I’m dreaming of a black Christmas – Warum Repräsentation zur Weihnachtszeit wichtig ist
Bild: Garcia Arthur

I’m dreaming of a black Christmas – Warum Repräsentation zur Weihnachtszeit wichtig ist

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Weihnachten ist der Moment im Jahr, an dem alles wie immer ist: Dieselben Weihnachtslieder, derselbe Baumschmuck und dieselbe aufblasbare Figur eines alten, bärtigen Mannes, die wir auf’s Dach katapultieren und bis nächstes Jahr dort verschrumpeln lassen. Eine Sache hat sich jedoch seit letztem Weihnachten geändert. Zumindest für die Berlinerin Garcia Arthur und für all diejenigen, die sie schon auf Social Media entdeckt haben.

“Wir leben im 21 Jahrhundert, online wird’s bestimmt was geben”

Garcia Arthur andlabelit
Bild: Garcia Arthur

Seit letztem Jahr ist die 29-Jährige selbstständig und betreibt einen Onlineshop mit allerhand illustrierten Weihnachtsprodukten, wie Grußkarten und Stickern. Doch ihre Motive sind alles andere als handelsüblich: Im Angebot sind schwarze Weihnachtsmänner, eine Mrs. black Santa, schwarze Weihnachtselfen und vieles mehr. Für die Berlinerin mit angolanischen Wurzeln steckt dahinter einiges mehr, als eine Weihnachtsbotschaft:  „Mir war Repräsentation von schwarzen Menschen schon immer wichtig. Vor allem, seit ich meine Kinder habe.“

Die Idee dazu kam ihr letztes Jahr Weihnachten, als sie nach schwarzen Weihnachtsmann-Stickern für ihre Geschenke suchte: „Mir war schon bewusst, dass ich die in den gängigen Geschäften nicht kriege. Aber ich dachte: Wir leben im 21. Jahrhundert. Online wird’s da bestimmt was geben.“ Als da dann auch nichts zu finden war, stand für Garcia fest: Dann nehm ich die Sache eben selbst in die Hand!

Learning by doing

Einige Zeit, und einige graue Haare bei Themen wie Datenschutz und Gewerbeanmeldung, später, steht er dann: Der eigene Shop. Heute verkauft Garcia ihre Sticker online und in einigen Berliner Läden. „Ich dachte immer, man braucht mega viel Kapital oder muss eine große GmbH gründen, wenn man sich selbstständig macht. Aber dann hab ich gemerkt, mit Stickern braucht man gar nicht so viel.“ Über Plattformen hat sich Garcia alles selbst beigebracht. Auch, wie sie die Sticker illustriert. Teilweise arbeitet sie dafür aber auch mit Künstler:innen zusammen.

“Wir gehören ja auch zur Gesellschaft”

Dass es solche Sticker bisher nicht gab, findet Garcia schade: „Wir gehören ja auch zur Gesellschaft und nicht erst seit gestern“. In Deutschland habe sich zwar teilweise schon Etwas getan, aber eben nicht genug.

Garcia Arthur andlabelit
Bild: Garcia Arthur

Denn noch immer wird in Sachen Repräsentation vor allem bei Filmen und Serien angesetzt. Und auch da ist die Repräsentation meist eher enttäuschend: “Wenn dann mal schwarze Schauspieler:innen auftauchen, dann sind es irgendwelche Klischees über uns, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Wir können nicht nur gut singen oder gut tanzen. Wir machen auch Ausbildungen, arbeiten in der Pflege oder als Köch:innen.”

Mehr Repräsentation abseits von Hollywood

Vor allem hofft Garcia aber auf mehr Repräsentation abseits von Hollywood: “Wir sind ja auch Menschen mit ‘nem ganz normalen Alltag. Wir brauchen auch Alltagsprodukte und wollen uns darin sehen.” Puppen, Buchcharaktere, Spielzeuge oder eben Illustrationen – alles Sachen, in denen Garcia sich schon als Kind nie wiedererkennen konnte. Für die Zukunft hofft sie, dass sich genau das ändert. “Mein Ziel ist es, dass man solche Produkte in jedem Alltagsladen bekommt. Dass das normal ist – weil es das ja auch ist.” Neben den Weihnachtsmotiven, illustriert Garcia deswegen auch Sticker mit schwarzen Mädchen, Jungen, oder Ballerinas – Menschen der Gesellschaft eben.

