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Bild: bonnFM

Studierende wehren sich – Wenn die Gemeinschaft auf dem Spiel steht

Hunderte Studierende stehen am 16. Januar 2026 vor der Bonner Kreuzkirche. Ihren Wohnheimen droht die Schließung, ihren Gemeinschaften die Auflösung. Gleichzeitig liegt eine Aufbruchsstimmung in der Luft. Die Protestierenden kommen aus Bonn und Köln, andere aus Aachen, Trier, Saarbrücken oder Darmstadt. Viele tragen rote Schals um den Hals. Was ist hier los?

„Wir sind hier, um der Landeskirche zu zeigen, dass sie uns in ihre Verhandlungen mit einbeziehen muss und uns zuhören muss“, ruft Fiona Dorn um kurz nach 10 Uhr. Ihre Stimme wird mit einem Lautsprecher bis zum Kaiserplatz verstärkt. Sie ist Moderatorin vor Ort und eröffnet mit diesen Worten eine Demo, bei der es um die Zukunft der Evangelischen Studierendengemeinden (ESGn) im Rheinland geht. Die Evangelischen Studierendengemeinden bieten Veranstaltungen und Wohnraum. Berichte aus dem Umfeld der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) haben zuvor angedeutet: Bei den Studierendengemeinden seien Kürzungen geplant und manche ESG-Wohnheime müssten innerhalb der nächsten zwei Jahre schließen. Die EKiR kümmert sich um die Organisation und Verwaltung kirchlicher Strukturen im Rheinland.  Die Demo im Januar ist deswegen direkt an diese gerichtet. Die EKiR möchte nur wenige Meter entfernt in der Kreuzkirche die Landessynode feierlich eröffnen. Bei dieser Synode geht es auch um zukünftige finanzielle Entscheidungen der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Das Zuhause ist in Gefahr

Auf der Demo zeigt sich an den vielen Geschichten der Menschen aus den Wohnheimen, was Kürzungen bei den ESGn für sie bedeuten könnten. Für Veronika Otto aus Köln würde nicht nur bezahlbarer Wohnraum wegfallen: „Viel von meinem sozialen Umfeld würde verschwinden.“ Ähnlich beschreibt es Bogdan Mizuik, Mathematikstudent aus Russland. Er lebt seit etwa eineinhalb Jahren in dem ESG-Wohnheim in Bonn und der Ort fühlt sich für ihn „wie eine Familie“ an. Ein weiterer Teilnehmer der Demo ist Noah Kaspar. Er ist für sein Studium nach Bonn gezogen und im Chor der ESG. Bei der ESG hat er eine „sehr schöne Gemeinschaft erlebt“. Das sind nur einige der vielen Eindrücke, alle auf dieser Demo haben eine persönliche Verbindung zur ESG. Die Stimmung ist emotional, es geht um etwas – um eine gemeinschaftliche Struktur mit Geschichte. Auf der Bühne spricht jetzt Manuela Richter. Sie ist Vorsitzende des Ehemaligenvereins der ESG Aachen. Für sie war „die ESG […] ein Raum, der [ihr] Halt gegeben hat“. Das beschreibt sie in ihrem Redebeitrag, bevor sie unter lautem Beifall eine Petition an einen Vertreter der Evangelischen Kirche übergibt. Die Petition mit dem Namen „Der rote Hahn muss bleiben“ hat über 6.000 Unterschriften und Hunderte Kommentare mit Gründen gegen die Abschaffung der ESG.

Zwischen Halt und Haltung

Ich spreche nach der Demo noch einmal mit Fiona. Sie ist nicht nur hauptverantwortlich für die Organisation der Demo, sondern wohnt auch selbst in dem Bonner Wohnheim. Sie betont im Gespräch den demokratiefördernden Teil der ESGn: „Wenn es [die ESGn] nicht mehr gibt, suchen [Menschen] sich woanders Halt. Und wo suchen sie aktuell? Es gibt auch viele rechte oder extreme Gruppierungen. In diesem Kampf für Demokratie und ein demokratisches Miteinander – und dafür, dass wir eine wehrhafte und starke Demokratie bleiben – war die Kirche schon immer eine wichtige Instanz, um das aufrechtzuerhalten.“ Ich merke Fiona an, dass es hierbei um etwas Größeres als nur irgendein Wohnheim geht. Hier ist ein Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr. Student Tobias Postler ist auch auf der Demo und ist überzeugt, die Botschaft der Demonstrierenden sei angekommen. „Ich habe ein sehr gutes Gefühl“, sagt er nach der Demo, grinst und schaut über den Platz, auf dem noch ein paar Demonstrierende stehen und in Gespräche vertieft sind. Viele haben ein Wiedererkennungsmerkmal: Einen roten Schal mit einem Hahn drauf. Das Logo der ESG.

Wie kam es zu dem Protest?

Einige Monate zuvor habe ich schon einmal mit Fiona gesprochen. Zu diesem Zeitpunkt war vieles noch unklar, auch die genauen Höhen der Kürzungen waren nicht bekannt. Schon damals kritisierten sie vor allem einen Punkt: die fehlende Einbindung der Stimmen derer, bei denen die Kürzungen spürbar sind. Welche Maßnahmen genau getroffen werden sollen, stand noch nicht fest. „Generell sind wir gerade viel im Kontakt mit verschiedenen Menschen aus der Politik, aus der Kommunalpolitik, aber auch aus der Landespolitik, mit verantwortlichen Entscheidungsträgern, auch aus der Kirche und mit den Gemeinden im Umkreis“, sagte Fiona mir damals im November 2025. Es folgte mehr mediale Aufmerksamkeit. Eine Petition wurde ins Leben gerufen. Es erschienen Artikel im Bonner General-Anzeiger über die geplanten Kürzungen. Das alles setzte eine Dynamik in Gang.

