Let there be Rock

Ein fast gänzlich unkarnevalistisches Gegenprogramm zum 11. November in Köln gab es letzte Woche im E-Werk: Die Hamburger Band Tocotronic stellte ihr mittlerweile elftes Studioalbum begeisterten Zuschauern vor. Klar wurde, dass die vier Musiker in Würde gealtert und kein bisschen von ihrer jugendlichen Kraft verloren haben.

Die Vorband Sarah & Julian sorgte mit ruhigem Indie-Pop und zweistimmigem Gesang für eine gemütliche, warme Stimmung im prall gefüllten E-Werk. Nach kurzer Umbaupause betraten dann aber Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail die Bühne und ließen keine Zweifel daran aufkommen, dass sie die Meute zum Springen bringen würden. Den Einstieg machte, wie passend, der Prolog des neuen, roten Albums. Danach arbeiteten die Hamburger aber keineswegs nur das neue Material ab, vielmehr boten sie einen wilden Mix aus ihrer umfangreichen Diskografie.

Die Nostalgiker unter den Zuschauern kamen bei alten Klassikern wie Samstag ist Selbstmord und Drüben auf dem Hügel auf ihre Kosten, während Lieder wie Digital ist besser, Macht es nicht selbst und Zucker den ein oder anderen Pogokreis heraufbeschworen. Auch wenn diese teilweise leicht aus dem Ruder liefen, drückten sie doch deutlich die Begeisterung aus, mit der die Band in Köln empfangen wurde. Politisch wurden von Lowtzow und Co. mit Liedern wie Ich öffne mich oder Aber hier leben, nein danke, mit denen sie sich, passend zu ihrer Unterstützung für Pro Asyl, zu Weltoffenheit und Toleranz bekannten.

Pure Vernunft darf niemals siegen

Die Zugaben fielen ebenfalls großzügig aus. Die Jungs von Tocotronic hatten so viel Spaß auf der Bühne, dass sie sich so schnell nicht verabschieden wollten. Spätestens nach dem zweiten Verschwinden hinter der Bühne, war dem Publikum klar: Das war noch nicht alles. Neben der sehr starken Performance von Explosion, folgten noch drei weitere Songs. Den Klassiker Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein sparten sie sich allerdings. Vermutlich keine schlechte Idee, auch wenn der Song zu einem ihrer Bekanntesten zählt. Den sichtbar gealterten Herren mit leicht ergrautem Haar hätte man den Song live einfach nicht mehr abgekauft. Hier lautete die Devise: Weniger Nostalgie, mehr Authentizität.

Das fortschreitende Alter sah man allerdings nicht nur den Jungs an, sondern auch Teilen des Publikums. Während unten vor der Bühne die Menge tobte, ging es oben auf der Galerie des E-Werkes sehr viel ruhiger zu. Doch auch wenn man sich hier eher mäßig zu den Beats bewegte, konnte niemand das Fußwippen gänzlich unterdrücken und der Spaß war allen Anwesenden deutlich anzusehen. Alles in allem kann man wirklich von einem gelungenen Abend sprechen, abseits vom Kölner Karnevalstrubel. Allerdings schien Sänger Dirk von Lowtzow eingangs ein wenig enttäuscht von dem fast vollständig “unverkleideten” Publikum, natürlich mit einem Augenzwinkern.

 

Moderatorin

Sendet jeden Montag von 16 bis 18 Uhr.