Black Swan zu Besuch in Bonn

Das Bolschoi Staatsballett Belarus glänzte vergangenen Montag im Theater Bonn mit einer höchst anspruchsvollen Aufführung von Tschaikowskis „Schwanensee“ und brachte Tänzer auf die Bühne, die man erlebt haben muss.

Der Vorhang fällt nicht

Tschaikowskis Musik erklingt und alle im Saal lauschen wohlbekannten Klängen. Gemurmel ist zu hören und auch das Rascheln der Programmhefte, die noch schnell durchblättert werden. Wer kein Programmheft in der Hand und seiner Begleitung schon alles gesagt hat, bereitet sich auf das Kommende vor: erstklassiges Ballett. Ja, auch als jemand, der noch nicht live in den Genuss einer Ballettaufführung gekommen ist, war man in der Lage, sich auszumalen, worauf man sich eingelassen hatte. Black Swan mit Natalie Portman kannte man gut und gelegentlich ist man auch schon über Ballett im Fernsehen oder auf Youtube gestolpert. Gutes Ballett hat jeder schon mal gesehen.

Der Vorhang fällt

Mit einem Mal geht es los: zahlreiche Tänzer springen beschwingt auf die Bühne und offenbaren ihr grenzenloses Können: ob das Bein 50, 90 oder 180 Grad in die Höhe geschmissen wird, für die 30 Personen auf der Bühne ein Kinderspiel, sie verschmelzen zu einem Körper: keine Bewegung, kein Bein, keine Handführung unterscheidet sich. Direkt zu Beginn zeigt das Ensemble aus Weißrussland, was es zu bieten hat: sie schweben in Spagaten über die Bühne, halten ihr Bein mal ans rechte, mal ans linke Ohr und wirbeln die Kulisse in leichtfüßigen Pirouetten auf.
Wer sich nach der anfänglichen Euphorie, mit dem Gedanken schon alles gesehen zu haben, entspannt in seinen Sitz zurückfallen lässt, irrt. Man hatte gesehen, zu was Menschen ihren Körper nach jahrelangem und unnachgiebigem Kampf bringen können. Eine technische Perfektion, die unvorstellbare Ausmaße angenommen hat, hat sich in jeden Tänzer des Belarus Ensembles eingenistet. Ja, jeder im Saal irrte, wenn er dachte, schon alles gesehen zu haben. Denn nach einigen makellosen Tänzen des Königshofes, änderte sich das Bühnenbild und inmitten des Ganzen stand…

…der Weiße Schwan

In dem Moment, als Ljudmila Chitrowa die Bühne betrat, verliebte sich jeder in sie.
Es würde pathetische Züge annehmen, das zu beschreiben, was Ljudmila Chitrowa kann: tanzen, als wäre sie nie Mensch gewesen. Außerirdisch, beängstigend. Ihre Bewegungen sind von so einer Tiefe, Zartheit und Schwere in gleichem Maße geprägt, dass man schonungslos von ihr eingenommen wird. Der leidende Blick ist trotz seiner Theatralität nicht von Kitsch und Oberflächlichkeit besetzt und der Körper trotz seiner scheinbaren Zerbrechlichkeit von einer gebieterischen Stärke untermalt.

Der Höhepunkt war noch nicht erreicht

Und auch jetzt war es ein Irrtum, sich entspannt in seinen Sitz zurückzulehnen. Denn nicht der Beginn des Stückes mit seinen prachtvollen Tänzern, die zu einem Ganzen verschmelzen, und auch nicht Ljudmila Chitrowas Interpretation des Weißen Schwanes waren der Höhepunkt der Aufführung.
Der Höhepunkt der Aufführung war Ljudmila Chitrowas Interpretation des Schwarzen Schwanes. Spätestens jetzt dämmerte es allen: das, was sich hier abspielte, war entmenschlicht. Ihre zarten Bewegungen wichen heißen, bösen, spitzbübischen, die nichts mehr von der Schwere und Traurigkeit der vorherigen Ljudmila übrig hatten. Es wurde plötzlich so lustig gefährlich im Saal, dass man selbst am liebsten auf die Seite des Bösen gewechselt und sich jubelnd in die Arme von Goethes Mephisto geworfen hätte. Der Saal applaudierte nicht mehr, er verwandelte sich in ein grölendes Tier, das entfesselt von seinem Platz wich und sich die Hände wund klatschte.

Happy End

Die Inszenierung endete schließlich nicht wie bei Black Swan mit dem Tod des Weißen Schwanes, sondern mit einem Happy End, in dem der Weiße Schwan und seine Liebe Siegfried überleben. Verständlich, so eine begnadete Tänzerin darf man nicht mal auf der Bühne sterben lassen.

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