Für alle Feminist*innen und die, die es glauben zu sein
bild: privat / von links nach rechts: Bianca Jankovska, Julia Feller

Für alle Feminist*innen und die, die es glauben zu sein

Lesezeit: 3 Minuten

Seit einiger Zeit geht ein Gespenst um auf Instagram. Das Gespenst des Feminismus. In ihrem Essayband „Dear Girlboss, we are done“ ziehen Bianca Jankovska und Julia Feller dem Gespenst das Laken weg und enthüllen, dass das gar nicht der Feminismus ist.

In aller selbstverständlichen Selbständigkeit verlegten die Essayistin Bianca Jankovska und die Illustratorin Julia Feller ihr gemeinsames Buch „Dear Girlboss, we are done“. In diesem nehmen sie sich in Text und Bild auf 104 Seiten „Zeit für radikale Dekonstruktion“. Erschienen ist der illustrierte Essayband im Mai 2020 by Books on Demand.

Fundierte allround Kritik

Bianca Jankovska leitet ein mit der Geschichte über eine aufstrebende #Girlboss. Sie zerreißt mit bestimmter Spitzzüngigkeit und Hintergründen, den Umhang des instagrammable Feminismus‘. Der rosa-blumige Stoff, der ihrer Beobachtung nach patriarchale Strukturen in klischeebehaftete Weiblichkeit neu einkleidet. Argumentativ führt Jankovska vor wie #Girlbosse und #Sheprenuere mit qualitätsarmen Produkten ein ambivalent-feministisches Versprechen verkaufen. Und mit diesem Mythos Ungleichheiten manifestieren. Jankovska geht der Frage nach, ob Feministinnen denn überhaupt Unternehmerinnen sein können. Ob Täterinnen, die Feministinnen sind, die wir brauchen. Die Autorin entlarvt, dass von Macht getriebene Frauen kein System verändern wollen, von dem sie haushoch profitieren. Bevor es so wirkt als hätte sie ausschließlich hochnäsig und von oben herab auf das kaputte System geblickt: Tote Solidarität unter Frauen in der journalistischen Szene hat Bianca Jankovska selbst erfahren. Sie zieht den Schluss, dass es der Kapitalismus ist, der jede auftauchende Bewegung auswringt oder zerstört. Das macht er auch mit dem Feminismus. 

Julia Feller heitert die Anklage mit frechen Illustrationen auf. Neben dem schönen Anblick, den Feller uns bietet, bildet sie zu Jankovskas Worten die Realität ab. Eine absurde Realität, von der Feller die pseudofeministische rosarote Folie abgezogen hat und sie uns aufmalt. Denn genauso ist ihr Beitrag zu der Graphic Novel. Lebensfrohe, leuchtende Farben sind die zynische Miene zu fehlerhaften Wertvorstellungen. So anklagend die Worte Jankovskas klingen mögen, so harmonisch wirken sie mit Fellers Illustrationen nach. Der sprachlichen Inklusivität folgt auch inhaltliche: Jankovska bevormundet nicht, denn sie gibt die Erfahrung anderer Frauen unverfälscht weiter an die Leser*innen.

bild: Farangies Ghafoor

Drohnenblick von oben

Am Ende is es als haben uns die beiden Frauen an den Schultern gepackt, über den Fake-Feminismus gehoben und chaotische Gefühle in Bild und Wort gefasst. Ganz oben, über den Pseudofeminismus blickend schütteln sie uns, setzen uns ab und plötzlich sehen wir den Kapitalismus arrogant stolzierend in seinen neuen Kleidern. Bei jedem treffenden Wort bleicht der Schönwetterfeminismus aus – Autorin und Illustratorin verstehen es, zu entlarven. Es mag hoffnungslos erscheinen, wenn die nächste Bewegung, von Geldgier getrieben, für den Mainstream verpackt wird.

Ein solidarischer Handschlag

Erst hatte ich ein sehr ernüchterndes Gefühl, als Jankovska auf den letzten Seiten beschrieb, wie der Spätkapitalismus Veränderungen in seinen Mainstream einspeist, sodass Progressivität stagniert. Was sich im Vorwort angefühlt hatte wie ein Aufruf, den Wolf aus dem Feminismus zu jagen, wirkte nicht mehr zuversichtlich. Wo ist dann der richtige Platz für mich? Ich will nicht ausgebeutet werden und ich will nicht ausbeuten. Gibt es nur die zwei Optionen? Fressen oder gefressen werden? Ich vermisste einen Weg raus aus dieser Misere. Aber vielleicht sind die Gedanken im feuer-orangen Essayband der Kescher, der die entflogenen feministischen Grundwerte wieder einfängt. Bianca Jankovska und Julia Feller, sozialisiert im gleichen System wie ein*e jede*r von uns, haben seine Misogynie durchschaut. Ihr Buch streckt die Hand aus an alle, die es überkommen wollen. Wir entscheiden, ob wir den solidarischen Handschlag eingehen.

„[…] [W]erden uns die Kritiker*innen hinterher Frauenhass vorwerfen?“

Seit dem Vorwort sagt Jankovska einen vorwurfsvollen Konterschlag gegen die Autorin und Illustratorin voraus. Umso schöner, dass dieser ausgeblieben ist.

Julia Feller (32 J) is Illustratorin und lebt in Köln.

Bianca Jankovska (29 J) ist Essayistin und Dozentin und lebt in Berlin.