Historiker Erik Wade: „Umgang mit Minderheiten heute nicht besser als im Mittelalter“
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Historiker Erik Wade: „Umgang mit Minderheiten heute nicht besser als im Mittelalter“

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„Hwæt’s Love Got to Do With It?“ – unter diesem Titel lädt die Hochschulgruppe „Kritische Historiker*innen“ am Donnerstag zu einem Gespräch mit dem Historiker Dr. Erik Wade ein. Kurz nach 18 Uhr wird er der Frage nachgehen, wie gleichgeschlechtlicher Sex und erotische Experimente die Gesellschaft des frühmittelalterlichen Englands prägten. Mehr zur Anmeldung erfahrt ihr unten. bonnFM-Autor Marlon hat Erik Wade vorab via Zoom getroffen und ihn über seine aktuellen Forschungsergebnisse ausgefragt.

Für Ihr aktuelles Projekt „Lust in Translation“ forschen Sie über Minderheiten im Mittelalter. Genauer gesagt geht es darum, wie die Abgrenzung von Minderheiten Identität geschaffen hat. Was hat das mit unserem heutigen Leben zu tun?

Dr. Wade: Was wir als Homophobie bezeichnen, ist keineswegs ein Phänomen das wir ausschließlich heute beobachten. Es gab schon immer unterschiedliche Art und Weisen der Diskriminierung gegenüber Menschen, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Auch rassistische Diskriminierung geht Jahrtausende zurück. Mit meiner Forschung strebe ich an, zu kontextualisieren, was heute passiert. Ich will aufzeigen, dass heutige Formen der Diskriminierung eine sehr lange Geschichte haben. Nicht zuletzt besteht der Gegenwartsbezug auch darin, dass Länder Europas und Nordamerikas in der jüngeren Geschichte und noch immer den Begriff „mittelalterlich“ benutzen, um gewisse Länder als rückständig zu kennzeichnen. Forschende wie Joseph Massad oder Edward Said verweisen darauf, dass im Westen sehr lange das Narrativ bestand, vor allen Dingen islamisch geprägte Länder im Nahen Osten seien eben „mittelalterlich“. Frauen würden dort übermäßig sexualisiert und die Polygamie herrsche vor. Als der Westen irgendwann Frauen- und LGBT-Rechte entdeckte, änderte sich der Narrativ und man begann, diese muslimisch geprägten Länder als sexistisch, unterdrückend, homophob und in diesem Sinne als „mittelalterlich“ zu bezeichnen. Der Westen änderte also seine Vorstellung darüber, was als „mittelalterlich“ gilt. Gleich blieb hingegen die Ansicht, man selbst sei modern und der Globale Süden stelle einen „mittelalterlichen“ Gegensatz dar. Doch diese Kennzeichnung als „mittelalterlich“ beruht auf völlig falschen Vorstellungen über das Mittelalter. Meiner Meinung nach ist das Mittelalter daher nicht nur aus historischen Gründen interessant. Das Mittelalter wird als Teil eines Narratives genutzt, das westliche imperialistische Bestrebungen rechtfertigt.

Sie sagen, Homophobie oder Frauenfeindlichkeit würden fälschlicherweise als etwas Überkommenes, „Mittelalterliches“ bezeichnet. Wie muss man diese Epoche Ihrer Meinung nach charakterisieren?

Dr. Wade: Das Mittelalter war eine genauso komplexe Zeit wie es unsere Gegenwart ist. Wie auch heute gab es LGBT-feindliche Menschen und solche, die sehr sexistische, traditionelle Vorstellungen von Frauen hatten. Nicht zu vergessen sind die sehr großen Probleme, die wir heutzutage mit Rassismus haben. Die gab es im Mittelalter auch. Aber wie auch heute, gab es auch eine andere Seite. Zum Beispiel wissen wir von sogenannten Riddles, humoristischen Vers-Texten, die sich Mönche in Klöstern erzählten und die auch von Männern handelten, die Sex mit anderen Männern hatten. Uns sind auch Liebesbriefe bekannt, die sich Nonnen untereinander schrieben. Es gibt sogar Hinweise, dass diese Liebesbriefe im 11. Jahrhundert an Universitäten im Heiligen Römischen Reich gelesen wurden. Das Mittelalter ist eine sehr komplexe Zeit, die wir meiner Meinung nach zu stark vereinfacht haben, insbesondere wenn es um die Diskussion über marginalisierte Gruppen geht. Homophobie und Frauenfeindlichkeit sind keineswegs spezifisch für das Mittelalter.

