„Heimlicher Voyeurismus auf Pornoseiten“ – Interview mit Journalistin Isabell Beer

Die freie Journalistin Isabell Beer hielt vergangene Woche an der Uni Bonn einen Vortrag mit dem Titel „Heimlicher Voyeurismus auf Pornowebseiten“. Beer veröffentlichte 2017 eine umfassende ZEIT-Recherche zu dem Thema. bonnFM hat vor der Veranstaltung mit ihr gesprochen.

„Heimlicher Voyeurismus auf Pornowebseiten“. Hinter diesem zugegebenermaßen etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein ebenso unbekanntes wie erschreckendes Phänomen. Konkret geht es um Männer, die in der Öffentlichkeit Frauen fotografieren oder filmen – und zwar ohne, dass die Frauen dies bemerken. Die meisten Täter beginnen vermeintlich harmlos mit Aufnahmen von Alltagssituationen auf der Straße, im Bus oder in der Bahn. In der Regel wird dann jedoch schnell die nächste Schwelle überschritten, es entstehen Fotos und Videos von möglichst leicht bekleideten Frauen in Schwimmbädern, Umkleidekabinen, Sonnenstudios. Die extremsten Videos zeigen schlafende oder bewusstlose Frauen, die augenscheinlich missbraucht oder sogar vergewaltigt werden. Besonders perfide: einige der Opfer kommen laut Angaben der Täter aus deren persönlichem, größtenteils sogar familiären Umfeld. So seien auf den Aufnahmen beispielsweise die Schwester, die Mutter oder sogar die 86-jährige Schwiegermutter zu sehen. 

Austausch von Voyeur-Videos in Online-Netzwerken

Das Fotografieren und Filmen ist jedoch nur der erste Teil. Danach folgt nämlich das Hochladen, anders gesagt: die Veröffentlichung der Aufnahmen. Dies passiert auf einschlägigen Pornoseiten, auf denen sich laut Isabell Beer ganze Netzwerke gebildet haben. Dort geben sich die Voyeure gegenseitig Tipps zum Basteln eigener Kamera-Konstruktionen oder zur Frage, wo man eine Kamera am besten unauffällig anbringt. Auch die eigenen Videos werden in Privatchats gegen besonders perverse Videos anderer Nutzer getauscht. Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass die Nutzer sich auch gegenseitig zu weiteren und vor allem immer extremeren Taten auffordern – die Szene sich so also selbst „radikalisiert“.

Undercover-Recherche mit Körpereinsatz

Mit gerade einmal Anfang zwanzig beschloss die Journalistin Isabell Beer, sich für die ZEIT in die Voyeur-Szene einzuschleusen. Zu diesem Zweck legte sie sich einen Account mit männlicher Identität an und veröffentlichte dort Fotos von sich selbst – ausdrücklich ohne Nacktheit, wie sie betont. Und immerhin, das Ausreizen persönlicher Grenzen hatte Erfolg. Nach und nach gewann Beer das Vertrauen vieler Voyeure, erhielt Zugang zu immer extremeren Fotos und Videos. Einen Großteil der Männer zeigte sie nach Abschluss ihrer Recherchen bei der Polizei an. Auch das gehört jedoch zu ihrer Erkenntnis: die deutschen Strafverfolgungsbehörden tun nicht gerade viel gegen die voyeuristischen Aufnahmen. Nicht zuletzt aber auch, weil sie nichts tun können, laufen doch die Server der  meisten Pornoseiten über ausländische Staaten. Dort sind Ermittlungen für die deutschen Strafverfolgungsbehörden deutlich erschwert, ihnen sind quasi die Hände gebunden. 

Was Isabell Beer über das Thema und ihre Recherche zu erzählen hat, hört ihr im Audio-Beitrag.

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