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Diese „ollen Dinger“
Bild: pixabay

Diese „ollen Dinger“

Wieso schreibe ich das hier überhaupt? 

Ja, ich bin die Person, die bis Mitternacht durch Instagram scrollt, wenn sie am nächsten Tag um fünf Uhr morgens aufstehen muss. Und ja, ich bin die Person, die als allererstes auf ihr Handy schaut, wenn sie aufwacht. Ich habe das nie hinterfragt, weil ich kein Problem darin gesehen habe. Ich bin auch die Person, die genervt sein kann, wenn ihre Schwester oder ihre Mutter am Samstagabend an einem meiner Wochenenden bei meiner Familie auch nur fünf Minuten am Handy verbringen. Kommentare, wie „Man muss auch mal ein Buch lesen und nicht immer nur an diesem Ding hängen“ von meinen Omas, bin ich schon gewohnt. Genauso, wie die Tatsache, dass ich mir vor einem Jahr Sorgen um meine zwölfjährige Schwester gemacht habe, weil ich vom Gruselkontakt „MOMO“ gelesen hatte, der Kinder und Jugendliche auf WhatsApp buchstäblich in den Tod treibt, haben mich dann doch dazu bewegt, mich damit auseinanderzusetzen. Weil ich eben beides sein kann: Der Handyfreak, der nirgendwo ohne sein Smartphone hingeht und Freunde ignoriert, weil ich eine Nachricht bekommen habe. Aber genauso diejenige, die stundenlang ohne das „olle Ding“ auskommen kann und dann genervt ist, wenn die Aufmerksamkeit von anderen nicht mir gilt, sondern einem Handyspiel. Ich frage mich schon, welche Seite von mir die „rationale“ ist, welche die Oberhand hat, welche den verantwortungsbewussteren Umgang mit „solchen Techniksachen“ hat.

Alles Definitionssache?

Aber geht es bei dem verantwortungsbewussten Umgang darum, wie lang man vor einem 5-Zoll Bildschirm verbringt? Um Sucht? Oder in welchem Alter man damit anfängt? Für mich kommt dann irgendwie immer auch diese typische Suchtfrage auf: Kann ich ohne? Aber, ob das bei dem Thema wirklich die richtige Frage ist, das zweifle ich an. Ich zum Beispiel, bin schon Wochenenden ohne mein Handy ausgekommen, wenn ich es irgendwo nicht benutzen konnte oder durfte. Trotzdem ist es ein großartiges Gefühl, mein Handy dann wieder zu haben und die erste Stunde, die es wieder mit dem WLAN verbunden ist, kann man auch nicht viel mit mir anfangen.

Ab wann ist es Sucht?

Aber ist das schon eine Sucht? Oder eher wie ein Hobby, bei dem ich einfach froh bin, es wieder ausführen zu können. Auf der Suche nach einer Antwort stoße ich auf einen Beitrag von Annika Schüle, die für den Landesverband für Prävention und Rehabilitation in Baden-Württemberg arbeitet und sich mit dem Thema Sucht auskennt. Sie sagt aber, es gebe streng genommen gar keine Handysucht: „Smartphones fördern aber suchtähnliches Verhalten. Man verheimlicht seine exzessive Handynutzung, verliert die Kontrolle darüber oder vernachlässigt zum Beispiel seine Hobbys oder seine Freunde zugunsten des Handys”. Nur sind das für uns so verhassten Millenials Dinge, die wir teilweise alle irgendwie schon mal gemacht haben. Wie können wir da eigentlich noch Jobs haben, studieren, oder Hobbys haben? Und wie ist es so weit gekommen? Vielleicht hat das ja mit unserer Kindheit zu tun. Vielleicht aber auch mit uns.

Es gibt Möglichkeiten der Prävention

Tatsächlich kann man Vorkehrungen treffen, um nicht süchtig zu werden. In der Kindheit lernt man den Umgang mit solchen Dingen am prägensten, das heißt, hier müssen die Eltern ran. Aber die Lösung kann nicht sein, die Kinder ewig davon fernzuhalten. Wenn die Kinder achtzehn sind, kann man sie nicht mehr kontrollieren, und was Alessio nicht lernt, lernt Pietro nimmermehr. Und ja, ich kenne diese Namen nur, weil ich zu viel Zeit am Handy verbringe. Eine wichtige Sache ist, egal ob man ein Kind erzieht oder sich selbst, sich wieder Zeit zu nehmen. Gerade auch für Dinge, die man nicht am Handy macht und die einem so sehr Spaß machen, dass die Tinder-Nachricht und der Kommentar unter dem letzten Instagrambild wirklich und ehrlich egal werden. Ob das Sport, Freunde, Musik ist, ist vollkommen egal.

Das Handy gehört zum Alltag dazu

Es bringt eben nichts, das Handy als den Feind zu sehen, den man besiegen muss, aber auch nicht als Notwendigkeit, ohne die man komplett aufgeschmissen wäre. Es gibt schließlich fünfzig Grautöne, die dazwischen liegen. Oder mehr, so viel bin ich dann doch nicht im Internet. Auf jeden Fall sollte man das Handy als das sehen, was es ist. Ein Kommunikations- und Unterhaltungsmedium, nicht mehr, nicht weniger. Irgendwie scheint das Problem hier in den Definitionen zu liegen. Wie definiere ich die Rolle meines Handys für mich? Wie definiert man Sucht oder Verantwortungsbewusstsein? Und erst, wenn man darüber nachdenkt, kann man überlegen, ob man was an seinem Verhalten ändern muss, oder nicht. Oder ob das einem guttun würde. 


Einsicht ist der erste Weg zur Besserung – Wenn man sich denn bessern will…

Und ich glaube, wenn es darum geht, bin ich ganz gut dran. Wenn ich was zu tun habe oder gerade in ein Buch vertieft bin, bin ich auch schon einmal ein paar Stunden nicht erreichbar und ich kenne kaum jemanden, dem das anders geht. Diese kollektive Handysucht, die Teenagern unterstellt wird, kann auch einen anderen Grund haben: Dass es Teenager sind, die sich schon immer in irgendwelche Parallelwelten geflüchtet haben. Vor Handys waren es Computer, davor Comics, Musik und viele andere Unterhaltungsmedien. Und recht viel anderes wird auf Handys auch nicht gemacht, um mal die Frage zu beantworten: „Was macht ihr denn an den Dingern immer?“. Musik hören. Bilder anschauen. Artikel lesen. Vielleicht mal ein Spiel spielen. Aber wieder an der Realität teilnehmen, auch mal eine Pause machen, das heißt dann digital detox und diese Auszeit von der digitalen Welt machen viele Stars und stellen das als ganz normal dar. Sängerin Selena Gomez oder die Youtuberin Lilly Singh zum Beispiel, haben das auch schon gemacht. Und sind dann wieder zurück. Und das ist doch ein sehr gutes Zeichen. Soviel online sein, wie man es selbst will, und wie es einem guttut. Sich weder gezwungen fühlen, darauf zu schauen, noch sich schlecht fühlen, mal ein bisschen Zeit auf Instagram totzuschlagen. Das muss einem gelingen.

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