Der Fußball zwischen Kommerz, Medien und sozialer Verantwortung
Bild: Niklas Schröder

Der Fußball zwischen Kommerz, Medien und sozialer Verantwortung

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Bonn. Hochkarätig besetzt war der Fußballtalk am Donnerstagabend im Bonner Universitätsforum. Vor über 200 Gästen diskutierten Bayern München Präsident Uli Hoeneß, Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof des Bistums Essen, sowie Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 über die soziale Rolle des Fußballs in Deutschland. BonnFM war für Euch dabei. 

Nach einer einleitenden Begrüßung durch den Präsidenten der Bonner Akademie, Prof. Bodo Hombach, leitete der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker durch den Abend. Dem eigentlichen Thema „sozialer Klebstoff“ wurde leider nicht viel Redezeit gewipnet. Die Fragen an die „Macher“ Hoeneß und Tönnies richteten sich nach den aktuellen medialen Themen des Fußballs.

Uli Hoeneß spricht Klartext zur Steakaffäre von Frank Ribéry

Mit einem Augenzwinkern das Wichtigste vorab. Zum Social Media Wahnsinn und auch zu Ribérys Steakaffäre bezieht Hoeneß auf dem Podium klar Stellung: „Ich habe mir die Geschichte ganz genau erzählen lassen und dann festgestellt, dass es Fake News waren. Frank Ribéry hat sich das Steak nicht gekauft, sondern wurde in das Lokal eingeladen. Der Wirt hat ihm das Steak dann einfach hin gestellt. Den einzigen Fehler den Ribéry gemacht hat, ist dass er das Steak nicht an die Wand geklatscht hat. Er hat das Steak ja noch nicht mal gegessen. Er hätte es an die Wand klatschen sollen und dann hätte sich auch keiner drüber aufgeregt.“ Auf Ribérys offiziellen Social-Media-Kanäle waren Anfang Januar heftige Beleidigungen verbreitet worden. Dies war die Reaktion auf die Kritik über ein Bild von einem vergoldeten Steak, das der Spieler gepostet hatte. Ribéry bekam vom Rekordmeister für seine Äußerungen eine hohe Geldstrafe.

Uli Hoeneß sieht seine Spieler in der Sozial-Media-Falle: „Unsere Spieler tun mir manchmal leid. Sie sind ja völlig in der Öffentlichkeitsproblematik gefangen. Die jungen Leute sind vollkommen überfordert damit, wie über sie gerichtet wird. Jeder Furz wird registriert.“, sagt der Präsident kopfschüttelnd und blickt zurück zu seiner Zeit als Spieler. „Unsere Zeit der Unbekümmertheit war schön. In den 70er Jahren sind wir, die komplette Mannschaft, mit Udo Lattek zusammen zum Münchener Oktoberfest gegangen. Da waren wir dann zwölf Stunden. Die Hälfte war im Anschluss betrunken. Es ging bis irgendeiner gekotzt hat. Was glauben Sie, was da heute los wäre? Heute würdest du da unter 500 Selfies nicht durch kommen. Damals gab es kein Handy und kein Foto.“

Tradition gegen Kommerz

In fast jedem Profiverein wird über die Kommerzialisierung des Fußballs debattiert. Dabei geht die Schere zwischen Verantwortlichen und Fans immer weiter auseinander. Wo jahrzehntelang Vati und Sohn mit ihren Dauerkarten auf der Tribüne standen, sitzen jetzt ahnungslose Touristen und tragen den vorher erworbenen Merchandise aus dem Fanartikelladen im Stadion. Immer mehr breite Business-Logen ziehen ihre Glaswände durch die Rondelle der Stadien. Werbeverträge werden geschlossen und exklusive Anstoß Zeiten ausgehandelt. Auch Hoeneß gefallen einige Entwicklungen nicht: „Ich bin ein leidenschaftlicher Fußballfan. Aber wir können auch nicht alles was uns nicht gefällt abwerfen. Wir haben bei uns in der Südkurve Fans, die weniger Kommerz wollen. Und wenn du dann sagst, naja gut, dann können wir nicht mehr Champions League spielen. Das wollen die dann aber auch nicht. Also entweder du willst im Konzert der Großen mitspielen oder du spielst halt in der Amateurliga.“ Eine Lösung, wie man ohne Globalisierung und Kommerz weiterhin erfolgreich mitspielen will, habe Hoeneß aber auch noch nicht gefunden. 

Tönnies pflichtet ihm bei und sagt: „Es ist das erklärte Ziel, dass wir oben mitspielen wollen. Dafür müssen wir mindestens so gut sein wie der Wettbewerb. Wir haben auf Schalke eine große Verantwortung gegenüber der Fan- und Mitgliedergemeinde, die sehr differenziert sind. Darunter sind richtige reiche Mitglieder wie Manager und Unternehmer. Es gibt aber auch ein ganz breites Feld von Sozialschwachen, die sich die Stehplatzkarte durch fünf teilen und mit Leib und Seele dabei sind. Neben der Familie haben diese Mitglieder dann nur Schalke. Und so ist es schwer, allen zu vermitteln, dass man sich professionalisieren muss und auch den Kommerz braucht, um oben mitspielen zu können. Und dann gibt es halt die Fans, die in einem Satz sagen: “das ist uns alles zu teuer, aber hol doch mal den Ronaldo”. Ein Wiederspruch in sich. 

