Leere Schaufenster, leerstehende Geschäfte
bild: bonnFM

Leere Schaufenster, leerstehende Geschäfte

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In der Bonner Innenstadt schlagen sich die Einzelhändler durch die Pandemie. Lautet die Zukunft „Handel ist Wandel?“

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Sie wirkt wie an einem Tag nach Silvester: Die Bonner Innenstadt an einem Nachmittag im Februar. Wenige Menschen sind unterwegs, die meisten Geschäfte haben geschlossen und irgendwo fahren Reinigungskräfte durch die Straßen. Es fehlen das Gewusel um einen herum, das hektische Vorbeihuschen von Menschen und die Ladenbeleuchtungen, die zum Schauen und Stöbern einladen. Gefühlt an jedem zweiten Geschäft klebt nun ein Hinweiszettel am Ladeneingang, dass der Laden entweder wegen Corona komplett geschlossen, oder auf Internetshopping mit Abholung im Laden umgestellt ist. Auf dem Marktplatz macht der Anblick der sonst so zahlreich besuchten Marktstände traurig. Wie wird die Innenstadt wohl nach Corona aussehen? Beschleunigt die Pandemie das „Recht des Stärkeren im Einzelhandel“? Ich laufe über den Beethovenplatz, der nun wie leergefegt ist. Erst kürzlich hatte die Bonner Innenstadt in der Studie „Vitale Innenstädte 2020“ eine überdurchschnittlich gute Note von 2,2 erhalten. Allerdings wurde die Studie vor dem zweiten Lockdown durchgeführt, in der die Einzelhandelsangebote in den Bereichen Textilien und Unterhaltung gute bis sehr gute Noten, Angebote in den Bereichen Lebensmittel und Wohnen ein befriedigend erhalten hatte. Um die Bonner Innenstadt attraktiver zu machen, so teilte mir die Stadt Bonn schriftlich mit, wurden Wünsche nach „mehr Grün und nach mehr Helligkeit in den Wintermonaten“ geäußert. Zwar sei die Innenstadt aus einer Position der Stärke in das Jahr 2020 gestartet, aktuell litten aber besonders die Bekleidungsbranche und die Gastronomie unter den Maßnahmen des zweiten Lockdowns.

Lokale Ladenschließungen haben auch internationale Folgen

Nicht weit vom Beethovenplatz entfernt befindet sich das Second-Hand-Geschäft Oxfam. Im unbeleuchteten Schaufenster sind neben Modeartikeln auch Bücher und Deko-Artikel zu sehen. Seit stolzen 36 Jahren gehört der Oxfam-Shop zur Bonner Innenstadt. 1985 brachte die Gattin eines britischen Diplomaten die Idee aus ihrer Heimat mit an den Rhein: Zunächst als improvisierter Garagenverkauf gestartet konnte damals kurze Zeit später ein Laden in guter Einkaufslage gemietet werden. Somit ist der Oxfam-Shop in Bonn auch der älteste Oxfam-Shop von insgesamt 55 in Deutschland, der ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben wird. „Vor der Pandemie und zwischen den Lockdowns liefen die Geschäfte gut“, berichtet Ingrid Chatain, die Shop-Referentin des Oxfam Shops in Bonn und erwähnt, dass der Markt für Secondhand-Textilien wachse. Während des Lockdowns bleiben die Oxfam-Shops allerdings derzeit bundesweit geschlossen, was enorme Umsatzausfälle zur Folge habe und die Durchführung von Nothilfe-und Entwicklungsprojekten im Globalen Süden einschränke. „Da wir bewusst auf das Aufstellen von Containern verzichten und die gespendeten Dinge gern direkt im Shop sichten und sortieren, gibt es aktuell keine Möglichkeit, Aussortiertes und gut Erhaltenes an Oxfam zu spenden.“ schildert Frau Chatain die Situation. Die Corona-Maßnahmen der Stadt Bonn würden mit Bedacht und nach dem jeweils neuesten Wissensstand umgesetzt, aber die Arbeit von Oxfam vor Ort sei seit der Pandemie auf mehrfache Weise betroffen: „Zum Beispiel erschweren die Reise-und Ausgangsbeschränkungen uns den Zugang zu den Menschen, die wir unterstützen und oft kommt es zu Versorgungsengpässen mit Hilfsgütern.“ Deshalb habe Oxfam nun die Arbeit an die neuen Bedingungen angepasst und versuche unter Einsatz neuester Technologien die Menschen aus der Ferne zu erreichen. „Gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort bauen wir zum Beispiel Wasserversorgungen auf, verteilen Hygiene-Artikel und informieren die Menschen, wie sie sich vor dem Virus schützen können (…) unser Ziel ist es, die Bevölkerung vor Ort so zu stärken, dass sie langfristig Krisen besser abfedern kann“. Da es unklar sei, wann genau die Oxfam-Shops, je nach Corona-Entwicklung in Deutschland, voraussichtlich wieder öffnen könnten, seien sie nun mehr denn je auf regelmäßige Spenden angewiesen.

