„Im Bestfall klingt es so, wie wenn drei gute Freunde sich unterhalten!“ – Das Pablo Held Trio beim Beethovenfest

Sein Trio mit Jonas Burgwinkel und Robert Landfermann ist seit langer Zeit eine der gefragtesten Formationen der deutschen Jazzlandschaft. Pianist Pablo Held sprach im Vorfeld seines Konzerts beim Beethovenfest mit bonnFM über seine Verbindung zu Beethoven, seine Tätigkeit als Hochschuldozent und vor allem über seine Musik.

bonnFM: Heute Abend spielt ihr ein Konzert im Zuge des Beethovenfestes. Deshalb zunächst einmal die Frage: Was für eine persönliche Verbindung hast du zu Beethoven, vielleicht irgendwelche Stücke, die dich geprägt haben? Obwohl du Jazz studiert hast, wirst du wahrscheinlich nicht an Beethoven vorbeigekommen sein.

Pablo Held: Genauso würde ich es auch sagen. Ich mag besonders gerne die Klaviersonaten und natürlich auch die Sinfonien und besonders die Streichquartette habe ich viel gehört. Ich habe fast kaum was selbst am Klavier gespielt, aber ich höre es wahnsinnig gerne. Man kommt nicht an ihm vorbei und er ist ein wichtiger Einfluss für mich.

bonnFM: Mit eurem Album „Recondita Armonia“ habt ihr euch auf eine sehr persönliche Reise und Suche in die Gefilde der Klassik gemacht. Macht ihr euch heute im Zuge des Beethovenfestes denn auch ein Stück weit auf die Suche nach Beethoven?

Pablo Held: Wir haben einige klassische Stücke im Programm, die wir theoretisch spielen könnten, aber keins davon ist von Beethoven. Es ist aber auch nicht so, dass man immer direkt auf jeden Einfluss mit dem Finger zeigen könnte und sagen kann: „das kommt jetzt daher und das von daher.“ Aber Beethoven ist für uns alle ein wichtiger Einfluss ohne, dass man das sofort hören würde. Bei unserer Art Live zu spielen ist es eben auch so, dass wir nicht voraus sehen können, was wir spielen oder wie wir spielen, weil wir uns nichts vornehmen – noch nicht mal die Stücke, die wir spielen werden. Deswegen kann ich von heute Abend noch gar nicht viel erzählen – wir lassen es einfach auf uns zukommen.

„Es nimmt sofort den Reiz einer Sache, wenn man es benennt.“

bonnFM: In letzter Zeit konnte man beobachten, dass in der Fachpresse immer mehr Aufmerksamkeit sogenannten Genreüberschreitungen zukam. Teilst du diese Beobachtung?

Pablo Held: Da stürzt sich die Presse natürlich immer gerne drauf, wenn überoffensichtlich ein Genre-Mashup passiert. Das interessiert mich ehrlich gesagt weniger. Mich interessiert es am meisten, wenn sich jemand so frei wie möglich aus allen Richtungen bedienen kann und es auch tut. Puristisch an die Sache zu gehen, finde ich allerdings auch seltsam, z.B. Jazztradionalisten, für die es den echten Jazz nur in einer bestimmten Zeitperiode gibt. Ich finde, man sollte sich mit allen Dingen die einen interessieren, so intensiv beschäftigen, dass man sich inspirieren lässt und schauen wohin es die Musik bringt. Ein Classic-meets-Jazz-Projekt mit Streichern kann natürlich spannend sein, aber ich versuche nicht so zu denken. Selbst als wir die Balladen-Platte gemacht haben und die klassischen Stücke gespielt haben, war das eher etwas, was wir auch schon vorher bei anderen Platten gemacht hatten, wo wir ja schon Stücke von Messiaen, Frederic Mompou oder Manuel de Falla gespielt hatten. Deshalb war das für uns nichts, wo wir uns rein wagen mussten, sondern vielmehr ein Intensivieren von dem, was wir auch schon vorher gemacht haben.

bonnFM: Was hältst du denn überhaupt von Genrebezeichnungen der Musik? Sind sie unabkömmlich oder doch eher obsolet?

