Alles wie gewohnt

Es ist Freitagabend. Oder eigentlich einfach irgendein Abend. Draußen ist es dunkel und ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Es ist alles wie gewohnt, ich laufe zielstrebig, gehe schnell und beobachte die ganze Zeit, wer mir entgegenkommt. Vielleicht aus Paranoia, aber wahrscheinlich eher aus gutem Grund.

Denn es ist alles wie gewohnt. Irgendwann während meinem 15-minütigen Weg nach Hause, kommt diese unangenehmen Situation: Eine kleine Gruppe Männer kommt mir entgegen. Und ab dem Moment, wo sie auch mich sehen, schrillen meine Alarmglocken. Sofort senke ich den Kopf, schaue auf den Boden, gehe noch schneller als ohnehin und hoffe, dass mein Gefühl mich täuscht.

Und leider, wie viel zu oft, ist mein Gefühl richtig. „Ey siehst gut aus!“, ruft mir einer entgegen. Mein Blick bleibt auf den Boden gerichtet, ich antworte nicht. Jetzt ist es der nächste, der mir ein Kompliment macht, sofern solche Zurufe in einem solchen Setting überhaupt als Kompliment gelten können. Ich mache mich immer kleiner, senke meinen Kopf noch mehr. Ich habe Angst, dass wenn ich reagieren würde, ich sie provoziere noch einen Schritt weiter zu gehen. Als ob es meine Aufgabe wäre, dafür zu sorgen nicht belästigt zu werden. Ihnen keinen Grund zu geben, mir unangenehm nahe zukommen. Im Nachhinein fühle ich mich wie ein Tier, dass sich dem Stärkeren unterordnet, um keinen größeren Schaden hervorzurufen, wie ich mit eingezogenem Kopf versuche der Situation zu entfliehen. Ob ich es damit wirklich besser mache weiß ich nicht. In dieser Situation werden die Männer eher wütend, dass ich mich für ihre „Komplimente“ nicht bedanke. Dass rufen Sie mir zumindest zu, gepaart mit ein paar Schritten in meine Richtung und, nachdem ich noch immer nicht reagiere, mit Beleidigungen wie „Hure“ oder „Schlampe“. Wie absolut absurd es ist als das bezeichnet zu werden, nur weil ich auf ihre Zurufe nicht reagiert habe ist wohl selbstredend, trotzdem nichts Neues.

Ich würde so gerne behaupteten, sowas wären Einzelfälle, aber das ist nicht der Fall. Im Endeffekt passiert sowas viel zu oft, mit unterschiedlichen Ausprägungen natürlich. In dem Fall haben mich die Männer nicht angefasst, aber auch das ist mir schon passiert. Ich verstehe warum meine Freunde mir sagen, ich solle mich melden wenn ich zuhause angekommen bin und ich weiß auch, warum ich immer wieder die Stimme meiner Eltern im Kopf habe, die mir sagen: „Geh nicht alleine nach Hause“. Was ich aber nicht verstehe ist, warum mein Bruder zum Beispiel diesen Satz nie hört. Klar, den Grund dafür kenne ich, aber nachvollziehen, warum meine Schwester und ich diesen Satz immer wieder haben hören müssen, kann ich nicht. Es ist schließlich nicht unsere Aufgaben, dafür zu sorgen nicht belästigt zu werden. Aber am Ende ist wohl alles wie gewohnt.