Nur ein Moment
bild: bonnFM

Nur ein Moment

Ein Theaterstück in drei Sprachen, mit einer Prise Sozialkritik und Publikumsbeteiligung. Das und viel mehr bekamen die Zuschauer des Stückes „Momentum Nostrum“ der Theatergruppe G.I.F.T. zu sehen.

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Wo der eine vielleicht dankend ablehnt, hat der andere seine Theaterträume verwirklicht gesehen. G.I.F.T. ist ein dreisprachiges Theaterensemble, das auf Deutsch, Italienisch und Französisch Stücke schreibt, einübt und spielt. Denn der Name G.I.F.T. steht (überraschenderweise) für German Italian French Theater. Die internationale Zusammensetzung der Gruppe spiegelt sich natürlich in der Mehrsprachigkeit der Stücke wider, aber auch in den Thematiken. Aktuelle Gesellschaftliche Bewegungen wie PEGIDA werden genauso aufgegriffen wie der 100. Jahrestag vom Beginn des Ersten Weltkrieges. Auch das neue Stück ist wieder politisch, ironisch und kritisch und zeigt die Entwicklung der Welt in den letzten hundert Jahren. Besonders das Thema Krieg und Frieden stand dieses Mal im Mittelpunkt. Zu sehen war das Stück am 11. und 12. September im Institut français der Universität Bonn, einen Vorgeschmack konnte man schon in der Theaternacht bekommen.

Die Welt ist ein Jahrmarkt

und wir die Besucher. Durch das Stück führt eine Art Zirkusdirektor, mit Zylinder und Frack. Die Schauspieler sind zunächst wie groteske Parodien der großen Mächte des frühen 20. Jahrhunderts: Ein Dunkelhäutiger mit weißem Oberlippenbärtchen, eine Italienerin mit wenig Selbstbewusstsein und siamesische Zwillinge, die mit russischem und amerikanischem Akzent sprechen und sich ständig streiten. Schon recht früh merkt das Publikum, dass es nicht bloß als untätige Zuschauer auf den Stühlen sitzen kann. Denn wir haben das Jahr 1929 und leben zu einem Zeitpunkt, an dem die verschiedenen Nationen nicht friedlich nebeneinandersitzen. Deutsche setzen sich bitte nach hinten, Italiener nehmen vorne links Platz, die Franzosen auf die andere Seite. Die Sprache wechselt zwischen den Szenen, manchmal auch mitten drin. Auch die Rollen ändern sich, zwischendurch werden die Schauspieler sich selbst bewusst und durchbrechen die vierte Wand, indem sie als sie selbst über das Stück sprechen. Aber die Grundstimmung bleibt die gleiche: leicht bedrohlich, untermalt mit verschieden farbigem Licht, beunruhigend.

Eine Zeitreise

In der Zukunft angekommen, ist der Schwerpunkt ein anderer. Die Länder schließen Frieden, die UNO wird gegründet – und das Vetoprinzip auf die Schippe genommen. Wie ein Spiel ist die Demonstration dessen aufgebaut, während der die Charaktere merken, dass es durch das Veto-Prinzip fast unmöglich ist, eine Entscheidung zu treffen. Noch immer ist der Zirkusdirektor die Person, die alles im Griff haben zu scheint. Wie in einem interaktiven Videospiel können die Zuschauer anschließend über das Schicksal eines Flüchtlings aus dem Kongo entscheiden. Welche Route nimmt er, welchen Gefahren begegnet er, wird er lebendig in Europa ankommen? Ankommen tut er letztendlich nur wegen eines zweiten Lebens, das dem Publikum die Möglichkeit gibt, nach einer falschen Entscheidung eine andere zu treffen. Doch das ist nicht die einzige Situation, in der das Publikum sich entscheiden und in eine Rolle hineinversetzen muss. Die Zuschauer werden gebeten, über die Handys eine Internetseite aufzurufen. Dort wird jedem eine Rolle zugewiesen und dieser Rolle entsprechend müssen Fragen beantwortet und Entscheidungen getroffen werden, die Einfluss auf die Zukunft haben. Je nach Antworten gibt es positive Konsequenzen, wie eine sinkende Arbeitslosigkeit, oder negative, wie der Stimmverlust der Frauen. Es hängt als ganz von den Teilnehmenden ab, wie es weitergeht, und man spürt deutlich, welchen Einfluss man auf die Zukunft nehmen kann. Zum Schluss wird die Statistik eingeblendet: zu 54% waren die Antworten demokratisch, zu 46% totalitär. Die Grenze ist schmaler, als gedacht.

Momentum Absurdum

Mit wenig Requisiten und einem schlichten Bühnenbild liegt der Fokus ganz auf der Handlung und dem Text. Die Kostüme sind lediglich weiße Maleranzüge, nur der Zylinder der komplett schwarz gekleideten Zirkusdirektorin sticht heraus und wandert auch zwischen den Charakteren hin und her. Bunte Scheinwerfer erzeugen Stimmungen passend zur Szene. Die deutschen Übersetzungen der italienischen und französischen Passagen werden mit einem Beamer an die Wand geworfen, es braucht sich also niemand zu sorgen, Teile nicht zu verstehen. Aber nicht nur Text wird per Beamer an die Wand projiziert. Das Jahrmarktsetting wird verstärkt und immer wieder ins Bewusstsein zurückgeholt durch Videos der Schauspieler. Sie bewegen sich in ihren Maleranzügen über einen Jahrmarkt, probieren die Fahrgeschäfte aus und lassen sich unterhalten. Die Kamera ist teilweise versteckt, als würden die Schauspieler heimlich beobachtet werden. Es trägt zu der beunruhigenden, fast schon bedrohlichen Stimmung einiger Szenen bei.

Die Szenen haben eigene Untertitel, sind eigene Momente in der Geschichte der Menschheit. Momentum Nostrum, unser Moment, macht deutlich, dass wir unsere Gegenwart und Zukunft selbst in der Hand haben. Veranschaulicht an einem kleineren Publikum mit Blick auf die Bühne, übertragbar auf unseren Alltag in der weiten Welt. Welche Folgen haben unsere Entscheidungen? Warum führen wir Krieg? Ist ein Frieden überhaupt machbar? Die Fragen werden nicht komplett geklärt, aber das müssen sie auch nicht. Das Stück gibt Denkanstöße, es regt an mit komischen Figuren und Mono- und Dialogen, die eine Gänsehaut verursachen.

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