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Alle meine Flammen
Bild: Dawn Huczek / flickr

Alle meine Flammen

die bonnFM Kolumne

Nur weil wir snappen, sind wir noch lange keine Freunde. Und nur weil wir Freunde sind, müssen wir noch lange nicht snappen.

Meine Schwester blickt auf ihr Handy.

„Boah, der hat mich nur für die Punkte geadded, ich sags dir.“

„Hä?“

„Ja, der will nicht wirklich mit mir snappen. Wir kennen uns auch gar nicht richtig.“

So richtig warm geworden bin ich nie mit Sozialen Netzwerken. In der Grundschule war es mir wichtig, Wer-kennt-Wen zu haben, aber die Webseite wurde inzwischen gelöscht. Facebook, Snapchat, Instagram habe ich alles mal ausprobiert, aber nichts davon blieb hängen. Jetzt fühle ich mich ziemlich alt, wenn ich mit meiner 17-jährigen Schwester über das Thema rede und manchmal gar nicht mitkomme. Aber was bringen mir so-und-so viele Punkte, oder so-und-so viele Freunde, wenn man mit keinem davon wirklich redet? Wir teilen, liken, kommentieren und adden, ohne zu reflektieren, was wir tun.  Das Internet bietet jeder Form von Kommunikation eine Plattform, aber nur weil alle in den Wald schreien, schallt noch lange nichts heraus.

Freundschaft in Zahlen

In meiner letzten Kolumne habe ich felsenfest behauptet, dass Freundschaft nicht quantifizierbar sei. Nicht in Worten und genauso wenig in den Zahlen, die die angebliche Anzahl meiner Freundschaften beziffern wollen. Denn welche Aussage haben die Punkte bei Snapchat, wenn sie keinen Unterschied zwischen guten Freunden und kurzen Bekanntschaften machen? Wie fähig sind soziale Netzwerke, tatsächliche Beziehungen darzustellen? Ich denke, an diesem Punkt ist es wichtig, eine Grenze zwischen den zweidimensionalen Beziehungen des Internets und den greifbaren Freundschaften der Wirklichkeit zu ziehen. Denn Snapchat verteilt Punkte, wenn man Bilder verschickt (ein Punkt pro Bild) und Flammen, wenn die Leitung „glüht“, also man mit einer Person richtig oft „snappt“. In einigen Fällen halte ich das für „übergesnappt“.

Ein Plädoyer gegen die Wegwerfkommunikation

Was passiert genau bei Snapchat? Man schickt ein Bild los, damit es für ein paar Sekunden von dem oder der Empfänger*in gesehen werden kann, ehe es ins Nichts verschwindet. Das Bild muss nicht schön, oder lustig sein, manchmal reicht schon der Küchenboden. Meine Schwester hat für ihre Flammen schon öfter den Küchenboden (oder andere Böden) verschickt. Im besten Fall schmunzelt der/die Rezipient*in über das witzige Bild, vielleicht antwortet er/sie aber auch nur mit einem grinsenden Emoji (was unter keinen Umständen bedeutet, dass wirklich gelacht wurde). Wir kommunizieren also nur noch um des Kommunizierens Willen, hinter den Bildern und kurzen Nachrichten steht keine tiefere Absicht. Im Fachjargon bezeichnet man diese Form der Interaktion als „phatische Kommunikation“ und bezieht sich damit in erster Linie auf den verbalen Smalltalk. Ich erlaube mir mal dem deutschen Volksmund eine neue Vokabel für das Phänomen zu schenken: Wegwerfkommunikation. Klingt zugegebenermaßen etwas sperrig, aber die Aussage wird hoffentlich klar.

Ist das noch sozial?

Tatsächlich hat die phatische Kommunikation einen tieferen Sinn. Sie dient der Pflege von sozialen Kontakten.  Aber wie „sozial“ sind meine Kontakte, wenn sie auf meinem Smartphone zu Punkten, Zahlen und Daten werden? Ich muss gestehen, dass ich das etwas drastischer klingen lasse, als es tatsächlich ist. Zudem ist Kommunikation via Flamme auch nicht von Snapchat erfunden worden – Rauchzeichen  gibt es schon seit Jahrtausenden. Allerdings war auch diese Form von Gespräch nicht ganz klimaneutral, genauso wie die Wegwerfkommunikation. Also: Verwendet eure Worte nachhaltig, grün und mit dem geringsten CO2-Fußabdruck, den ihr erreichen könnt: verbal! Setzt das Wort gegen die nüchternen Punktzahlen ein und trefft euch mit Leuten, statt ihnen Snaps von eurem Küchenboden zu schicken!

Bild: Dawn Huczek

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