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Künstliche Intelligenz - Symbolbild - Quelle: Unsplash/Igor Omilaev

Das Ende der uns bekannten Zukunft?

„Was willst du eigentlich nach dem Studium machen?“ Die wohl bekannteste und most dreaded Frage auf jeder Familienfeier. Seit neuestem gibt es darauf folgend aber einen lieb gemeinten Ratschlag, der mir noch mehr Sorgen bereitet…

„Da musst du aber aufpassen mit KI. Das wird sich alles ganz schön verändern. Da werden viele Stellen abgebaut.“ – Achso, danke für den Hinweis, Onkel Ralf. Klar kann mir KI bei vielen Uni-Aufgaben helfen. Aber was ist, wenn wir auf einmal unnötig werden in dem Prozess?

KI: Wie alles begann

Wie fing eigentlich der Anfang vom „Ende“ an? Ist das wirklich erst vor drei, vier Jahren passiert, als wir kollektiv beschlossen haben, Hausarbeiten nicht mehr allein zu schreiben? Nein, die Idee von KI ist wahrscheinlich älter als die meisten unserer Eltern. Schon in den 1950ern fragte sich der Mathematiker Alan Turing, ob Maschinen denken können. Nach Jahren voller Ups and Downs in der Entwicklung haben Tech-Konzerne Milliarden in KI-Forschung investiert und KI-Systeme wie ChatGPT für alle zugänglich gemacht.
Heute bekommt man innerhalb von Sekunden fertige Texte und Bilder passend zu seinen Anfragen ausgespuckt. KI gehört mittlerweile zu unserem Alltag und hat starke Auswirkungen auf die Arbeitswelt und Bildung. Wie wird es dann in ein paar Jahren aussehen? „Hey ChatGPT, zeige mir ein Bild davon, wie Jobs in 20 Jahren durch die Entwicklung von KI aussehen werden.”

Die Antwort des Large-Language-Modells auf die Frage, wie Jobs in zwanzig Jahren durch KI-Entwicklung aussehen könnten. Quelle: ChatGPT

Kann KI eine Chance für die Zukunft sein?

„Nutzen Sie die Chancen, die dieser Wandel mit sich bringt. Nur Mut!“, schreibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit auf seiner Website zum Job-Futuromaten. Also tippe ich dort meinen Wunschberuf ein und bekomme gesagt, dass 40 % der Kerntätigkeiten automatisierbar sind. Das ist doch richtig motivierend. Zum Vergleich: Wirtschaftsingenieur*innen sind zu 62 %, Schulbegleiter*innen zu 0 % und Molekularbiolog*innen zu 14 % automatisierbar. Das fühlt sich ein bisschen so an, wie das Horoskop in der Bravo zu lesen, um herauszufinden, ob ich mit meinem Crush zusammenpasse. Nur dass es hierbei meine Zukunft geht.

Eine Prognose vom Deutschlandfunk gibt an, dass in Deutschland rund 800.000 Jobs in den nächsten 15 Jahren durch KI wegfallen könnten. Aber sie prognostizieren auch 800.000 neue Jobs, die dazukommen. 1940 existierten rund 60 Prozent der heutigen Jobs, wie zum Beispiel „Social-Media-Manager*in“ noch gar nicht. Und trotzdem bleibt diese Sorge: Woher weiß ich denn, ob ich das Richtige studiere? Für welches Studium soll ich mich entscheiden, wenn es den passenden Job dazu noch nicht einmal gibt?

Die RWTH Aachen empfiehlt Anpassungsfähigkeit, lebenslanges Lernen und KI-Kenntnisse. Aber nicht jede*r kann sich ständig neu erfinden und weiterbilden. Wer Care-Arbeit leistet oder finanziell gebunden ist, fällt der sozialen Ungleichheit zum Opfer. Das führt zu einem erhöhten Risiko von Arbeitsplatzverlust und eingeschränkten Aufstiegschancen, weil ihnen der Zugang zu Weiterbildung, Zeitressourcen und digitaler Infrastruktur fehlt. Technologischer Wandel produziert also nicht nur Innovation, sondern auch Gewinner*innen und Verlierer*innen Am Ende bezeichnen die meisten Analysen KI trotzdem als eine „Chance“ für Gesellschaft und Wirtschaft, denn viele Tätigkeiten werden bei Datenanalyse, Dokumentation und Diagnostik durch KI unterstützt, aber nicht durch sie ersetzt.

Wegen KI: Wer muss um seinen Job fürchten?

