Tag sechs
Bild: bonnFM / Michelle Gille

Tag sechs

Lesezeit: 3 Minuten

Diese Kolumne gibt die subjektive Meinung der Autorin wieder.

Tag sechs in auferlegter Quarantäne und kein Ende in Sicht. Diese Woche beschäftigt sich unsere bonnFM Kolumne mit dem bösen C-Wort, dem Leben auf 60m2, Vodka Apfelsaft und allem, was damit einhergeht.

Der Wecker klingelt, ich drücke auf Snooze und mache die Augen wieder zu. Der Wecker klingelt schon wieder, ARHG! Ich drücke genervt auf mein Handy, der Ton verstummt.

Mittwochmorgen, 8.15 Uhr in Norwegen. Hey, ein neuer Tag in quasi Quarantäne und ich bin genervt, bevor ich überhaupt wirklich aufgestanden bin. Also bleibe ich noch liegen und checke mein Handy: Vier neue Snaps. Ja es ist absurd, aber Norweger*innen benutzten Snapchat so exzessiv, wie wir Almans Klopapier horten. Meine Mama fragt, ob ich okay bin und hey, heute nur vier neue Pop Ups von der Nachrichten App meiner Wahl – and it‘s all about corona. Ich lege mein Handy wieder weg und vergrabe mein Gesicht im Kissen, was ein Mist.

Ich checke die Uhr: 8.27 Uhr. In 33 Minuten beginnt mein erstes Skype Meeting, Videochat inklusive, denn mein Chef findet es halt einfach netter, „wenn man sich dann trotzdem mal persönlich sieht“. Der Gedanke an einen Videochat stresst mich so sehr, dass ich viel zu schnell aus dem Bett aufspringe und ins Badezimmer laufe. Das war dumm, jetzt ist mir schwindelig – ist das etwa schon der Sauerstoffentzug?! Während ich Zähneputze und alles daran setze mich halbwegs vorzeigbar zu machen (Stichwort Videochat), brav meine Vitamin-D-Tropfen nehme, überlege ich, was ich heute anziehen soll. (Spoiler: Es wurde ein Rollkragenpulli und eine Strumpfhose. Hosen werden doch prinzipiell überbewertet und die sieht man eh nicht. Im Videochat meine ich).

9.01 Uhr und ich warte, dass mich der Admin des Gesprächs in den Chatroom lässt – oh hey, ja Guten Morgen! Mir geht’s super (Lüge) und euch?

Nach ungefähr einer Viertelstunde haben alle es geschafft ihre Kamera oder das Mikro anzuschalten, im besten Fall beides. Kurz schnacken alle über die aktuelle Lage, anstehende Projekte, die Kinder von Kolleg*innen unterbrechen uns und fragen nach einem Toast und werden auf später vertröstet, Mikros fallen wieder aus, Kameras auch und nach ungefähr einer Stunde ist alles vorbei und ich mache meinen zweiten Kaffee.

An dieser Stelle kann ich euch aufheitern, auch in Norwegen funktioniert Technik nicht immer einwandfrei, wenn ihr also auch zu Hause im Homeoffice sitzt, plant immer extra Zeit ein, denn ich verspreche euch, niemals funktioniert alles beim ersten Anlauf.

WhatsApp-Anruf: Meine Mama ruft an. Sie fragt, wie es mir geht? Mir geht’s super (Lüge) und dir?

Ich denke darüber nach, wie es mir eigentlich geht. Die letzten Tage waren aufreibend. Ich habe alle fünf Minuten mein Handy gecheckt und mir ungefähr 2000 Mal die Hand gewaschen. Seit Donnerstag ist hier in Norwegen fast alles zu, ganz Oslo ist irgendwas zwischen Kryokonservierung und Geisterstadt. Die Sonne scheint und vor meiner Haustür blühen Krokusse, es sieht nicht nach Endzeitstimmung aus und fühlt sich aber ein bisschen so an.

Rückblick Samstagabend: Ich sitze mit meiner Quarantäne-Freundin vorm Fernseher und schütte mir einen Vodka Apfelsaft (schwere Zeiten) ein, als mein Handy aufblinkt: “Norwegen schließt die Grenzen ab Montagmorgen, 8:00 Uhr.”

Darauf folgen mehrere kurze Panikattacken, ein weiterer Vodka Apfelsaft und die Frage, ob ich jetzt panisch meine Sachen packen und das Land verlassen sollte „bevor es zu spät ist“. Nach Rücksprache mit meinen Eltern, einem ein bisschen angeheiterten Anruf bei meinem Chef und schließlich beim Botschafter, einer Ramen Suppe und zig Gedankensprüngen steht fest: Ich bleibe erstmal hier, vermutlich bis nach Ostern, so genau weiß das aber niemand. Ich kann euch aber sagen, es ist ein scheiß Gefühl, nicht mehr die Möglichkeit zu haben in sein Heimatland zurück zu können.

Meine Mama rät mir mich in die Krisenvorsorgeliste einzutragen. Ok Mama. Ich klicke auf den Link auf der Seite des Auswärtigen Amts, er heißt /elefand – ich rolle mit den Augen. Nach ungefähr drei Minuten lässt der Link sich öffnen: „Keine sichere Verbindung mit dieser Seite möglich. Dies liegt möglicherweise daran, dass die Website veraltete oder unsichere TLS-Sicherheitseinstellungen verwendet. OKAY AUSWÄRTIGES AMT, DANN HALT NICHT.

Ich bin genervt und klappe den Laptop wieder zu. Ist noch Apfelsaft da?

Mittwochnachmittag, 15:10 Uhr. Vögel zwitschern, Skype connectet sich und ich habe im Laufe des Tages doch noch eine Hose angezogen, man soll sich ja nicht so hängen lassen. Freunde fragen mich, ob wir skypen sollen und es macht mich glücklich, dass ich nicht ganz alleine bin. Die Sonne scheint und vor meiner Haustür blühen Krokusse. Es sieht nicht nach Endzeitstimmung aus und gerade fühlt es sich gar nicht mehr so schlimm an. Und ich denke darüber nach, ob in der Krise, nicht auch vielleicht vieles nur Einstellungssache ist.

Aber hey: Abwarten was Tag sieben mit sich bringt.

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