Zwischen dem 26. Juli und 2. August verwandelte sich die Anlage des Tennis-Clubs Blau-Gelb Beuel erneut in eine Bühne für internationales Spitzentennis. Mit Spielern aus aller Welt, prominenten Gästen und einem Finale zwischen Favorit und Außenseiter gingen die Bonn Open in ihre dritte Runde.
Links, rechts, links, rechts. Unter der knallende Mittagsonne bewegen sich knapp 600 Köpfe synchron von links nach rechts. Dann ein lauter Applaus und sofort danach absolute Stille. Und wieder bewegen sich die Köpfe. Das Publikum beim Tennis ist anders als bei anderen Sportarten. Während der Ballwechsel wird quasi nicht gesprochen – höchstens mal geflüstert. Alle beobachten gebannt wie der kleine, gelbe Filzball mit weit über 100 km/h übers Netz gedonnert wird. „Das ist wie Sinner gegen Alcaraz“ hört man leise aus dem Publikum. Aber auf dem Feld spielt nicht die Nr. 1 und die Nr. 2 der Weltrangliste im Herren-Tennis, sondern die Nr. 88 und die Nr. 930!
Für viele im Publikum war das Finalspiel der 3. Bonn Open am Sonntag, den 2. August das erste Mal, dass sie Profi-Tennisspieler live auf dem roten Sand erleben durften. Das Internationale Tennisturnier, was 2024 seine Premiere feierte, hatte Spieler aus der ganzen Welt auf die Anlage des Tennis-Clubs Blau-Gelb Beuel gebracht. Darunter auch 15 deutsche Nachwuchshoffnungen, die um wichtige ATP-Punkte und ein Gesamtpreisgeld von 100.000 Euro spielten. Zur Erklärung: ATP-Punkte sind eine Art Punktekonto, das jeder Profi durch seine Turniererfolge füllt – je weiter man kommt und je größer das Turnier ist, desto mehr Punkte gibt es. Das Pendant bei den Frauen sind die WTA-Punkte. Diese Punkte bestimmen die Platzierung auf der Weltrangliste, auf der die Spieler*innen einsortiert werden.

Außenseiter trifft auf Turnierfavorit
Für den deutsch-neuseeländer Jamie Mackenzie war dieser ATP Challenger in Bonn ein ganz besonderes Turnier. Der 18-Jährige, der vor dem Wettbewerb auf Rang 930 der Weltrangliste rangierte, war über eine Wildcard ins Turnier gekommen. Nachdem er im vergangenen Jahr bei den Bonn Open sein erstes Challenger Spiel gewinnen konnte, gelang ihm dieses Jahr ein noch größerer Meilenstein: Sein erster Finaleinzug! Im Finale wartete dann allerdings sein bislang schwerster Gegner des Turniers. Jan Choinski, ein erfahrener Spieler aus Großbritannien, der bis dahin noch keinen einzigen Satz verloren hat. Die Rollen waren also klar verteilt – genauso wie die Sympathien des Publikums. Alle hofften auf eine perfekte Underdog-Story. Manche setzen sogar zu großen Vergleichen an: „Der erinnert mich ein bisschen an den jungen Bobbele“, hört man aus dem Publikum. Der Vergleich mit Boris Becker bezog sich allerdings vermutlich eher auf die roten Haare Mackenzies, schließlich gewann Becker mit 18 Jahren bereits seinen zweiten Wimbledon-Titel. Mackenzies Geschichte ist – noch – eine andere. Bereits nach etwas über einer Stunde gratulierte er, niedergeschlagen, seinem überlegenen Gegner zu dessen 10. Challenger-Titel. Zwar war dem jungen Talent die Enttäuschung nach dem verlorenen Finale deutlich anzumerken, aber bereits bei der Siegerehrung konnte er wieder lächeln. Er bedankte sich für die Unterstützung des Publikums und betonte, wie viel ihm das Turnier in Bonn bedeutet: „Jedes Mal, wenn ich hierher komme, fühlt es sich an wie zuhause.“

Bonn im Tennisfieber
Das die Bonn Open für ihn so besonders sind begründete er nicht nur damit, dass er hier den größten Erfolg seiner Karriere feiern durfte, sondern auch mit der guten Organisation des Turniers. Rund 60 Volunteers und 60 Ballkinder hatten eine Woche lang dazu beigetragen, dass das Turnier, mit einem Zuschauerrekord von über 12.000 Zuschauer*innen, zu einem großen Erfolg werden konnte. Bereits drei Wochen vor
Turnierstart habe man so viele Tickets verkauft wie im Vorjahr, berichtet die Turnier-Direktorin Rebecca Quebbemann im Interview mit dem General-Anzeiger. Dass so viele Menschen den Weg nach Beuel fanden, lag auch am Programm abseits des Courts. Schon zur Eröffnung hatte Ex-Weltklassespieler Dominic Thiem bei der „One Point Challenge“ gegen Amateure aufgeschlagen. An anderen Tagen waren Profis aus Fußball, Handball und Basketball vor Ort: Mark Uth vom 1. FC Köln, Handballer des VfL Gummersbach und Spieler der Telekom Baskets Bonn sorgten für Prominenz auf den Rängen. Im Public Village konnten Besucher*innen neben Essen, Trinken und Tennisequipment auch T-Shirts erwerben, deren Erlös, zusammen mit weiteren Spenden, für zwei Charity-Projekte gesammelt wurde. Am Ende kamen dabei 60.000 Euro zusammen, die an das medizinische Präventionsprojekt „kinderherzen – Sicher im Sport“ der Universitätsklinik Bonn und ein sozialpädagogisches Fußballprojekt in Brasilien gespendet wurden.

Die Bonn Open bleiben ein Männerturnier
Bei aller Euphorie bleibt trotzdem eine Frage im Raum stehen: Wo waren eigentlich die Frauen? Die Bonn Open sind, wie eingangs erklärt, ausschließlich als Herren-Turnier lizenziert – ein WTA-Pendant gibt es in Bonn bislang nicht. Im Vergleich zu anderen Sportarten steht das Frauen-Tennis dabei eigentlich gut da: Bei allen vier Grand Slams gibt es seit 2007 gleiches Preisgeld für Damen und Herren. Auch mit Blick aufs Gesamteinkommen zählt Tennis zu den wenigen Einzelsportarten, in denen Frauen weltweit zu den bestbezahlten Sportlerinnen überhaupt gehören. Unterhalb der Grand-Slam-Ebene klafft die Schere aber noch spürbar auseinander: Bei kombinierten Turnieren erhalten Frauen im Schnitt weniger Preisgeld als die Herren-Konkurrenz – teils mit Differenzen im Millionenbereich beim selben Turnierformat. Die WTA hat sich deshalb das Ziel gesetzt, bis 2033 vollständige Preisgeld-Parität zu erreichen. Bis es so weit ist, bleibt die Frage, ob und wann auch in Bonn ein Turnier für die Damen an den Start geht.
Dass die Bonn Open auch nächstes Jahr stattfinden werden, verkündete die Turnierdirektorin bereits bei der Siegerehrung. Ob Jamie Mackenzie wieder dabei sein wird, ist dagegen noch unklar. Mit dem Finaleinzug hat er seinen bisher größten Karrieresprung geschafft und sich von Rang 930 auf einen Schlag um über 350 Plätze nach vorne gespielt. Vielleicht kommt ihm im nächsten Jahr dann sogar die Teilnahme bei Wimbledon dazwischen.
