Studierende- Die Vergessenen dieser Krise?
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Studierende- Die Vergessenen dieser Krise?

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Seit März des vergangenen Jahres findet das Studium nur noch digital statt. Zu Beginn des letzten Sommersemesters wurde die Lehre pandemiebedingt auf online Lehre umgestellt. Statt Vorlesungen im Hörsaal, finden diese in Zoom-Sitzungen mit 200 Teilnehmer*innen statt. Ganz bequem der Vorlesung aus dem eigenen Bett zuhören, das ist doch eigentlich der Traum aller Studierenden oder?

Wer in den vergangenen Monaten die Debatten rund um die Auswirkungen der Corona-Pandemie verfolgt hat, sollte bemerkt haben, dass die Probleme von Abiturient*innen und aller anderen Schüler*innen intensiv diskutiert wurde. Studierende hingegen, scheinen in den Debatten nicht stattzufinden. Ein Trinkspiel, bei dem du auf jeden Fall nüchtern bleibst: Trinke jedes Mal einen Shot, wenn jemand in der Corona Pressekonferenz „Studierende“ sagt. Schüler*innen mit Studierenden zu vergleichen, das hinkt zugegebenermaßen in einigen Bereichen. Studieren ist viel individueller als zur Schule zu gehen, viel autonomer und der Leistungsdruck ist ein ganz anderer. Homeschooling wurde im letzten Jahr ständig diskutiert. Müssen Kinder eine Maske im Unterricht tragen? Kann jede*r von ihnen auf einen Computer zurückgreifen, um Hausaufgaben zu machen? Ist das datenschutzrechtlich in Ordnung? Und wie lässt sich das alles organisieren? Diese Fragen wurden vielleicht nicht alle beantwortet oder gelöst, aber sie werden ständig im öffentlichen Raum besprochen. Bei uns Studierenden läuft das wenn überhaupt auf universitärer Ebene ab. Studieren war immer schon größtenteils Selbstorganisation. Aber wieso setzt die Regierung und die Universität einfach voraus, dass alle Studierenden einen eigenen Laptop, eine gute Internetverbindung und ruhige Arbeitsplätze haben, um quasi genauso wie vorher am Seminar teilnehmen zu können?

Bananenbrot in der Pfanne

Und irgendwie klappt das schon. Ich kann an allen Veranstaltungen meiner Uni teilnehmen ohne das Haus zu verlassen und alle Leistungen absolvieren. Ein digitales Referat halten ist etwas ungünstig? „Dann schreiben Sie mir doch ein Essay und für diese Woche habe ich mal drei Texte zum Lesen hochgeladen. Sie haben ja Zeit.“ Okay, dann lese ich wohl die Texte und bereite mich vor. Und abends, da kann ich ja einen Spieleabend über Zoom machen oder ich gucke einen Film. Dass die Bildschirmzeit rapide in die Höhe steigt, ist hier ein nerviger Nebeneffekt, aber die Hauptsache ist ja drinnen zu bleiben und das Studium zu schaffen. Ich öffne Instagram und schließe es wieder und öffne es wieder und sehe Menschen Bananenbrot backen und Yoga machen. Und während ich kurz „Bananenbrot in der Pfanne backen“ google – ganz ehrlich, ein Backofen ist doch Luxus – denke ich daran, wieviel mehr Studieren einmal war.

Über Studierende gibt es ziemlich viele Klischees. Viele davon treffen zu und für fast alle werden wir belächelt. Bier trinken, immer eine Mate in der Hand und bis mittags schlafen – das trifft bestimmt auf einige von uns zu. Das berühmte „Studierendenleben“ ist ein wichtiger Teil dieses Lebensabschnittes und dazu da Freund*innen fürs Leben zu gewinnen, einen Ausgleich für den universitären Leistungsdruck zu schaffen und wichtige Erfahrungen zu sammeln. Natürlich wirkt es lächerlich sich darüber zu beschweren, dass man nicht mehr ins Café oder in die Kneipe gehen kann. Aber wenn du alleine in einer Stadt lebst, kann es sein, dass dies deine einzigen sozialen Kontakte sind. Die Universität lebt vom Austausch, vom Diskurs, von Debatten und Vernetzung. Dies ist nun strukturell nicht mehr möglich. Es hängt von den Dozierenden ab, inwiefern sie digitale Möglichkeiten nutzen können und wollen um mehr Studierende zu beteiligen. Menschen kennenlernen, sei es als sozialer Kontakt oder zum Networken – wir alle wissen, dass ein Studienabschluss auf unserem Lebenslauf nicht ausreichen wird –  ist fast unmöglich geworden. Mit der Schließung von Cafés ist nicht nur ein Ort für soziale Kontakte verloren gegangen, sondern auch einer zum Lernen. Dazu kommen Schließungen der Bibliotheken und Lernräume des AStAs. Ein Tapetenwechsel und Ausgleich zum Studium ist also nicht mehr möglich. Dass die mentale Gesundheit darunter leidet, wenn man den ganzen Tag auf 20m² sitzt und demselben Leistungsdruck ausgesetzt ist wie vorher,  sollte jede*m klar sein. Spazieren gehen und Tipps wie „bastel doch mal ein Vision Board“ reichen da nicht aus. Die Studierendenwerke in Deutschland geben an, dass die Beratungsangebote zur Zeit überlaufen werden.

Die Corona Krise und der Generationenvertrag

Neben mentaler Belastung, haben viele Studierende ihre Nebenjobs verloren und stehen vor großen finanziellen Sorgen. Es gibt die Corona Überbrückungshilfen vom Staat, aber auch wenn diese tatsächlich ankommen, weiß jede*r dass 650 Euro nicht so wahnsinnig viel sind, wenn du 500 Euro Miete zahlst. Vielen Studierenden, welche sich das Studium selbst finanzieren müssen, werden also die Gegebenheit dafür stark erschwert, oder sie müssen gar abbrechen. Da dies meist nicht auf privilegierte Akademikerkinder zutrifft, wird die Gruppe der Studierenden noch homogener und Chancengleichheit noch unglaubwürdiger.

Wir werden im öffentlichen Diskurs kaum wahrgenommen und unsere Probleme scheinen mit einem „klappt doch irgendwie“ abgekanzelt zu werden. Dabei sind wir die nächste Generation an Ärzt*innen, Wissenschaftler*innen, Jurist*innen, Taxifahrer*innen und was ihr eben noch so studiert. Wir werden bereits enorm für die Generationen vor uns eingesteckt haben, wenn wir damit beginnen unser gesamtes Leben lang dafür zu arbeiten, dass deren Rente und Schulden bezahlt werden. Der Generationenvertrag war noch nie so einseitig zu spüren wie gerade.