Pablo Held: Manchmal ist es natürlich hilfreich, irgendetwas benennen zu können, aber oft nimmt es sofort den Reiz einer Sache, wenn man es benennt. Es kann nämlich eigentlich nur platt sein und das verfehlen, was es eigentlich ist. Selbst wie man es manchmal bei Beziehungen mit Menschen hat, wenn man sagt: „Das ist mein bester Freund oder das ist ein enger Freund und was ist dann der andere Freund?“ Da fängt es einfach an, sich seltsam anzufühlen. Ich wüsste jetzt auch gar nicht – und das ist nicht überheblich gemeint – wie man unsere Musik perfekt beschreiben müsste. Da fällt mir eigentlich nur improvisierte Musik und Jazz ein, aber auch das ist für mich so leer. Mir ist es am liebsten, wenn ich es gar nicht einordnen muss. Für mich stehen immer die Interpreten oder Künstler vorne und das ist für mich die Bezeichnung dessen. Wenn ich Miles Davis höre oder ausspreche, dann habe ich einen Sound oder ein Gefühl. Wenn ich aber Modern Jazz sage, dann muss ich kotzen [lacht], um es platt zu sagen. Durch die Interpreten schwingt der Vibe mit. Modern Mainstream sagt für mich überhaupt nichts aus und ist einfach nur Leere.

„Wir unterhalten uns nicht mit Worten, sondern mit Tönen.“

bonnFM: Wie würdet ihr eure eigene Musik jemandem beschreiben, der sie schon gehört hat oder vielleicht auch noch nicht gehört hat?

Pablo Held: Im Bestfall klingt es so, wie wenn drei gute Freunde sich unterhalten, was wir ja auch sind. Wir unterhalten uns dann nicht mit Worten, sondern mit Tönen und musikalischen Gesten. Wenn es rüberkommt, dass wir einander zuhören und dass wir gemeinsam risikobereit sind und einander vertrauen und die Tür aufmachen mitten im Interview [lacht], dass wir uns respektieren, aber trotzdem auch gemeinsam in Situationen bringen, wo wir nicht wissen, was als nächstes passiert und daran gemeinsam wachsen, dann finde ich das gut.

bonnFM: Mich als Student interessiert noch eine andere Sache. Und zwar seid ihr alle als Lehrende an Hochschulen tätig. Du speziell warst ja sehr jung als du angefangen hast zu lehren. Wie ist für dich der Positions-Wechsel vom Studenten zum Dozenten verlaufen?

Pablo Held: Ja das ging so ineinander über. Ich hab zu der Zeit eigentlich noch ein Masterstudium angefangen und hab dann angefangen, an einer anderen Hochschule zu unterrichten. Da habe ich irgendwann gemerkt, dass das nicht mehr nebenher ging und habe den Masterstudiengang auslaufen lassen und mich aufs Spielen und Unterrichten konzentriert. Natürlich war es seltsam, Leute zu unterrichten, die teilweise noch älter sind als ich und mich vielleicht noch nicht kannten und sich dann vor die zu stellen und sagen: „das kannst du anders machen oder probier es doch mal so“. Zeitgleich war es aber auch so, dass die Schuljahre zu dem Zeitpunkt kürzer wurden und die Schüler jünger wurden, die an die Hochschule gekommen. Also sind die teilweise im selben Alter wie ich an die Hochschule gekommen. Deshalb konnte ich mich sehr gut damit identifizieren und so groß ist der Altersunterschied ja auch nicht. Es ist am besten, wenn es kein Unterrichten von oben herab ist, sondern ein Begegnen auf Augenhöhe und gemeinsames Suchen und Forschen. Das habe ich von meinen Lehrern John Taylor und Hubert Nuss an der Hochschule in Köln erleben dürfen. Das ist so inspirierend und so wichtig für mich gewesen, dass ich versucht habe, das weiterzutragen, was ich von denen lernen konnte. Damit bin ich eigentlich immer gut gefahren und dadurch hat es auch noch mehr Spaß gemacht, es so zu machen wie ich es gerne gehabt hätte, wäre ich in deren Situation gewesen.

bonnFM: Also kann man gar nicht sagen, dass dir eine Position besser gefällt, sondern es dir in beiden Fällen gleichermaßen Spaß macht, zusammen auf die Suche nach neuen Klängen zu gehen?

Pablo Held: Man hört nie auf, Lernender zu sein. Ich versuche, die ganze Zeit Neues rauszufinden: darüber, wie ich das Klavier noch besser spielen kann oder wie ich mit Schwierigkeiten am Klavier klarkomme. Von daher hört diese Wissbegierde einfach nicht auf. Meine Aufgabe sehe ich hauptsächlich darin, zu inspirieren und die individuelle Entwicklung jedes Einzelnen zu fördern. Ich möchte nicht während meiner Laufzeit an der Uni 50 Pablo Helds ausbilden, die alle so spielen wie ich, aber nichts Eigenes gefunden haben für sich, sondern versuchen, jedem so zu helfen, dass er – ähnlich dem Bildhauer – freiklopft, was in ihm ist. Was Eigenes suchen braucht man eigentlich nicht, weil es schon in einem drin ist; wir sind alle einzigartig. Man muss den Ballast abklopfen, um zu dem zu kommen, was in einem drin ist.

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