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Coming-outs sind scheiße
Bild: pexels

Coming-outs sind scheiße

Jeder queere Mensch wird im Laufe seines Lebens einige Coming-outs erfahren. Mir geht es nicht anders, aber ich muss sagen: Langsam habe ich echt keine Lust mehr.

Lesezeit: 5 Minuten

„…weil ich lesbisch bin.“

Das war es. Mein erstes Coming-out. Ich war 14 und saß mit zwei Freundinnen zusammen. Eigentlich arbeiteten wir gerade an einem Referat für den Reliunterricht, doch das Gespräch hatte sich dem Referatsthema etwas entfernt.

Meine Freundinnen überlegen, wie ihre Hochzeiten eines Tages wohl mal aussehen würden. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit und meine Handinnenflächen werden feucht. Kein gutes Thema. Liebe war damals generell kein gutes Thema für mich: ich lüge nicht sehr gern. Aber es jetzt laut sagen? Zum ersten Mal? Wenn ich nicht weiß, wie sie reagieren?

„Und, Maso, wie stellst du dir dein Hochzeitskleid vor?“

Tatsächlich finde ich Hochzeitskleider sehr schön. Soll ich mir jetzt einfach eins ausdenken? Eins von denen, die ich letztens im Schaufenster gesehen habe? Und den Moment… einfach verstreichen lassen?

„Ich werde nicht heiraten.“

Überraschte Gesichter. Mein Herz pocht, mein Magen fühlt sich an, als ob er sich drehen würde. Mir wird schlecht und es läuft mir heiß und kalt den Rücken runter.

„Was? Wieso denn nicht?“

Fuck. Soll ich zurückrudern? Mir schnell irgendwas zu „veraltete Tradition“ und „unterdrückendes Patriarchat“ ausdenken? (Ja, ich habe auch schon mit 14 Wörter wie Patriarchat benutzt, ich war stets sehr beliebt bei meinen Mitschülern.) Letzte Chance. Noch kann ich alles zurücknehmen.

Nein. Ich will das jetzt nicht mehr.

„Weil ich nicht heiraten kann,…“ – damals gab es in Deutschland noch keine gleichgeschlechtliche Ehe.

„… weil ich lesbisch bin.“

Coming-outs sind nichts einmaliges

Kurzer Disclaimer: In dieser Kolumne geht es hauptsächlich um das Coming-out bezüglich der Sexualität, nicht explizit um das Coming Out von trans*Personen. Da ich nicht trans* bin, wäre das nicht angemessen. Einige Passagen können dennoch auf alle Formen der Queerness zutreffen.

Wenn du queer bist und nicht der „gesellschaftlichen Norm“ entsprichst (queer heißt in diesem Fall „nicht-hetero und/oder Nicht-Identifizierung mit dem bei der Geburt gegebenem Geschlecht“), weißt du mit Sicherheit, was ich meine. Falls nicht, folgt hier eine kurze Erläuterung:

Das erste Coming-out hat mit anderen Menschen nichts zu tun. Das ist dein persönliches Coming-out. Es ist der Moment, in dem du für dich merkst: „Irgendwie bin ich anders, aber ich hab da jetzt irgendwo in irgendeiner Schublade ein Label gefunden. So und das nehme ich jetzt.“ Und das ist dann der Punkt, an dem du dir selber eingestehst, dass du eben nicht die Person bist, von der die Gesellschaft automatisch ausgeht. Und ab da gibt es kein zurück mehr.

Dann liegst du vermutlich nächtelang wach und überlegst, wie du damit jetzt wohl umgehen sollst. Und irgendwann kommst du dann zu dem Schluss: das soll kein Geheimnis sein.

Queerness ist kein dreckiges kleines Geheimnis

Dann outest du dich das erste Mal. Vermutlich entweder bei Freund*innen oder Familie. Freund*innen sind meistens leichter. Die haben sich ja freiwillig dazu entschieden, Zeit mit dir zu verbringen. Und doch bleibt die Angst. Weil selbst, wenn deine Freund*innen keinen homophoben Arschlöcher sind, what are the chances, dass du jetzt anders bist? Was ist, wenn deine Freund*innen sich nicht im gleichen Raum mit dir umziehen wollen? Oder sich unwohl fühlen, wenn du sie berührst?

