In der ersten Single „Fool’s Gold” der Bonner Band Latin Greek heißt es „Now we’re lighting up the dark”. Anlässlich des Releases ihrer neuen EP „Main Attraction” setzen sie dieses Motto gleich in die Tat um. Dafür fahren sie im Kult41 groß auf – mit einem Event, auf dem es eigentlich alles gibt.
Schweiß ist das Produkt von Hitze, aber auch von Ekstase. Als Helen, die Leadsängerin von Latin Greek, das Publikum in der Mitte des Sets mit den Worten „Ich weiß, es ist heiß, aber wir schwitzen alle!“ zum weiteren, ohnehin schon ausgelassenen Tanzen animiert, fasst sie die Lage mit dieser salomonisch anmutenden Feststellung gut zusammen. Allen im Publikum tropft der Schweiß von Hemd und Leibern. Dabei haben die Unterhaltenen vor der Bühne noch die einfachere Lösung. Über eine halbe Stunde performt Latin Greek in stehender Hitze und unter gleißender Bühnenbeleuchtung ihre erste EP „Main Attraction“. In den Knochen die Anstrengungen der vorherigen Stunden, Tage und Wochen.
„Running, chasing, everything“
Denn schon drei Stunden vor dem eigentlichen Auftritt beginnt im Innenhof des Kult41 der erste Teil ihrer Release-Party mit einem kleinen Flohmarkt. Wie es sich für einen Flohmarkt gehört, gibt es so ziemlich alles: Den obligatorische Merchandise-Stand, selbstverständlich, aber auch Prints, Postkarten und Schmuck von lokalen Künstlerinnen, Häkelmode, ein großes Buffet – und natürlich einen Tattoo-Stand. Dazu legen Phoebe und Lilia auf, komplettieren den Schmelztiegel an Sinneseindrücken, den das Event von Latin Greek zu diesem Zeitpunkt schon darstellt. Hierzu passt auch die Garderobe der Band, die hier und da mal über den Hof huscht: Eine Melange aus Stevie Nicks, George Harrison im Italien-Urlaub, Bloke Core und mehr. In der Sache vereint durch ein allgegenwärtiges Lächeln, das Zufriedenheit, Selbstbewusstsein und zugleich Langsam-werde-ich-doch-nervös vermittelt. Aber das ist Ordnung, denn es ist ihr Abend, es ist ihre Party. Sie feiern sich und ihre Musik, und ihre Fans dürfen dabei sein.
„I feel like burning alive“
Um 20:33 betreten dann mit Gitarrist David, Schlagzeuger Johnny, Bassist Chris und Live-Mitglied Paul der Großteil der Band die Bühne. Unter dem Klatschen und Johlen des Publikums machen sich die beiden letzteren daran, am Moog-Synthesizer und dem Piano zum Einstieg eine Wand aus Klängen zu mauern. Sie hätten ebenso gut Teil des elften Studioalbums von Pink Floyd sein können. Dann stößt Helen dazu. Die weiche, akustische Umarmung des Intros weicht dem wummernden Rhythmus des Schlagzeugs. Mit dem ersten Song beginnt das Konzert unter der ausgelassenen Stimmung aller Fans vor der Bühne. Während Latin Greek mit dem Indie-Pop von „Burning Alive”, dem Shoegaze von „Lighter Without You” und den Walzertakten von „Oblivion” in ihrer Setlist Genres schmilzt, tut es ihnen das Publikum gleich. Vor Hitze, aber vor allem vor Begeisterung.
„As long as it’s brand new we win“
Die Temperaturen und die nasse Kleidung verhindern nicht, dass das Publikum am Ende eine Zugabe verlangt. Latin Greek kommt dem Gesuch nach. Während sie ein weiteres Mal „Fool’s Gold” spielen, bildet sich vor der Bühne sogar ein Moshpit. Der gesamte Auftritt von Latin Greek ist durchsetzt von herzlichen Interaktionen zwischen Band und Publikum. Mal macht Helen den Fans eine Schauspielübung vor, dann revanchieren sich diese, indem sie den Refrain von „Fool’s Gold” mitsingen. Schließlich performt die Band mit „The Perfect Tragedy“ einen bisher noch unveröffentlichten Song. Er dient sowohl als musikalisches Dessert der Setlist als auch als erster Gang, der Hunger auf mehr macht. Nach einer guten Dreiviertelstunde ist das Konzert vorbei, und die Band bedankt sich bei allen, die erschienen sind. Dazu natürlich vor allem denen, die bei den Vorbereitungen für den Abend geholfen haben. Ein Sonderlob gibt es schließlich für Johnnys Mutter, die das Buffet um ein Mango-Curry bereichert hat. Eine sinnbildliche Beteiligung, denn an diesem Abend herrscht überall eine familiäre Stimmung vor. Mit ihrer Release-Party zelebriert Latin Greek nicht nur die Musik, sondern auch die Kunst. Nicht nur die zweihundert Anwesenden, sondern die mittlerweile über achtzehntausend monatlichen Zuhörer:innen, die sie bereits auf Spotify haben. Nicht nur das Event im Kult41, sondern gleich ganz Bonn.
„But when I think about it right / Decision of my life“
Müdigkeit ist wiederum das Produkt von Ekstase. Als Helen nach dem Konzert noch einmal die Werbetrommel für das anschließende DJ-Set von Myu rührt, steht ihr die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Wenige Stunden später werden die Band und einige Helfer:innen noch einmal anpacken müssen, um den Großteil der festlichen Überreste zu beseitigen. Was sicher für alle bleibt, sind die Erinnerungen an eine überaus gelungene Release-Party und vielleicht ein kleiner Muskelkater vom Tanzen oder Performen. Bei den Mitglieder:innen von Latin Greek die Überzeugung, dass sie alles nochmal genauso machen würden.