Seine persönliche Grenze, wo der Kommerz aufhören sollte, zieht Uli Hoeneß bei den Strukturen der Bundesliga. Für ihn sei es wichtig, dass die Bundesliga so erhalten bliebe, wie sie es jetzt ist. „Für mich gibt es überhaupt keine Diskussion, dass Samstags wegen internationalen Spielen keine Bundesliga mehr stattfindet.“ Auch, dass der FC Bayern bald in einer europäischen Superliga spielen würde, kann der Präsident total ausschließen: „Da gibt es einen klaren Beschluss des Aufsichtsrats und des Vorstandes.“ Allerdings könne man andere Dinge nicht selbst entscheiden. „Ich möchte eigentlich keine Spieler für 80 Millionen kaufen, aber wenn du gegen Manchester City oder Barcelona bestehen willst, wo Transfers von 60 bis 100 Millionen Tagesgeschäft sind, dann musst du hin und wieder mal tief in die Tasche greifen.“ „Der Fußball ist in der Entwicklung“, sagt Tönnies nachdenklich: „Wir haben Italien vorne gesehen, wir haben Spanien vorne gesehen. Jetzt sind die Engländer vorne. Es ist ein Mechanismus, der sich nicht wieder zurückdrehen lässt. Wir werden uns an andere Gehälter und Ablösen gewöhnen müssen um weiter mithalten zu können.“

Geld schießt Tore

In den europäischen Finals stehen dieses Jahr nur Mannschaften aus England. Darauf angesprochen sagt Hoeneß: „Ich glaube schon, dass Geld Tore schießt. Auf jeden Fall in der Breite. Der Vorteil der Engländer ist, dass sie 3 Milliarden vom TV bekommen, wir eine Milliarde. Man muss auch sehen, dass die Engländer jetzt in die Infrastruktur investieren. Sie holen gute Trainer und Manager. Es wird schwer, sie von da oben wegzuholen.“ Tönnies sieht aber auch einen anderen Vorteil: „Wir haben unterschiedliche Systeme. In der Bundesliga sind wir eingetragene Vereine und können somit auch nicht kapitalisieren. In der Premier League gibt es fast ausschließlich nur Kapitalgesellschaften. Da kämpfen zwei völlig unterschiedliche Systeme gegeneinander. Wir würden gerne weiterhin ein Verein bleiben, aber man ist halt mit Wettbewerbern konfrontiert, die so viel Geld reinpumpen, dass Geld tatsächlich Tore schießt. In den nächsten Jahren machen die das Thema Champions League unter sich aus.“

Gewalt, Gleichberechtigung und Soziale Projekte

Zum Thema “Gewalt im Fußball” hat der Aufsichtsratsvorsitzende von Schalke eine klare Haltung: “Ich bin gegen Gewalt. Ich möchte, dass wir Herr im Stadion bleiben. Wir haben ja eine Hausordnung, an die wir uns alle zu halten haben. Dafür haben wir uns ein Leitbild gegeben und das fordere ich ein. Ich ärgere mich zum Beispiel darüber, dass Fans auf den Rasen gehen und einem Spieler die Kapitänsbinde abnehmen. Da wird jede Linie überschritten. Rivalität ist ja gut, aber den Schädel einschlagen oder Fensterscheiben kaputt machen, das geht zu weit. Hier müssen wir konsequent vorgehen.“ 

Für Uli Hoeneß wäre es eine wunderbare Sache, wenn mehr Zuschauer zu den Spielen der Frauenmannschaften kommen würde. Die Vorwürfe, dass es beim FC Bayern zu wenig Gleichberechtigung gegenüber Frauen gäbe, weißt er von sich: „Der FC Bayern hat eine Frauenmannschaft die sehr erfolgreich ist. Die Einnahmen sind leider praktisch null und trotzdem investieren wir in die Mannschaft.“ Zum eigentlichen sozialen Klebstoff hält Tönnies ein Schlussplädoyer: „Ich glaube, dass wir bei Schalke viel mehr mit sozialen Schwächen und größerer sozialer Verantwortung konfrontiert sind, als jeder andere Verein. Wir machen mit „Schalke hilft“ so unglaublich viel vor Ort.“ Die Aktion der sogenannten „Kumpel Kiste“ hebt er hervor. In diesem Projekt werden von Schalkern, die mehr haben, Päckchen gefüllt und dann an Schalker weitergegeben, die weniger haben. „Ich finde das ist ein gutes Beispiel für Klebstoff.“

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