Cages Erben – Die Grandbrothers in der Bundeskunsthalle
Bild: Barbara Frommann / © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Cages Erben – Die Grandbrothers in der Bundeskunsthalle

Erol Sarp und Lukas Vogel – das sind die Grandbrothers. Der Name lässt vermuten, die beiden seien Brüder, doch sie haben sich an der Universität Düsseldorf bei ihrem Ton- und Bildtechnik Studium kennengelernt und fingen an gemeinsam Musik zu machen. Erol ist Jazz Pianist und Lukas verfeinert den Klaviersound mit elektronischen Elementen. Doch neben synthetisieren und gesampleten Sounds ist das Markenzeichen der beiden vor allem ihr “Prepared Piano” à la John Cage, welches sie gleich zwei Tage nacheinander in der Bundeskunsthalle präsentierten.

John Cage ist eine Ikone der neuen Musik. Bekannt wurde er durch das „Prepared Piano” bei dem er Schrauben in seinen Flügel bohrte und so dessen Sound manipulierte. Heraus kamen unter anderem perkussive Klänge. Zu seiner Zeit spektakulär und revolutionär zugleich. Genau wie sein Stück 4’33” in dem er 4 Minuten und 33 Sekunden in einem ausverkauften Konzertsaal vor seinem Klavier sitzt und nichts tut. Er spielt keinen Ton. Doch neben verhaltenem Beifall erntete Cage vor allem viel Kritik. Viele der Zuschauer waren enttäuscht, nachdem sie sich Karten für John Cage geholt haben und nur Stille zu hören bekamen. Ein Kritiker warf ihm vor, jeder hätte das Stück schreiben können, worauf Cage entgegnete: „But nobody else did”. Für ihn ist das Stück mehr als viereinhalb Minuten Stille. Er sieht in dem Werk eine Provokation. Er wollte die Menschen zum Nachdenken bringen, die Frage in den Raum werfen, wo die Grenzen von Musik liegen. Doch Cage hatte auch schon vorher ein Faible für Stille, in der er Poesie sah. Schon 1949 – drei Jahre vor der Uraufführung von 4’33” schrieb er in seiner „Lecture on Nothing”:

„I have nothing to say
And I am saying it
And that is poetry
As I need it”

Cage im 21. Jahrhundert

Bild: Barbara Frommann / © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Und auch die Grandbrothers haben nicht viel zu sagen. Zumindest nicht mit Worten. Denn ihre Songs sind ausschließlich instrumental. Stille findet man zwar auch bei den Grandbrothers zwischen den Tönen, aber als neue Musik lässt sich das Konzert der Grandbrothers wohl nicht bezeichnen. Sie wollen nicht mit verkopfter Musik polarisieren, sondern einfach nur eine Klangwelt schaffen, wie man sie sonst eher selten hört. Sie wollen die Menschen nicht zum Nachdenken, sondern zum Träumen bringen. Und dafür bedienen sie sich an den Werkzeugen von eben jenen Künstlern wie John Cage.

Doch sie kopieren nicht einfach nur das „Prepared Piano”, sie führen es konsequent weiter. Wo John Cage Schrauben in sein Klavier jagte, installieren die Grandbrothers elektromagnetische Hämmerchen, die von einer selbst programmierten Computersoftware aus gesteuert werden können, wie Lukas noch während des Konzerts erklärt. Die Hämmerchen schlagen auf die Saiten, bringen sie zum schwingen und erzeugen so Sounds, die man durch konventionelles Klavierspiel nicht erzeugen könnte.

Aber auch perkussive Sounds werden aus dem Klavier gekitzelt, indem die Hämmerchen gegen die Holz- und Metallteile schlagen, die in dem Flügel verbaut sind. Und auch neben dem präparierten Klavier experimentieren die beiden Jungs gerne. Sei es durch unkonventionelles Sounddesign oder andere Zweckentfremdung von Instrumenten. So wird das Klavier nicht nur durch die Elektromagnetischen Hämmerchen als Schlagzeug umfunktioniert, sondern auch mit Schlagstöcken wird zwischenzeitlich auf dem Klavier rumgetrommelt. Die Grandbrothers praktizieren Musik als Selbstzweck. Nicht als Kritik an der Gesellschaft, sondern einfach nur weil sie schön ist. Und trotzdem verdanken sie es Pionieren wie John Cage, dass sie die Grenzen von Musik in Frage gestellt haben. Alles ist erlaubt.

Bild: Barbara Frommann / © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Als ich Lukas nach dem Konzert frage, ob John Cage eine Inspiration für sie gewesen sei antwortete er: „Wir kannten seine Sachen und die Herangehensweise an den Flügel ran zu gehen und keine Ehrfurcht davor zu haben und Sachen auszuprobieren. Die hat uns bestimmt auf irgendeine Art beeinflusst. Aber ich kann jetzt nicht sagen, dass wir Sachen von ihm übernommen haben, aber im Großen und Ganzen bestimmt.”

