„Menschen ertrinken zu lassen, bedeutet moralisches Versagen“
Schiffe von sea-eye Fotoquelle: sea-eye.org

„Menschen ertrinken zu lassen, bedeutet moralisches Versagen“

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Als im August 2017 die Iuventa, das Rettungsschiff der Organisation Jugend rettet, beschlagnahmt wurde, hat das einen Stein ins Rollen gebracht und der öffentliche Ton wandelte sich mehr und mehr gegen die NGOs. bonnFM hat mit Carlotta Weibl, Pressesprecherin und ehemaliges Crewmitglied auf der Seefuchs von der Organisation Sea Eye, gesprochen.

Durch ihr Masterstudium in humanitärer Hilfe lebte Carlotta Weibl ein halbes Jahr auf Malta und hat sich dort im Studium vor allem mit Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. Dadurch hat sie letztendlich auch die Organisation Sea Eye kennengelernt. Sea Eye engagiert sich zusammen mit anderen NGOs wie Jugend rettet für die Rettung von in Seenot geratenen Geflüchteten. „Für mich ist das ganz klar die humanitäre Sicht der Dinge“, sagt Carlotta über ihre Motivation sich bei Sea Eye zu engagieren. Letztes Jahr ist Carlotta auch zwei Wochen im Juni auf der Seefuchs von Sea Eye mitgefahren – ohne jegliche Erfahrung mit der Seefahrt. An Bord wird aber jede Hilfe gebraucht.

Bei Sea Eye sind meistens sechs oder sieben professionelle Seeleute dabei. Der Rest der Crew besteht aus ca. 12 ehrenamtlichen HelferInnen, darunter natürlich auch medizinisches Personal. Die Freiwilligen sind für die Vorbereitung und Durchführung der gesamten Rettungsaktion verantwortlich, erklärt Carlotta.

Die Mission als soziales Experiment

Als ein „soziales Experiment“ bezeichnet sie ihre Mission. Die Crewmitglieder entstammen unterschiedlichen Alters- und Bevölkerungsschichten, wie Carlotta berichtet. Mehrere Wochen leben sie auf engstem Raum und müssen sich auf die Rettung von Geflüchteten vorbereiten. Carlotta erzählt, dass es extrem wichtig ist, eine Crew zu haben, auf die man sich verlassen kann und mit der man sowohl lustige als auch unglaublich schwere Momente durchstehen kann. „Ich erinnere mich, als ich nachts um zwei von der Wache in die Küche kam und da stand ein Crewmitglied, der Konditor gelernt hat und hat Schokobrötchen für alle gebacken als Überraschung für die Crew zum Frühstück. Ich meine, wie cool ist das denn? Das waren einfach so unglaublich schöne Momente zusammen. Das ist auch unglaublich wichtig, um dann auch so schwere Momente und anstrengende Zeiten zu durchstehen.“

Politischer Konflikt beendet die Mission

Doch noch bevor die Crew überhaupt auch nur einen Menschen retten konnte, mussten sie ihre Mission abbrechen. Während ihrer Mission wurde der Seefuchs die Flagge entzogen. Das Schiff fuhr bis dato unter niederländischer Flagge. Ohne Flagge hat die Crew keinen internationalen Schutz mehr, sie sind quasi Piraten. „Für uns war klar, wir müssen erstmal die Situation überblicken und dafür müssen wir zurück in den maltesischen Hafen und hoffen, dass wir da überhaupt reinkommen, weil ein Hafen jemanden [Schiffe ohne Flagge, Annahme der Redaktion] auch abweisen kann.“

Carlotta erzählt auch, wie hart es für die Crew war, als klar wurde: Das Schiff muss umkehren und den nächsten Hafen ansteuern. „Dann auf dem Weg nach Malta die Notrufe zu hören der Boote, die in Seenot waren, die wir hätten retten können, wenn wir nicht wegen dieses politischen Themas hätten wegfahren müssen, das war für unsere gesamte Crew auf jeden Fall ziemlich schwer. Also diese Hilflosigkeit und Tatenlosigkeit.“

Von Helden zu Verbrechern?

Der öffentliche Ton gegen die NGOs verschärft sich sowohl seitens der Bevölkerung als auch der Regierungen. Insbesondere wird der Vorwurf, mit Schleppern zusammen zu arbeiten immer lauter. Auch Italiens Innenminister Salvini geht seit seinem Amtsantritt auf Konfrontationskurs und droht mit rechtlichen Schritten gegen die NGOs. „Diese Schiffe können es vergessen, Italien zu erreichen“ und „unsere Häfen sind und bleiben geschlossen“, sagt Salvini. Zudem plant er eine Notverordnung gegen illegale Einwanderer. Laut dieser Notverordnung könne Salvini den NGO-Schiffen die Einfahrt in italienische Gewässer rechtlich verbieten und jedes Crewmitglied könne zu einer Geldstrafe von bis zu 5500 Euro pro illegal eingewanderten Geflüchteten verurteilt werden, wie Die Zeit berichtete).

Beschlagnahmung der Iuventa

Vor allem bei der Organisation Jugend rettet herrscht große Fassungslosigkeit. Im August 2017 wurde ihr Schiff, die Iuventa, von italienischen Behörden beschlagnahmt. Die Beschlagnahmung der Iuventa brachte eine Reihe von Ereignissen ins Rollen. Die politische und rechtliche Lage für die zivile Seenotrettung verschärft sich. Viele Schiffe dürfen die Häfen nicht mehr verlassen oder werden tagelang am Einlaufen gehindert. Auch war die Seefuchs nicht das einzige Schiff, dem die Flagge entzogen wurde. Dasselbe Schicksal passierte auch dem Schiff Aquarius, welches aufgrund des politischen Drucks von Italien 2018 seine Flagge aus Panama verlor.

