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Bild: Bettina Stöß

Musik, Macht, Männer – “Die Ameise” an der Oper Bonn 

Das erste Mal seit der Uraufführung vor rund 55 Jahren wird die Oper „Die Ameise“ von Peter Ronnefeld wieder gezeigt. In der deutschsprachigen Oper geht es um den vermeintlichen Mord, den der Gesangslehrer Salvatore an seiner Schülerin Formica begeht. Im Bonner Opernhaus inszeniert Regisseurin Kateryna Sokolova das Stück zwischen Krimi, Tragödie und Gerichtsdrama und stößt dabei trotz des schwierigen Themas auf große Begeisterung beim Publikum. 

Ein Gerichtssaal, zahlreiche Zuschauende auf den Rängen: die Staatsanwältin mit Peitsche in der Hand versucht, sie immer wieder gegen den Angeklagten anzustacheln. „Wir besuchen regelmäßig solche Prozesse, wir können uns ein Urteil erlauben“, singen die Zuschauenden. Auf der Anklagebank sitzt der Gesangslehrer Salvatore. Er steht im Verdacht, seine minderjährige Studentin Formica (Latein für „die Ameise“) umgebracht zu haben. 

Die Staatsanwältin, der Verteidiger, die Mutter des Opfers, ein Zeuge und ein Bekannter des vermeintlichen Täters Salvatore geben ihre Meinung zum Vorfall ab. Dann fällt der Vorhang zum ersten Mal. Das hohe Gericht wird gebeten, sich zur Beratung zurückzuziehen. Gemeint sind damit die Besucher*innen der Oper Bonn. Sie müssen an diesem Abend alle für sich entscheiden, ob sie den Gesangslehrer für schuldig halten. Denn eine klare Auflösung, ob er Formica umgebracht hat, gibt es bis zum Ende des gut zweistündigen Stücks nicht. Für einige Minuten bleibt es still im Saal. Einige Besuchende fangen an zu tuscheln, sich über das Urteil auszutauschen. Dann geht der Vorhang wieder auf und die Zuschauer*innen bekommen tiefere Einblicke in das Leben von Salvatore und Formica. 

Nur ein alter weißer Mann und seine junge Schülerin? 

Dabei zeigt sich schon im ersten Akt der Oper, dass das Verhältnis zwischen Formica und Salvatore eine toxische Machtbeziehung war. Mit nur 16 Jahren drängte ihre Mutter sie, den Unterricht bei ihm aufzunehmen und zu ihm zu ziehen. Er, der alte weiße Mann, entwickelt sexuelle Fantasien über seine Schülerin. Beginnt sie zu begehren und sie als „sein Geschöpf“ und „sein Eigentum“ zu bezeichnen. Im Verlauf des Stücks erinnert sich Salvatore oft an Formica zurück. Die dargestellten Situationen sind jedoch verzehrt von der sexuellen Begierde Salvatores. Der Lehrer, aus dessen Sicht die Oper erzählt, macht sie ständig zum Objekt seiner Begierde. Auch wenn Formica mehrfach beteuert, nichts von ihm zu wollen, außer Singen zu lernen, bewegt sie sich anzüglich vor ihm. Salvatore ist von ihr besessen und wird immer obsessiver. 

Kontrolle eines Mannes

Irgendwann will Formica Salvatore verlassen, um woanders ihre Karriere als Sängerin zu beginnen. Damit weiß Salvatore nicht umzugehen, außer mit dem vermeintlichen Mord an ihr – und mit dem Verlust seines Verstandes. Auch nach ihrem Tod ist Salvatore noch gefangen in den Erinnerungen an Formica. Er sitzt mittlerweile im Gefängnis, denn auch wenn Salvatore selbst den Femizid nicht gesteht, verurteilt ihn das Gericht. Dort glaubt der Lehrer, seine Schülerin in einer Ameise wiederzuerkennen. Er versucht dem Tier das Singen beizubringen. Dabei verfällt Salvatore mehr und mehr in einen wahnhaften Zustand. Am Ende kommt es für ihn deshalb zu einer weiteren Katastrophe. 

Lustvorstellungen aus der männlichen Perspektive

Auch in anderen Männer-Charakteren der Oper zeigen sich Salvatores leider auch heute noch allgegenwärtigen Einstellungen. Die Inszenierung setzt diese Verhaltensweisen sarkastisch in Szene und parodiert Lustvorstellungen und Machtausnutzung von Männern. Regisseurin Kateryna Sokolova macht damit ein Thema deutlich, das nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Gesellschaft zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Viele Frauen enden aufgrund ihres Geschlechts im Tod. Im Jahr 2024 wurden weltweit etwa 50.000 Frauen und Mädchen von ihren Partnern oder Familienangehörigen getötet.

Dabei bleibt die weibliche Perspektive häufig komplett unsichtbar – genauso wie in der Oper. Formica ist tot, sie kann nicht mehr zu Wort kommen und so bleibt auch ihre Seite der Geschichte ungesehen. Alle Auftritte der Sängerin stammen aus Salvatores Erinnerungen. Und er ist sicher keine objektive Quelle, um das Verhalten seiner Schülerin zu beurteilen. 

Die Oper spiegelt damit einmal mehr die Realität. Täter, Gesellschaft und Umfeld bringen Frauen zum Schweigen: Sie schenken ihnen keine Aufmerksamkeit, glauben ihren Erzählungen nicht oder verdrehen die Tatsachen. Zeitgleich fühlen sich Männer in ihren Machtdynamiken so sicher, dass sie sich viel zu viel herausnehmen können – auf Kosten der Frauen, immer und immer wieder. 

„Wir besuchen regelmäßig Theater, wir können uns ein Urteil erlauben“

„Die Ameise” ist ein Stück über Parodie, Ironie und Anspielungen über Männer und ihre absurden Fantasien über Frauen.Trotz des schwierigen Themas bleibt das Stück leicht zugänglich. Die Dialoge und der Gesang sind auf deutsch verfasst und damit leicht verständlich. Die Handlung hält sich eng an die Beschreibung der Original Oper. Dadurch können Zuschauende auch ohne viel Opern Erfahrung oder ständiges Analysieren gut folgen. Darüber hinaus setzt die Inszenierung an vielen Stellen auf rein visuelle und schauspielerische Szenen. Wo die Darstellenden singen, überzeugt die Besetzung mit typischen Opernsounds und einem Chor, der die Handlung kontrovers kommentiert. 

Die einzige Frage die offen bleibt, ist am Ende damit nicht, ob Salvatore wirklich schuldig ist, sondern wieso solche Machtdynamiken auch heute noch alltäglich sind. Wieso können Männer ihre Positionen gegenüber Frauen häufig zu ihren Gunsten ausspielen? Wieso funktionieren Witze auf Kosten der weiblichen Sexualität selbst in einer Oper, die diese Einstellung eigentlich kritisiert? Wieso schließen Menschen mit der Aussicht auf Erfolg ihre Augen und nehmen Ausbeutung und Missbrauch hin? Und wieso müssen wir erst ein ironisches Stück sehen, um genau das, die Geschlechterrollen und die Machtdynamiken dahinter, zu hinterfragen?

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