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„Jeder kann ein Beatboxer sein, es ist nur schwieriger, ein guter Beatboxer zu sein.“ – Tom Thum im Interview
Bild: Barbara Frommann

„Jeder kann ein Beatboxer sein, es ist nur schwieriger, ein guter Beatboxer zu sein.“ – Tom Thum im Interview

Tom Thum ist Musiker und Graffiti Künstler. Vor allem ist er aber als Beatboxer bekannt geworden. Spätestens seit seinem millionenfach geklickten TED Talk zu Beatboxing im Sydney Opera House kennt man ihn auch außerhalb der Beatboxszene. Am vergangenen Freitag performte er im Rahmen des Beethoven Festes mit Koka Nikoladze (Erfinder der Beatmachines) und Gordon Hamilton (Koomponist, Dirigent) im Telekom Forum Bonn. Wir haben die Gelegenheit genutzt und hatten die Möglichkeit, ihn vor seinem Auftritt zu interviewen.

bonnFM: Wir würden dich gerne unseren Hörern vorstellen, aber du hast viele alente. Du bist Musiker, Beatboxer und vieles mehr. Wie würdest du dich selber beschreiben?

Tom: Ich würde mich einen zwanghaft obsessiven Kreativen nennen. Ein Mann mit vielen Gesichtern. Ich habe einen Schrank voll mit Talenten und ich versuche herauszufinden, welches davon im Moment am besten passt. Ich bin Beatboxer, Musiker, ich komponiere eine Menge mit meiner Stimme, ich mache auch Graffiti, bin ein B-Boy und ein Naturliebhaber.

bonnFM: Das sind viele Sachen. Was davon würdet du nehmen wenn du dich nur mit einem Talent beschreiben könntest?

Tom: Wahrscheinlich Beatboxing, weil ich daraus am meisten ziehen kann.

„Ich war einfach hyperaktiv und hab sowieso die ganze Zeit Geräusche gemacht.“

bonnFM: Wie hast du denn überhaupt angefangen zu beatboxen? Wenn du ein Instrument lernst, kannst du einfach eins kaufen und es lernen, aber beim Beatboxen hast du ja nur dich und deine Stimme.

Tom: Genau so fing es bei mir an. Denn erstens konnte ich mir keine Instrumente leisten und zweitens war ich einfach hyperaktiv und habe sowieso die ganze Zeit Geräusche gemacht. Als ich ein Kind war, habe ich die ganze Zeit gemalt und gekritzelt, zum Beispiel Weltraumstationen. Und dann habe ich auch die Geräsuche gemacht, um in die Welt einzutauchen. Und irgendwann verliebte ich mich in HipHop und Breakdance und Graffiti, ich fing an kleine Snippets von Beatbox auf CDs und bei Events zu hören und habe die Parallele zwischen meiner Kindheit und HipHop gesehen und plötzlich hatte mein merkwürdiger Tick einen Namen.

bonnFM: Wo ist denn die Grenze zwischen komischen Geräuschen machen und Beatboxen? Wann kam denn für dich der Punkt, an dem du festgestellt hast, dass du nicht nur einfach komische Geräusche mit deinem Mund machen kannst, sondern dass dieses Talent irgendwie zum Beruf geworden ist?

Tom: Ich schätze jeder kann ein Beatboxer sein, es ist nur schwieriger, ein guter Beatboxer zu sein. Jeder, der Kick und Snare machen kann, darf sich theoretisch Beatboxer nennen. Aber für mich wurde es professionell, als ich anfing international zu touren. Ich dachte: Wenn mich Leute nach Belgien oder so fliegen, muss ich wohl gut genug sein… oder nach Bonn.

bonnFM: Was würdest du denn sagen, was es braucht, um richtig gut im Beatboxen zu werden? Ist es mehr Talent oder Übung?

Tom: Also ich glaube daran, dass jeder in allem gut sein kann, wenn man sich reinhängt. Also denke ich, dass Übung und natürlich Interesse an der Sache wichtig sind. Es wäre unmöglich, sich dazu zu zwingen, ein guter Beatboxer zu sein, wenn man es nicht liebt. Während man aber auch ein guter Steuerberater sein kann, obwohl man nicht jeden Tag genießt. Ich würde sagen, man braucht Durchaltevermögen, Leidenschaft und strenge Eltern.

