Ich überrede mich selbst also dazu, noch zwei weitere Definitionen abzuschreiben, bevor ich mir ein Päuschen gönne. Zwei Definitionen sollten ja schnell erledigt sein …