30 Jahre Hauptstadtbeschluss: Was von der Bonner Republik bleibt
bild: Michael Sondermann/Bundesstadt Bonn

30 Jahre Hauptstadtbeschluss: Was von der Bonner Republik bleibt

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Heute ist es kaum noch vorstellbar, aber Bonn war tatsächlich mal die ganz große politische Bühne der Bundesrepublik Deutschland. Vor 30 Jahren, mit dem Hauptstadtbeschluss vom 20. Juni 1991, ist der Regierungssitz nach Berlin verlagert worden. bonnFM-Autorin Lisa Brinkmann über die Zeit der Bonner Republik und was davon heute noch übrig ist.

So ein bisschen Hauptstadt-Flair ist manchmal doch noch zu spüren. Wer die Adenauerallee vom Koblenzer Tor in Richtung Gronau entlang flaniert, läuft dabei am Bundesrechnungshof, an der Villa Hammerschmidt und am Palais Schaumburg vorbei. Laternen säumen die Allee links und rechts und scheinen sagen zu wollen: „Hey, hier sind mal regelmäßig wichtige Politiker*innen und große Staatsgäste entlanggefahren!“ Die Straße mündet in den Bundeskanzlerplatz, und für alle, die es bis jetzt noch nicht verstanden haben, steht dann noch (ganz dezent) eine etwa drei Meter hohe Adenauer-Büste auf dem Gehweg.

Wir befinden uns unverkennbar im ehemaligen Bonner Regierungsviertel. Weiter südlich Richtung Rhein ist hier im letzten Jahr das Bundesbüdchen wieder aufgestellt worden. Helmut Kohl hat dort gerne Heißwürstchen gegessen, Joschka Fischer hat belegte Brötchen und Zeitungen gekauft.

Warum eigentlich Bonn?

Trotz dieser ganzen offensichtlichen Hinweise fällt es aber doch manchmal schwer sich vorzustellen, dass diese Stadt mal das politische Zentrum Deutschlands gewesen sein soll. Tatsächlich hatte der erste BRD-Bundeskanzler Konrad Adenauer einen erheblichen Anteil daran, dass die Wahl im Jahr 1949 auf Bonn fiel. Als es um die Frage der neuen Hauptstadt ging, hat er sich sehr entschieden für die Stadt am Rhein eingesetzt. In einer Abstimmung konnte sich Bonn knapp gegen Frankfurt am Main durchsetzen.

Kein leichter Start als Hauptstadt

Bonn war auch damals schon keine pulsierende Metropole gewesen, galt aber als ruhiger Ort mit ausreichender Infrastruktur, um Politik zu machen. Trotzdem hatte Bonn es von Anfang an nicht leicht als neue Hauptstadt. Viele Jahre lang wurde der neue Regierungssitz als reines Provisorium angesehen.

Das änderte sich, als sich immer weiter abzeichnete, dass die deutsche und damit also auch die Berliner Teilung wohl von Dauer sein würde. Aber erst in den 70er Jahren wurde Bonn offiziell als BRD-Hauptstadt vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt anerkannt.

Große Bonner Enttäuschung: Berlin wird neue Hauptstadt

Bonn war also auf einem guten Weg – trotzdem fiel nach der Wende die Wahl wieder auf Berlin. Am 20. Juni 1991 tagte der Bundestag in Bonn, um über die zukünftige Hauptstadt abzustimmen. Die Entscheidung war sogar ziemlich knapp: 320 Abgeordnete stimmten für Bonn, 338 für Berlin. Ein Schock für viele Bonner*innen.

Der sogenannte Hauptstadtbeschluss bedeutete aber nicht, dass alles komplett nach Berlin umziehen sollte. Im Berlin/Bonn-Gesetz wurde geregelt, dass sich die beiden Städte die Arbeit noch teilen sollten – deshalb gibt es auch heute noch so viele Ministerien in Bonn.

Was von der Bonner Republik bleibt

Was ist eigentlich noch geblieben von dem Hauptstadtgefühl in Bonn? Zumindest die für eine mittlere Großstadt ziemlich überdimensionierten U-Bahn-Stationen mit ihren gefliesten Wänden und den riesigen Stationsschildern zeigen noch heute, dass diese Stadt beeindrucken wollte. Bonn wollte Weltstadt sein. Das zeigt sich auch daran, dass im Laufe der Zeit immer mehr umliegende Orte eingemeindet wurden: Die Stadt sollte größer werden.

Aber Bonn ist keine Weltstadt. Die Hauptstadtluft weht in Bonn schon lange nicht mehr. Bonn hat heutzutage viele Attribute:  Studierendenstadt, UN-Standort, Hauptsitz von großen Firmen und NGOs, Beethovenheimat, in der Nähe von Köln gelegen. Aber hier geht es mittlerweile nicht mehr um die großen Fragen der Bundespolitik. Es geht um Freibäder, Grundschulen und Radwege.

Bonn atmet Geschichte

Trotzdem: Bonn ist und bleibt ein historisch wertvoller Ort. 42 Jahre lang war Bonn Dreh- und Angelpunkt deutscher und internationaler Politik. Berühmte und wichtige Persönlichkeiten haben sich hier die Klinke in die Hand gegeben und die ganze Welt hat auf diese Stadt am Rhein geschaut. Hier sind NATO-Konferenzen abgehalten worden, John F. Kennedy war zu Besuch und im Hofgarten gab es weltweit beachtete Friedensdemonstrationen. Insgesamt sechs Bundeskanzler haben von hier aus regiert.

Es ist wie ein Staub, der sich mittlerweile auf all diese großen historischen Momente in Bonn gelegt hat. Um die großen politischen Fragen kümmert sich jetzt Berlin, und hier in Bonn ist das alles Vergangenheit. Umso mehr lohnt es sich vielleicht manchmal, den Staub mal ein bisschen wegzupusten und zu gucken, was es darunter so zu entdecken gibt. Denn Bonn atmet Geschichte – immer noch.