„Du nimmst etwas, was du schon hast und veränderst es.“

bonnFM: Wie lernt man denn überhaupt einen neuen Sound? Bei Instrumenten gibt es Noten und Tonleitern und meistens hat man vielleicht sogar noch einen Lehrer. Beim Beatboxen muss man sich ja mehr oder weniger alles selber beibringen.

Tom: Ich habe mir fast alles selbst beigebracht, aber jetzt gibt es Tutorials und so viele coole Events, vorallem in Europa und in Deutschland. Beatbox Germany produziert fantastisches Zeug. Sie machen Gigs und Workshops. Aber das ist anders als die traditionelle Art zu lernen, weil man oft auf seinem eigenen Abenteuer ist, unanhängig davon, ob du von einem Tutorial lernst. Dir fällt ein Sound ein und dann machst du ihn in verschiedenen Arten. Du hast einen Sound und überlegst dir, wie klingt der, wenn ich zum Beispiel nach innen atme? Du erfindest die Dinge neu – du nimmst etwas, das du schon hast und veränderst es und so baue ich mir Sounds.

bonnFM: Ist das denn nur deine Herangehensweise? Oder glaubst du es ist heute einfacher ins Beatboxen einzusteigen mit den ganzen Tutorials die es mitlerweile bei YouTube gibt? Wie zum Beispiel auch von dir.

Tom: Ich denke, es hängt davon ab, wie du ans Musik lernen herangehst. Viele Leute gucken sich Tutorials an, aber ich würde sagen, dass fast 100% der Beatboxer irgendwann die gleiche Herangehensweise wie ich wählen und selber einen Sound ausbauen. Ich denke, jeder macht das irgendwann.

„Vorher habe ich nur im Park mit Kumpels gefreestyled und mich betrunken.“

bonnFM: Du hast eben gesagt, dass es einen Punkt gab, wo du auf einmal um die Welt getourt bist und realisiert hast, dass das Beatboxen mehr als nur ein Hobby für dich geworden ist. War der TED Talk, den du gegeben hast auch ein ähnlicher Wendepunkt in deiner Karriere?

Tom: Es war auf jeden Fall ein Wendepunkt in meiner Karriere. Ich war damals schon Vollzeit auf Tour. Ich bin davor schon 7 Jahre getourt – auch international. Aber es war definitiv ein Wendepunkt, weil ich vor so verschiedenen Menschen stand, die nicht wussten, was ich tue oder nicht die Möglichkeit dazu hatten. Das Internet ist so ein vielseitiger Ort, in dem Leute immer neuen Sachen ausgesetzt sind. Es war gut für mich. Das war das erste mal, dass ein Orchester mich kontaktiert hat und meinte “wir können zusammenarbeiten”. Davor habe ich nur in Parks mit Kumpels gehangen und gefreestlyed, mich betrunken und plötzlich hat mich das Queensland Symphony Orchester angerufen “Hey, hast du Lust mit einem Orchester zu beatboxen?” Das hat mich umgehauen, ich hätte nie gedacht mal in so einer Position sein zu können.

Bild: Barbara Frommann

bonnFM: Mit der Orchester Referenz spielst du auf dein Projekt an, mit dem du gerade hier bist?

Tom: Ja, ich meine einen Teil davon. Als wir 2015 angefangen haben mit Orchestern zu arbeiten, hat mich das Queensland Symphonieorchester mit Gordon bekanntgemacht. Wir haben uns zum ersten Mal im Keller meiner Eltern getroffen und haben da an einem Orchesterprojekt gearbeitet. Und jetzt sind wir in Bonn, so viele Jahre später mit fast vier Stunden Musik im Gepäck. Also das war wirklich eine große Chance für mich.

„Ich hatte kein Glück, ich hatte nur einen starken Willen.“

bonnFM: Dadurch, dass du beatboxt und kein Instrument spielst, kannst du einfach ​Musik mit deinem eigenen Mund machen. Glaubst du, es ist einfacher für dich da du nur mit deinem Mund quasi ein ganzes Stück komponieren kannst, während ein Dirigent zum Beispiel mit andern Musikern arbeiten muss?