Unterdessen dringt auch der Handelsverband Deutschland (HDE) immer stärker auf die Öffnung der Geschäfte.

„Wir können nicht langfristig in einem Lockdown bleiben“

Das erklärt mir Dr. med. Nico T. Mutters, Professor und Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn, am Telefon, „aber Corona wird sicherlich nicht die letzte Pandemie sein, mit der wir es zu tun haben werden – wir müssen da an langfristige Konzepte denken und Hygieneaspekte zukünftig in die Städteplanung mit aufnehmen.“ Dies erscheint vor dem Hintergrund der Studie „Vitale Innenstädte 2020“, in der 55,3% der Befragten angaben, die Innenstadt trotz Online-Kaufs häufig zu besuchen, nachvollziehbar. Die Einzelhändler müssten sich nicht nur darauf einstellen, nach dem Lockdown und im Zuge der Corona-Virus-Mutation Hygienekonzepte anzupassen und ggfs. zum Beispiel bei Belüftungsanlagen nachzurüsten, sagt Herr Prof. Dr. med. Mutters, sondern weiterhin die Einhaltung der „A-H-A-L“- Regeln zu gewährleisten. In der Gastronomie sei dies natürlich schwieriger umzusetzen als im Einzelhandel, da müsse man ebenfalls langfristig ran, aber dort könnten ebenso Möglichkeiten gefunden werden. Im Moment scheine die Bevölkerung noch zu relativ gleichen Zeiten einkaufen zu gehen. Deshalb läge die Überlegung nahe, den Personenverkehr durch geänderte Öffnungszeiten von Geschäften, beispielsweise einer Öffnung an Sonntagen, weiter zu entzerren und zusätzlich den öffentlichen Nahverkehr weiter auszubauen. Mit dem Lockdown habe die Bundesregierung richtig gehandelt, um zunächst Zeit zu gewinnen, eine zwischen den Bundesländern einheitlich abgestimmte Corona-Strategie wäre jedoch sicherlich noch besser gewesen. Die No-Covid-Strategie hält Herr Prof. Dr. med. Mutters aufgrund des enormen Kontrollaufwands und wegen des dazu notwendigen, starken Informationsflusses für schwierig umsetzbar, auch wenn prinzipiell der Grundgedanke interessant ist. Und da derzeit nur ca. 20% der Bevölkerung die Corona-Warn-App nutzten, d.h. man in der Bonner Innenstadt nur jedem 4. oder 5. tatsächlich mit der App begegne, müsste langfristig der Anreiz für den Download der Corona-Warn-App gegeben werden, um die Infektionsketten in einer mittlerweile so stark vernetzten Welt, was die Corona-Pandemie ja letztendlich gezeigt habe, nachvollziehen zu können.

Wird die Bonner Innenstadt weiterhin attraktiv bleiben?

„Corona wird erhebliche Auswirkungen auf die drei Bereiche „Innenstadtentwicklung, Wohnsituation und Arbeitssituation haben“ erläutert Dr.-Ing. Theo Kötter, Professor für Städtebau und Bodenordnung am Institut für Geodäsie und Geoinformation der Universität Bonn der zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Forschungsprojekt zu dem Thema durchführt. Somit könne COVID-19 als Beschleuniger von Trends angesehen werden, die ohnehin schon begonnen hätten und weiter ablaufen würden, das heißt: Der Rückgang des stationären Einzelhandels zu Gunsten des Online-Handels werde durch Corona nur noch weiter beschleunigt. Herr Prof. Dr.-Ing. Kötter blickt gespannt auf die Entwicklung der Leerstände, die auch in der Bonner Innenstadt zu finden sei: „die Corona-Pandemie kann aber auch dazu führen, dass in der Bonner Innenstadt durch ein Überangebot an Ladenfläche, wie es beim Karstadt der Fall ist, die Mieten-und Immobilienpreise und die Bodenwerte sinken und damit wiederum für Kulturschaffende, Startups oder Kreative, die sogenannten „Pioniere“, attraktiv werden, die mit ihrer Ansiedlung zu einer neuen Vitalität und Funktionsvielfalt in der Bonner Innenstadt beitragen und somit die Attraktivität erhöhen können“. Er beobachte, dass die Zeit der großen Einkaufszentren zurück zu gehen scheine und der Einzelhandel in Zukunft mit weniger Fläche und „Multichannelaktivitäten“, also dem Vertrieb über mehrere Kanäle, Einzug hielte. Bereits schon jetzt unterstütze das Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Bonn Unternehmen bei der Digitalisierung mit kostenfreien Webinaren, was wichtig sei. Möglicherweise bekäme das „Erlebnis Innenstadt“ darüber hinaus zukünftig eine ganz neue Bedeutung und Angebote, beispielsweise zur Unterhaltung, Freizeitgestaltung und Kultur könnten neben dem Einkaufserlebnis an Bedeutung gewinnen.

Handel scheint also Wandel zu sein.