Welchen Job trifft es zuerst? Für wen hat Heidi heute ein Foto und wer muss leider gehen? Laut der Nexford University sind vor allem Jobs gefährdet, die wenig Empathie oder Kreativität benötigen und aus repetitiven Aufgaben bestehen. Das betrifft nicht nur Produktionsjobs, sondern teilweise auch klassische akademische Berufe. Eine Analyse von Goldman Sachs nennt dazu unter anderem Übersetzer*innen, Programmierer*innen und Wirtschaftsprüfer*innen. Und als wäre das nicht genug, weist die International Labour Organization darauf hin, dass ausgerechnet Berufseinsteiger*innen, wie wir, stärker betroffen sein könnten. Denn wir übernehmen oft Routinetätigkeiten, die sich besonders leicht automatisieren lassen.

Tätigkeiten, die laut Nexford University heute als besonders KI-resistent angesehen werden, haben Merkmale wie soziale Kompetenz und Urteilsfähigkeit. Dazu gehören zum Beispiel Lehrer*innen, Chirurg*innen oder Richter*innen. Auf der anderen Seite kann man hier nicht von eindeutig “robusten” Berufen sprechen, denn der Arbeitsmarkt verändert sich ja nicht nur wegen KI. Klimawandel, demographischer Wandel und wirtschaftliche Faktoren spielen laut Deutschlandfunk auch eine große Rolle, weswegen der Effekt von KI alleine schwer messbar ist. Heute steht da keine Jury mit einer klaren Entscheidung und wir wissen noch nicht, welcher Job eine Runde weiter ist.

Fortschritt mit Nebenwirkungen

Und mal ganz abgesehen von der Frage, ob KI uns fachlich ersetzen kann, können wir uns das ökologisch überhaupt leisten? Der Ausbau von KI, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit klingt ja erstmal super. Was dabei aber erstaunlich selten angesprochen wird, ist der Ressourcenverbrauch. Laut Greenpeace könnte der Strombedarf von KI-Rechenzentren bis 2030 etwa elfmal höher sein als noch 2023. Der Wasserverbrauch für die Kühlung der Rechenzentren soll sich in den nächsten Jahren vervierfachen. Dazu kommen steigende CO₂-Emissionen, extrem energieintensive Chip-Produktion und Millionen Tonnen zusätzlicher Elektroschrott.

Sam Altman, der CEO von OpenAI, hat vor wenigen Tagen versucht, den Energieverbrauch von KI zu rechtfertigen. Laut ihm verbrauche ein Mensch schließlich auch rund 20 Jahre lang Ressourcen, bis er „trainiert“ sei. Aber selbst wenn die KI effizienter wird, heißt das nicht automatisch, dass der Verbrauch sinkt, denn wir nutzen sie ja immer mehr. Während wir uns also Sorgen um unsere Zukunft machen, wird die ganze Zeit eine Technologie genutzt, die unseren Planeten und unsere Zukunft enorm belastet.

Mensch oder KI?

Gerade konzentriert sich eine enorme Macht bei wenigen Tech-Konzernen. Sie verfügen über Daten, Kapital und Rechenkapazitäten, von denen Staaten teilweise abhängig sind. International gleicht das einem Flickenteppich, denn es gibt für KI bisher keinen einheitlichen globalen Rechtsrahmen. Während die KI also längst Arbeitsmärkte, Entscheidungsprozesse und die Art, wie Wissen aufbereitet wird, verändert, versuchen wir Studis einzuschätzen, ob wir uns gerade eine brotlose Kunst aneignen.

Vielleicht sollten wir uns viel mehr fragen, inwiefern uns die Gesellschaft, die Politik und unser Bildungssystem auf genau diese Veränderungen vorbereiten. KI ist ja erst einmal ein Werkzeug und braucht jemanden, der*die die richtigen Fragen stellt, Fehler erkennt und Verantwortung übernimmt. Trotzdem bleibt eine Frage im Hinterkopf: Was passiert, wenn KI irgendwann so gut wird, dass man keinen Unterschied mehr erkennt? Wenn kreative Ideen nicht mehr eindeutig menschlich zuzuordnen sind? Wer weiß, vielleicht ist dieser Artikel hier auch von einer KI geschrieben… Deswegen sollten wir uns fragen, welche Arbeit wir als Gesellschaft fördern oder neu denken wollen. Was wir jetzt erstmal tun können, ist, uns aktiv mit KI auseinanderzusetzen und sie bewusst und reflektiert zu nutzen.

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