Tom: Ich würde nicht sagen, dass ich Glück hatte, ich hatte nur einen starken Willen. Ich hab mich hingesetzt und mir mixen und aufnehmen und Musik produzieren beigebracht und die Komposition hat mich wirklich fasziniert. Also verschiedene Ebenen der Stimme mixen statt nur zu Beatboxen. Ich habe nicht mein Interesse daran verloren aber gemerkt, dass es nicht meine Stärke ist. Ich wollte lieber Songs bauen und cooles Zeug erschaffen. Als ich damit angefangen habe, gab es nicht viele Leute, die das gleiche gemacht haben. Es war wie ein einsamer Eisbrecher auf dem Weg in die Antarktis, ins große Unbekannte. Das hat echt Spaß gemacht, es war eine richtige Lernkurve für mich. Ich hatte Glück weil es unbetretenes Territorium war, ich habe neue Wege eingeschlagen, ob ich wollte oder nicht. Zusammenfassend kann ich sagen, ich schätze mich glücklich, dass ich tun kann, was ich liebe.

bonnFM: Du hast schon auf vielen Beatbox contests performt. Dadurch, dass du aber auch Projekte mit anderen Musikern gemacht hast, wie hier mit einem Orchester, kennst du es auch, vor Leuten zu performen, die eigentlich gar nicht so viel mit Beatboxen zu tun haben. Wo ist für dich der Unterschied?

Tom: Der Unterschied zwischen batteln und vor normalem Publikum zu spielen ist schwer zu erklären. Musik ist so subjektiv, es geht nur um den Musikgeschmack und ich habe nie viel Zeit ins Batteln gesteckt. Ich finde es ist fantastisch für die Menschen, die das gerne tun aber ich liebe es, genau in die andere Richtung zu gehen und so weit wie möglich von anderen Beatboxern weg zu sein. Damit behalte ich meine Originalität und ich darf mit einem Orchester in Bonn spielen oder mit indischen Klassischen Musikern. Es macht mir viel Spaß aus dem Muster auszubrechen und mein Musikwissen anzuhäufen. Die Beatboxing-Community bleibt so unter sich, dass man oft in einem Feedback-Loop gefangen ist, wenn man nicht mal außerhalb Erfahrungen sammelt. Ich denke, viele Leute könnten davon profitieren, mal nicht zu einem Battle zu gehen, sondern zum Open Mic und mit anderen Musikern zu spielen und so. Ich finde, man muss zwischen beidem die richtige Balance finden.

„Oh, heute spiele ich in Deutschland!“

bonnFM: Du bist jetzt hier in Bonn und spielst auf dem Beethovenfest. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?

Tom: Ich bin mit dem Flugzeug gekommen. 30 Stunden. Wir haben Anfang des Jahres in Köln gespielt und die Leute vom Beethovenfest haben uns gesehen und hatten die Idee, dass wir mit Koka zusammenspielen könnten. Irgendwie hat es sich so ergeben. Ich gucke nur “Oh, was steht heute in meinem Terminplan: Oh, ich spiele in Deutschland!” Es war wirklich toll, das ist auch mein erstes mal hier und die Musiker, mit denen wir spielen dürfen sind etwas besonderes, das ist bei weitem das beste Zusammenspiel mit einem Orchester, das ich je hatte. Es ist super.

bonnFM: Wie gefällt es dir denn bisher in Deutschland? Hattest du eine gute Zeit?

Tom: Auf jeden Fall. Ich hab dieses Jahr mehr Konzerte in Deutschland als in meiner Heimatstadt gespielt. Das ist schon mein viertes mal hier und auf jeder Tour war ich am meisten in Deutschland. Hier ist eine riesige Beatbox-Szene, einige der Champions leben hier. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, ich will es aber auch nicht zu sehr hinterfragen.

bonnFM: Wir haben ehrlich gesagt gar nicht so viel von Beatbox Events hier in Deutschland gehört. Du bist da wahrscheinlich mehr in der Szene. Hast du ein paar Veranstaltungstips für uns?

Tom: Das World Championship ist hier alle drei Jahre, in Berlin. Es gibt Beatbox Germany, sie hatten ihr National Championship. Ein guter Freund von mir, Marvelin und Shazam veranstalten das. Viele der Schweizer sind auch hier (Syndro, the engineer), das ist hier echt beliebt, in Germany läuft das richtig. Deswegen freue ich mich auch so, hier zu spielen, aber ich sage allen “komm nicht zum Konzert, falls ich’s versaue”.​

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