„Multi-dimensional polyrhythmic gangster-shit” Part II

Hiatus Kaiyote veröffentlichen ihr zweites Album „Choose Your Weapon“

Von Ruben Kalus

„Hiatus Kaiyote“ könnten ihrem Namen und dem Erscheinungsbild ihrer Sängerin Nai Palm nach ein futuristischer Stamm sein. Ihr Territorium haben die vier Musiker in den letzten vier Jahren massiv vergrößert und sich mit ihrem „Future-Soul“ weltweit in die Herzen zahlreicher Fans gespielt. Nun erscheint ihre neue Platte „Choose Your Weapon“ und man darf davon ausgehen: Jetzt geht es erst so richtig los. 

Wie aus dem Nichts gekommen

Die australische Band „Hiatus Kaiyote“ zeichnet sich durch ihren ganz eigenen, spirituellen Flow aus, der ihre Musik zu mehr als nur der Summe ihrer einzelnen Songs werden lässt. Hier geht es noch um das große Ganze, nicht um einzelne Hitsingles, sondern um eine verschmolzene Einheit von kreativen Energien. Grenzen gibt es keine und Genres sind nicht so wichtig, auch wenn sich der Mix irgendwo zischen Soul, Hip Hop, R&B, Jazz und Funk ansiedeln lässt.

Das weibliche Oberhaupt des 2011 gegründeten Clans Hiatus Kaiyote ist die extrovertierte Frontfrau Nai Palm. Mit ihren kreativen Outfits und Frisuren hat das sympathische Nerd-Girl die Aufmerksamkeit auf der Bühne schon einmal sicher. So fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass sie vor der Musikkarriere als Feuerakrobatin im Zirkus auftrat. In Melbourne stieß die Sängerin, Gitarristin und Pianistin der Band zunächst auf den Bassisten Paul Bender, als sie noch allein auf Solopfaden ihre Songs schrieb und performte. Kurz darauf stießen Drummer Perrin „Pez“ Moss und Keyboarder und Synthesizer-Beauftragter Simon Marvin hinzu. Somit war die perfekte Mischung aus musikalischer Intuition und akademisch gefestigtem Handwerk vollkommen. Während Nai Palm und Pez sich als Autodidakten ihren Instrumenten näherten, studierten Paul Bender und Simon Marvin an Musikhochschulen Jazz und Klassik. Die ersten Früchte dieser interessanten Formation mussten nicht lange auf sich warten lassen.

Ein prominent gefeiertes Debüt

In kompletter Eigenregie nahmen Hiatus Kaiyote ihr 2012 veröffentlichtes Debütalbum „Tawk Tomahawk“ auf. Dabei kam es ihnen sicherlich zugute, dass sowohl Paul Bender als auch Pez schon einige Erfahrung als Produzenten hatten. Von Vorteil war es sicherlich auch, dass, nachdem die Band ihre ersten zehn Tracks via Bandcamp online gestellt hatte, zahlreiche Musikerlegenden und Bands Hiatus Kaiyote aufschnappten und die prominenten Lobeshymnen auf die Platte gar nicht mehr verstummen wollten. Prince, Pharrell, Animal Collective, Erykah Badu oder The Roots’ Questlove, sie allen wurden von den Australiern in den Bann gezogen, empfahlen die Band weiter und promoteten sie in sozialen Netzwerken. Alle fragten sich, aus welcher Dimension diese junge Truppe mit einem solch eigenen, ausgefeilten und reifen Konzept stammt und wo sie sich zuvor all die Jahre versteckt hatte.

Irgendwann wurde auch Sony A&R Salaam Remi auf Nai Palm & Co aufmerksam. Er hatte gerade sein eigenes Label Flying Buddha gegründet und bat der der bis dato vertragslosen Band an, „Tawk Tomahawk“ über dieses erneut zu veröffentlichen. Wie der Zufall so will, kannte er auch A Tribe Called Quest-MC Q-Tip (von denen Hiatus selbst große Fans sind), der kurzer Hand die Single „Nakamarra“ in einer neuen Version featurete. Für „Nakamarra“ gab es dann 2014 auch gleich mal eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best R&B Performance“. Die Trophäe heimsten jedoch Snarky Puppy & Lalah Hathaway mit ihrem Stück „Something“ ein. Nai Palm dürfte das wohl gut verkraftet und schnell vergessen haben, denn zu diesem Zeitpunkt hatte das entzündete Feuer der Begeisterung Hiatus Kaiyote bereits auch live mit ihren eigenen Idolen zusammen gebracht. So standen sie zum Beispiel im Sommer 2013 mit D’Angelo, Erykah Badu, Shuggie Otis und José James auf der Bühne.

„Choose Your Weapon“ – Der Wahnsinn geht in die zweite Runde

Nach einem kurzen EP-Zwischenstopp im vergangenen Jahr, ist seit dem 04. Mai auch in Deutschland endlich wieder Zeit für den nächsten Longplayer samt durchgeknalltem „multi-dimensional polyrhythmic gangster-shit”. So bezeichnen Hiatus Kaiyote zuweilen ihren bunten Musikstil und wenn man Album Nr. 2 „Choose Your Weapon“ lauscht, dann trifft diese Bezeichnung äußerst gut zu. Die musikalische Marschroute bleibt die gleiche wie beim Vorgänger; hier und dort trifft man auf Jazz, dann wieder auf Hip Hop, Soul und R&B, während der permanente Begleiter dieser Platte Groove heißt. Über allem schwebt Nai Palms ausdrucksstarke Stimme, die zwar nicht das größte Volumen hat, dafür aber ein treffsicheres Gespür für ausgefuchste Akzentuierungen und markante Melodien, die über den abgedrehten Harmonien und den sich oft wechselnden Rhythmen schweben.

Als Hörer hat man nicht wirklich oft Zeit sich zurück zu lehnen. Ist man gerade einmal in eins der vielen kosmisch hypnotisierenden Stücke eingetaucht, reißt einen ein Break gleich wieder aus den Sternen, hinein in das nächste Abenteuer. Auf dieses auf und ab bereitet einen bereits der zweite Track „Shaolin Monk Motherfunk“ bestens vor. „Breathing Underwater“, „Jekyll“ oder auch „Swamp Thing“, das mit Abstand den abgedrehtesten Refrain der Platte bereit hält, glänzen ebenfalls durch großartige Rhythmuswechsel und charmante Synthie-Spielereien. Kurze Zeit zum Entspannen bieten bei den insgesamt 18 Kompositionen ein paar kurze, instrumentale Interludes, die sich zwischen die Stücke schieben. Besonders erfreulich ist es, dass die Band sich selbst und ihrer Philosophie treu geblieben ist und weiterhin auf die Stärke des Albumformats setzt. Dass sich auf „Choose Your Weapon“ im Vergleich zu „Tawk Tomahawk“ trotzdem in mehrere Songs eingängige und wiedererkennbare Momente herausschälen, führt zu einem noch größeren Hörgenuss. Hier spielt wirklich eine mutige, erfrischende und innovative Band auf, der es in erster Linie um die Verwirklichung ihrer eigenen Vision von Musik geht.

Einen guten Eindruck von den Live-Qualitäten der Band gibt’s hier.

Bild: © Hiatus Kaiyote / Flying Buddha Records / Sony Music

Bild: © Hiatus Kaiyote / Flying Buddha Records / Sony Music

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