Auf der Iuventa wurden angeblich von einem privaten Sicherheitsmann verdächtige Szenen bei einer Rettungsaktion beobachtet. Er habe Männer auf einem Schlauchboot gesehen, die damit zurück zur libyschen Küste gefahren sind. Aufgrund dieser Beobachtung folgte seine Annahme, die Crew der Iuventa würde mit Schleppern zusammenarbeiten (Die Zeit berichtete). Aufgrund dieser Geschehnisse wurden Teile der damaligen Iuventa-Crew angeklagt.

Ein langer Prozess

Aktuell liegt bereits eine Anklage gegen 10 Crewmitglieder der Iuventa vor, unter anderem gegen den Kapitän. Der Vorwurf der Anklage lautet Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Laut des italienischen Anti-Mafia-Gesetzes stehen darauf bis zu 20 Jahre Haft und eine Geldstrafe von 13.000 Euro pro Person und pro illegal Eingewanderten. Diese Summe könne man sich bei insgesamt 14.000 geretteten Menschen für die 10 Crewmitglieder hochrechnen, erzählt Carlotta. Man merkt ihr die Fassungslosigkeit an.

Aktuell „müssen die italienischen Behörden Beweise vorbringen, die sie aber anscheinend nicht haben, weil es nichts gibt“, stellt Carlotta klar. Die Crewmitglieder werden sich zudem auch auf einen langen politischen Schauprozess einstellen müssen. Dieser wird sich bis zu fünf Jahre hinziehen. „Die Behörden haben ja auch kein Interesse daran das Ganze möglichst schnell über die Bühne zu bringen, weil sobald es ein Urteil gibt und die Menschen freigesprochen werden, muss auch die Iuventa wieder freigegeben werden“, sagt Carlotta. Aktuell liegt die Iuventa nach wie vor beschlagnahmt im Hafen von Trapani auf Sizilien. Wird die Iuventa wieder freigesprochen, wird sie wieder in See stechen und die NGO Jugend rettet wird wieder versuchen, in Seenot geratene Geflüchtete zu retten.

Die Geschichte der Iuventa wurde im Film „Iuventa. Seenotrettung – Ein Akt der Menschlichkeit“ von Regisseur Michele Cinque verfilmt. Er begleitete die Crew bei einer kompletten Mission und zeigt, wie zivile Seenotrettung abläuft, aber auch wie diese aktuell kriminalisiert wird und wie die Iuventa beschlagnahmt wurde.

Europas Werte werden mit Füßen getreten

Aktuell sind kaum noch zivile Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer unterwegs. Lediglich die Sea Watch 3 hat in den letzten Tagen Menschen retten können. Wieder einmal dauerte es mehrere Tage, bis die 65 Geflüchteten einen sicheren Hafen erreichen konnten. Und wieder einmal ist die Sea Watch 3 vorrübergehend durch italienische Behörden beschlagnahmt, genau wie fast alle anderen Schiffe von zivilen Rettungsorganisationen.

Auch staatliche Seenotrettung gibt es im Prinzip nicht mehr, berichtet Carlotta. Die europäische Marineoperation Sophia soll beendet werden, stattdessen wird nun auf die libysche Küstenwache gesetzt. Wie die Lage für Geflüchtete in Libyen aussieht – darüber gibt es mittlerweile zahlreiche Berichte. Geflüchtete berichten über Folter, Vergewaltigung und Menschenhandel. Für Carlotta ist die Tatsache, dass die libysche Küstenwache finanziert wird, unverständlich. „Da fragen wir uns immer noch, warum da nicht ein riesiger Aufschrei stattgefunden hat. Es kann niemand mehr sagen, dass er nicht gewusst hat, wie es da [In Libyen, Anm.d.Red.] aussieht. Trotzdem wird die libysche Küstenwache massiv finanziert und ausgebildet, da werden Schiffe hingegeben. Es ist so offensichtlich, wie die europäischen Politiker versuchen, diese Verantwortung, die sie ja auch hätten im Mittelmeer, abzugeben und zu sagen: Macht ihr das, das ist nicht unser Problem. Wir wollen damit nichts zu tun haben.“ Dass die libysche Küstenwache gewaltvoll gegen Geflüchtete vorgeht und Seenotrettung behindert, zeigt auch dieses Video der New York Times.

Carlotta erzählt auch, dass das Schicksal der einzelnen Menschen gar nicht mehr im Vordergrund steht. Dies sei auch ein Grund, warum die Organisation ein Schiff in Alan Kurdi umbenannt hat. Damit wollte man ein Zeichen setzen. Alan Kurdi, ein kleiner Junge syrischer Abstammung, ist 2015 im Mittelmeer ertrunken. „Das Bild von dem Jungen im roten T-Shirt am Strand haben viele gesehen. Wir haben gesagt, es muss wieder klar werden, worum es hier geht. Es geht um Jungen wie Alan Kurdi, die es nicht verdient haben da zu sterben, egal welches politische Interesse dahintersteht“.

Zivile Seenotrettungsorganisationen wie Sea Eye kämpfen bei ihren Missionen um jedes einzelne Menschenleben. Eine politische Lösung der Situation im Mittelmeer ist momentan die libysche Küstenwache. Aber kann oder soll diese als Lösung des Problems gesehen werden? Darüber sollten sich Politiker, aber auch die Gesellschaft Gedanken machen.

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