Wenn die Straße zur Bühne wird

Das Multicolore Theater tobt sich an der frischen Luft aus.

Ein wenig fallen wir schon auf, hier auf den Gleisen zwischen Fabrikhallen, die ihre Farbe längst verloren haben. Anna trägt einen alten Koffer und Frank lustige Socken. Ophelies blonde Locken hüpfen leicht auf und ab, als ein Mann aus dem Fenster eines der Gebäude schreit: „Hey, was macht ihr da? Kommt mal ganz schnell her!“ Er scheint von unserem Ausflug nicht ganz so begeistert wie wir. Dabei wollen Anna, Ophelie und Frank mir doch nur einen Ort zeigen, der anscheinend hervorragend für Fotos und Fragen geeignet ist. Um den Mann nicht noch mehr zu verärgern, erreichen wir die Fabrikhalle durch einen Umweg, der sich als ein längerer Spaziergang entpuppt. Dort angekommen legen wir unsere Sachen auf den dreckigen Boden. Es tropft von der Decke. Aber irgendwie ist dieser verratzte Ort anziehend. Die drei Schauspieler schminken sich ein wenig mit weißer Farbe und hier und da ein wenig rot auf Wangen und Nasen.

„Wir wollen spielen“

Bild: Lena Kronenbürger

Bild: Lena Kronenbürger

Sie sind dabei sich zu verwandeln: In das Multicolore Theater, eine Art Wandertruppe. Die drei, die alle Anfang 20 sind, schauspielern schon länger, aber jetzt möchten sie ihr eigenes Projekt auf die Beine stellen. Ihr Wunsch: das Theater auf die Straße holen und Menschen, die gerade auf dem Weg nach Hause oder zum Einkaufen sind, für einen Moment einfangen, um sie dann wieder in den Alltag zu entlassen: „Die Leute sind frei, es sich anzugucken oder nicht. Wir wollen eine andere Art, eine andere Facette des Lebens zeigen“, sagt Anna. „…und fühlen!“, ruft Frank, der wenige Meter hinter uns die klapprige Treppe hochgeht.

Die drei verkörpern eine Leichtigkeit, die guttut. Sie machen sich, im Gegensatz zu mir, keine Gedanken darüber, wie lange das Projekt gehen wird und ob sie Lust hätten, Straßenkünstler als Beruf auszuüben. „Wir wollen spielen“, sagt Ophelie. Einfach spielen. Aus Lust an der Freude, aus Begeisterung fürs Theater. Die drei Freunde sind präsent, ihre Körperhaltung und die Worte, die sie wählen, um ihr Vorhaben zu beschreiben – all das strahlt Neugier und Tatendrang aus.

Auf den Straßen Bonns

Sie proben gerade das klassische französische Stück „L’Illusion comique“ von Corneille ein, jedoch nach ihren Nasen interpretiert und stark verkürzt. Das Trio wird um die 30 Minuten an einem Ort spielen und dabei mehrmals mithilfe von Verkleidung, Gestik und Akzenten die Rollen wechseln. Auch musikalisch wird das Stück „L’Illusion Comique“ begleitet, denn eine Querflöte und eine Trompete werden oft im Einsatz sein. Für Anna, Ophelie und Frank bedeutet Straßentheater mit uns, dem Publikum, zu spielen, aber auch, sich als Schauspieler seiner Umgebung anzupassen. Wie ihnen das gelingt, können wir ab Mitte März auf den Straßen Bonns und Kölns erfahren. Bis dahin übt das Multicolore Theater weiterhin fleißig, denn, gibt Anna zu, das Ende des Stücks muss erst noch gestaltet werden. Und so reibt Frank nicht zum letzten Mal mit Wasser sein Gesicht ab. Als er wieder hochguckt, sind immer noch Striemen von weißer Farbe auf seinem Gesicht zu erkennen. Auch Anna und Ophelie packen ihre Klamotten in den Koffer. Wir gehen zurück und widerstehen dem Gedanken, ein weiteres Mal über die mit Gras verzierten Schienen zu laufen.

Wo ist das Multicolore Theater zu sehen?

– Im Kult 41 am 13. Und 25. März um 20 Uhr
– auf den Straßen Bonns und überall, wo es das Trio hinzieht

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