Wie sieht der Weihnachtsmann aus?

Über TikTok und Instagram teilt Garcia die Aktion und bekommt viel Unterstützung – aber auch Gegenwind. Der Weihnachtsmann könne gar nicht schwarz sein, er sei weiß, mit dicker Plauze und langem Bart. Das wisse doch jede:r. Aber…eine erfundene Figur, die nachweislich weiß sein soll?

“ich wünsche mir, dass es normal ist, neben einem weißen Weihnachtsmann auch einen schwarzen Weihnachtsmann zu sehen. Denn es ist ja auch normal.” Bild: Garcia Arthur

Es klingt kindisch, sich über das Aussehen des Weihnachtsmanns Gedanken zu machen. Doch gerade solche Kommentare zeigen, dass das Thema alles andere als kindisch, geschweige denn banal ist. Oft sind es eben diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die uns den Alltagsrassismus vor Augen führen, erklärt Rassismusforscher Professor Karim Fereidooni von der Ruhruniversität Bochum. „Wir haben uns daran gewöhnt, dass es nur das Bild vom weißen Weihnachtsmann gibt. Daher sind unsere Sehgewohnheiten rassistisch geprägt. Jetzt kann man fragen, wer hat diese Bilder vom weißen Weihnachtsmann erschaffen und zu welchen Zweck?“ Die Antwort sei klar: Weiße Menschen, aus vermeintlich wirtschaftlichen Zwängen.

Ein weißer Weihnachtsmann verkaufe sich einfach besser, als ein schwarzer, so die Begründung. Dem wiederum liegt jedoch der Gedanke zu Grunde, dass Durchschnittsverbraucher:innen weiß sind. BIPoC werden somit weder in der Welt der Weihnachtsfiguren, noch in der Welt der Konsumierenden berücksichtigt. Aufbrechen könne man diese rassistischen Muster nur, wenn die Diversität unserer Gesellschaft auch repräsentiert werde, so Fereidooni.  

Keiner will den weißen Weihnachtsmann ersetzen

Und was sagt Garcia zu solchen Kommentaren? Die kontert lässig mit lustigen TikToks und zeigt so, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. „Ich denke, das ist eine Person, die schnell was auf dem Handy tippt und gar nicht die Geschichte oder Ziele hinter meiner Arbeit kennt. Und auch nicht weiß was es heißt, hier als schwarze Person aufzuwachsen.“ Die Aufregung um den schwarzen Weihnachtsmann versteht sie außerdem überhaupt nicht. Keiner wolle den weißen Weihnachtsmann ersetzen und es sage auch niemand, dass der eine besser oder schlechter ist, als der andere. Warum kann es nicht einfach beide geben?

Am wichtigsten sind für Garcia aber nach wie vor die vielen positiven Stimmen aus ihrer Community: „Eine Kundin hat erzählt, dass es für sie ein magischer Moment war, die Sticker in der Hand zu halten und sich selbst zu sehen. Das hat in ihr so ein Freude ausgestrahlt.“ Auch nicht-schwarze Menschen, die ihre Idee unterstützen, bestärken Garcia darin, weiterzumachen: “Wenn Sie zu mir kommen und sagen: Es ist cool was du machst, sowas brauchen wir hier. Das macht mich sehr happy.”

Wichtig sei es aber auch, sich selbst zu empowern. Deswegen arbeitet Garcia viel mit Affirmationstexten auf ihren Stickern. “I’m black, I’m proud. Wenn du dir das auf deine Trinkflasche oder dein Handy klebst, erinnerst du dich jeden Tag daran, wie toll du bist, egal was andere sagen – du bist einfach toll.“