Sie sprechen gleichgeschlechtliche Liebe an. Welche Vorstellung hatte man von homosexueller Identität?

Dr. Wade: Dieses Thema bespreche ich in meinem Buch-Projekt „Lust in Translation“. Ich kann sagen: Sexualität, zumindest im frühmittelalterlichen England, scheint nicht unbedingt eine Frage individueller Identität gewesen zu sein. Die Menschen stellten sich nicht Fragen wie: Was sagen meine eigenen sexuellen Handlungen über mich als Menschen aus? Bin ich homosexuell oder heterosexuell? Vielmehr waren Sex und sexuelle Handlungen etwas, das genutzt wurde, um unterschiedliche Völker voneinander zu differenzieren. Es war eher eine Frage nationaler, ethnischer Identität. Der Brief eines anglo-normannischen Geistlichen an einen Erzbischof in Frankreich ist ein gutes Beispiel. Darin beschwert sich der Absender über die Einstellung eines Lateinlehrers, ganz nach dem Motto: Diesen Menschen kannst du nicht einstellen, denn er ist irisch und die Iren sind wirklich perverse Menschen. Und dann erklärt er dem Bischof über Seiten hinweg, welche schrecklichen sexuellen Praktiken dieser irische Lehrer schon vollzogen haben muss – eben weil er Ire ist. Diese Weise, Sexualität zu politisieren, Dinge, die wir heute als Sex-Skandal bezeichnen würden, praktizierten mehr oder weniger Menschen aller Völker im Europa um die Jahrtausendwende.

Diese Instrumentalisierung sexueller Normen und sexueller Moral, das lässt sich zusammenfassen, erkennen wir im Mittelalter und wir finden Sie in der Gegenwart. Inwiefern ist es möglich, nach all diesen Jahrhunderten von einem Fortschritt zu sprechen?

Dr. Wade: Ich bin auf viele Weisen skeptisch, was sozialen Fortschritt betrifft. Vergleicht man die heutige Zeit mit den Jahren um 1100, schlagen einem immer Unterdrückung, Gewalt gegen marginalisierte Gruppen, Rassismus und Homophobie entgegen. Zu sagen, welche Epoche dabei die bessere ist, ist nicht möglich. Beide sind unterschiedlich. Vergleichen wir einmal die modernen Vereinigten Staaten mit dem mittelalterlichen Europa, stellen wir fest, dass es heute Arten der Diskriminierung gibt, die es in Europa damals nicht gab. Damals kannten die Menschen zum Beispiel keine Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Ehe, Gesetze die sich gegen Trans-Menschen richteten oder die massenhafte Inhaftierung ethnischer Gruppen. Die Veränderung von der damaligen Zeit zu heute ist, dass es eine Verschiebung dessen gibt, wie Menschen marginalisiert werden. Und dabei ist der Umgang mit Minderheiten nicht unbedingt besser geworden. Vielmehr hat sich die Art der Unterdrückung verändert. Menschen sind komplexe Wesen und es gibt keine Epoche, in der alle Menschen auf dem gleichen Stand waren, wie sie über eine bestimmte Minderheit dachten. Das Mittelalter ist so vielschichtig wie das 20. und 21. Jahrhundert es sind. Es gibt und gab Entwicklungen, die optimistisch stimmen, sogar im Frühmittelalter. Und es gab damals auch schreckliche Dinge, wie es sie heute gibt.

Dr. Erik Wade promovierte an der Rutgers Universität, New Jersey, und lehrt am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie (IAAK) in Bonn. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Darstellung von Sexualität und Ethnizität in mittelalterlicher englischer Literatur. Sein aktuelles Projekt „Lust in Translation: Sexuality, Race and National Identity in Early Medieval English Literature“ setzt sich mit den frühesten Schriftwerken englischer Sprache auseinander.

Infos zum Vortrag der Kritischen Historiker*innen

„Hwæt’s Love Got to Do With It?: Finding Marginalized Sexual History in Early Medieval English Letters and Riddles.“ Der Vortrag beginnt am Donnerstag, 22. April, um 18.15 Uhr. Zur kostenlosen Teilnahme, bitten die „Kritischen Historiker*innen“ um eine Anmeldung per Email an: KritHis@outlook.de Registrierte erhalten anschließend den Zugang zum Zoom-Meeting.