Recht hat er. Sie kopieren Cage nicht. Sie entwickeln seine Idee weiter und tragen sie ins 21. Jahrhundert. Als ich von Lukas wissen wollte, wer neben John Cage noch als Inspirationsquelle diente vielen sofort die Namen Alva Noto und Sakamoto. Die Ähnlichkeit zwischen dem Projekt des deutschen Alva Noto und des Japaners Sakamoto und der Grandbrothers lässt sich auch nicht verschweigen. Beide experimentieren mit klassischen Klavierklängen und elektronischen Sounds. Doch auch hier kopieren die Grandbrothers nicht einfach, sondern lassen sich inspirieren und führen die Idee weiter. Während Alva Noto und Sakamoto eher leise Töne anschlagen, die fast schon in Richtung Ambient Music tendieren, ist die Musik der Grandbrothers treibender, kräftiger und voluminöser.

Orchestrale Sounds

Bild: Barbara Frommann / © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Das die Grandbrothers in einer Location wie der Bundeskunsthalle spielen dürfen, haben sie wahrscheinlich nicht zuletzt ihrer Experimentierfreudigkeit zu verdanken. Vielleicht aber auch dem zehnköpfigen Orchester, welches sie hier zum dritten mal begleitet hat. Mit Pauken und Trompeten, Posaune, Cello, Kontrabass und vielem mehr, wird das Duo zum halben Orchester. Hinter der Kooperation steckt viel Arbeit. Jedes Lied musste auf die neue Besetzung angepasst werden.

Doch die Mühe, die in dem Projekt steckt hat sich ausgezahlt. Die klassischen Instrumenten geben dem Duo noch mehr Nachdruck und Energie. Erstmals mit Orchester spielten die Grandbrothers in Thessaloniki, Griechenland auf dem Reworks Agora Festival. Angefragt vom Veranstalter spielten sie zusammen mit dem Thessaloniki City Symphony Orchestra. Eine Erfahrung, die sie anscheinend geprägt hat. Denn als Konsequenz suchten sie sich ihr eigenes Orchester zusammen, mit dem sie jetzt am touren sind. Eine willkommene Abwechslung sagen die beiden. Langfristig werden sie trotzdem weiter als Duo bestehen bleiben und zu zweit Musik machen.

Work in progress

Neben den altbekannten Songs gab es auch ein paar Einblicke in Lieder, die auf das neue Album kommen sollen. Doch die beiden haben auch durchscheinen lassen, dass das neue Album noch ein wenig auf sich warten lassen wird. So wollen die beiden anhand der Meinung des Publikums entscheiden, welche der Songs, die bisher zum größten Teil nur Arbeitstitel tragen, aufs Album kommen sollen.

Trotzdem will ich natürlich nach dem Konzert mehr wissen, aber Lukas sagt mir nur: „Ich weiß nicht ob ich zu viel verraten darf oder kann, weil so richtig festgelegt haben wir uns noch nicht. Weil wir sind da eigentlich noch mitten im Prozess.” Was er mir allerdings verrät ist, dass das neue Album mehr „ausproduziert” werden soll. Die alten Sachen sind mehr darauf ausgerichtet live genau so zu funktionieren, wie sie auf dem Album zu hören sind. Das werde sich wahrscheinlich mit diesem Schritt ändern, sagt er. Was sich nicht ändern wird ist, das der Flügel weiterhin im Mittelpunkt der Produktion stehen soll. Auch, wenn sie zum Teil neue Sachen ausprobieren wollen – das Konzept bleibt bestehen.

Grandsister

Auch der Voract ist eine Erwähnung Wert. Linda Vogel, die Schwester von Lukas, eröffnete zusammen mit ihrem Schlagzeuger Vincent Glanzmann den Abend. Aber auch ohne Nachnamen lässt Linda mit ihrer Harfe auf ihren Bruder schließen. Sie ist nämlich mit den gleichen Hämmerchen versehen, die auch in dem Flügel der Grandbrothers verwendet werden. Ebenso ungewöhnlich und Sphärisch ist der Sound, den Linda damit aus ihrer Harfe holt. Im Gegensatz zu der Band ihres Bruders ist sie allerdings nicht instrumental unterwegs. Der Sanfte Klang der Harfe und der treibende Beat des Schlagzeugs werden von Lindas Stimme eingehüllt, die man ab dem 26.04 auf ihrem Debütalbum „Maps to Others” hören kann.
So gibt es gleich zwei Alben aus der Familie Vogel, auf die man gespannt warten kann.

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