Ähnlich ist das bei der Familie. Du musst vorher vorsichtig ertasten, wie die Grundstimmung gegenüber Queerness ist. Tja, und wenn du Pech hast, ist die gar nicht gut. Und selbst wenn du das Glück hast, eine relativ weltoffene Familie zu haben, wird das Coming-out doch nicht sehr viel einfacher. Denn Fakt ist: Mit einem Coming-out verändert sich was. Du bist jetzt nicht mehr die Person, für die du gehalten wurdest.

Heteronormativität ist ein Problem

Wir leben – leider – in einer Welt, in der so gut wie jeder davon ausgeht, dass du heterosexuell und/oder cisgender (quasi das Gegenteil von trans*, also wenn man sich mit dem Geschlecht identifiziert, das einem bei der Geburt zugeteilt worden ist) bist. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist das deine Aufgabe, das klarzustellen. Und zwar für den Rest deines Lebens. Jedes Mal, wenn du jemand neuen kennenlernst, geht das Ganze wieder von vorne los. Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, meine Sexualität entweder direkt zu Anfang an irgendeiner halbwegs passenden Stelle in den Raum zu werfen oder es einfach nicht wirklich anzusprechen. Ich mach ja kein Geheimnis draus, können die Leute dann auch von selbst drauf kommen. Denn dieses ständige Outing ist anstrengend. Ja, es ist nicht mehr so schlimm wie vor fünf Jahren. Aber so richtig geil wird’s halt auch nicht.

Und dann diese Fragen…

„Aber hattest du nicht mal ’nen Freund?“

„Aber du siehst gar nicht aus wie ’ne Lesbe.“

„Hattest du schon mal Sex mit ’ner Frau?“

Ich kann verstehen, wenn man Fragen hat. Und das ist in ’nem gewissen Maße auch okay. Ich rede eigentlich ganz gerne über sowas – ein bisschen aufklärerische Arbeit quasi. Aber ich rede dann lieber darüber, woran man merkt, dass man queer ist, oder wie man mit sowas umgeht. Wie das Coming-out war, ob mein Alltag seitdem anders ist. Ich finde es sogar sehr schön, mit nicht-queeren Menschen über diese Thematik zu reden.

Aber bitte, werft mir nicht direkt irgendein Vorurteil gegenüber Lesben an den Kopf. Wir sehen nicht alle aus wie Hella von Sinnen. Mein Sexleben geht euch im besten Fall auch nichts an, oder würdet ihr eine euch verhältnismäßig fremde heterosexuelle Person nach ihrem Sexleben fragen? Nein? Das wäre komisch und unangebracht? Ist bei queeren Menschen nicht anders. 

Und diese Frage nach vergangen Beziehungen… Sexualität ist ein Spektrum. Das kann manchmal etwas verwirrend sein. Es ist auch okay, da nachzuhaken. Aber bitte nicht in einem Tonfall, der vermuten lässt, ihr wärt ein Detektiv, der gerade einen Widerspruch in der Aussage eines mutmaßlichen Täters entdeckt hat. „Aha! Das kann so nicht sein! Da lässt sich vor drei Jahren eine sechsmonatige Beziehung mit einer Person des anderen Geschlechts nachweisen! Ertappt!“ Was zählt, ist das, was die Person euch gerade anvertraut hat. Die wird es selber noch am Besten wissen.

Was kann ich denn als nicht-queerer Mensch tun?

Über die letzten Jahre ist schon vieles besser geworden. Die allgemeine Akzeptanz für Queerness hat stark zugenommen. Aber da ist auch noch Luft nach oben. Es wäre schön, wenn Heterosexualität nicht mehr die Norm wäre. Man sieht Leuten ihre Sexualität eben nicht an, wieso also automatisch von Heterosexualität ausgehen? 

Und ja, man kann solche Sachen umschiffen. Anstatt jemanden zu fragen, ob er*sie einen Freund oder eine Freundin hat, frag doch einfach, ob die Person in einer Beziehung ist. Das ist geschlechtsneutral. Man kann sowas vorsichtig angehen – oder eben direkt. „Hast du grade irgendein Mädchen, auf das du stehst? Oder ’nen Typen? Person? Whatever?“ Sowas schafft sichere Räume und macht klar: „Hier ist ’ne Aufzählung, pick dir was raus, was dir gefällt. Das ist alles okay.“

Coming-outs sind scheiße. Aber sie müssen nicht sein.

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