Laut, aber respektvoll

Zurück zur Demo im Januar. Gerade tritt Tim Achtermeyer aus dem Kreis der Protestierenden und tritt ans Mikro. Er ist Vorsitzender der Grünen NRW und Landtagsabgeordneter. Er steht etwas erhöht und trägt wie viele andere den roten Schal. “Heute ist ein ganz wichtiger Tag!”. Achtermeyer hält eine Rede und appelliert an die Evangelische Kirche, auch für junge Menschen eine Daseinsvorsorge zu schaffen. Die Demonstration endet passend, damit Vertreter:innen der Evangelischen Kirche zum Gottesdienst in Kirche einziehen können. Pfarrerin Annette Vetter sagt in ihrer Predigt: „Gemeinsam werden wir Neues wagen, wenn wir als Gemeinschaft der Synodalen nach Wegen suchen, wie unsere Kirche auch in Zukunft mit veränderten Mitteln und Ressourcen Gestalt gewinnen kann.“ Im Gespräch mit anderen Teilnehmer:innen wird eine Sache klar: Niemand möchte diesen Gottesdienst durch Protest oder Gesänge stören. Hier geht es nicht um ein Gegeneinander, sondern um die Förderung von Gemeinschaft. Zwischen den Redebeiträgen singt der Chor der ESG Bonn, eine optimistische Stimmung liegt in der Luft. Die Demo vor der Kreuzkirche ist dabei erst der „Auftakt vom Auftakt“, so formuliert es Fiona später. 

Überzeugungsarbeit bei Kaffee und Keksen

Die Synode selbst tagt mehrere Tage im Maritim Hotel in Bonn. Um Präsenz zu zeigen, haben die Vertreter*innen der ESGn die Möglichkeit, einen Stand zu betreiben. Der besteht aus einem Tisch, zwei Stühlen und einer Pinnwand. Über mehrere Tage hinweg sind sie vor Ort, direkt am Eingang des Plenumssaals, sodass alle Entscheidungsträger:innen die Situation der ESGn wahrnehmen. In den Pausen sprechen sie mit den Synodalen, das sind die Vertreter*innen der Evangelischen Kirche. Vor Ort liegt die Petition aus – mit Kommentaren, warum die Evangelischen Studierendengemeinden nicht aufgelöst werden sollen. Hier stehen exemplarisch drei anonyme Ausschnitte dieser Kommentare: „Die ESG war für mich als Studierender aus einem islamischen Land mein erster Kontakt mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ich wurde dort mit offenen Armen empfangen“, außerdem: „ESGen sind ein wichtiger Bestandteil der demokratiefördernden Arbeit der Evangelischen Kirche“, und: „Welche Zukunft hat die Kirche, wenn man dem Nachwuchs den Boden unter den Füßen wegzieht?“

Was bleibt nach dem Protest?

Der Protest hat Eindruck hinterlassen. In der späteren offiziellen Bekanntgabe der Landessynode heißt es: „Aufgrund der zahlreichen Eingaben vor und während der Synode wurde beschlossen, dass die Marke ESG auch künftig erhalten bleibt.“ Zu einem wichtigen Thema für die Landessynode werden die ESGn erst auf der Synode selbst – durch Gespräche und die Präsenz vor Ort, sagt Fiona. Das wichtigste Ergebnis: Die verschiedenen ESGn bleiben erhalten. Als Reaktion auf die Beschlüsse sagt Fiona später: „Die Sicherheit zu haben, dass die ESGn so erhalten bleiben, ist sehr, sehr stark.“ Es wirkt wie ein Teilsieg. Es kommt jedoch zu Kürzungen. Die begründet die Evangelische Kirche im Rheinland damit, dass die Einnahmen sinken und die Kosten steigen. Gleichzeitig kam es im Jahr 2026 durch „Einmaleffekte“ zu einem Anstieg der Einnahmen durch Kirchensteuern um 7,7 %, der jedoch nicht dauerhaft erwartet würde. Auf Anfrage, was die Beschlüsse konkret für die ESG-Wohnheime bedeuten, schreibt die Evangelische Kirche im Rheinland, dass nun vor Ort in den einzelnen Gemeinden geschaut werden soll, wie eine Weiterentwicklung möglich ist. „Für diesen Prozess hat die Synode Zeit bis Ende 2027 vorgesehen, damit die Entscheidungen sorgfältig vorbereitet und gemeinsam mit den Beteiligten entwickelt werden können.“ 

AStA kritisiert mögliche Schließung

Ein Wegfall der rund 80 Wohnheimplätze hätte massive Folgen. Der AStA der Universität Bonn bezeichnet die studentische Wohnsituation als „generell sehr angespannt“. Die mögliche Schließung sende daher „ein fatales Signal an die Studierenden“. Der AStA wünscht, „dass das Wohnheim und auch das Kulturangebot weiterhin langfristig bestehen bleiben“. 

Die Evangelische Kirche im Rheinland schreibt zwei Monate nach der Demo an der Bonner Kreuzkirche auf Anfrage: „Für die Wohnheime wird bis 2030 standortbezogen geprüft, ob eine Übertragung des Wohnheimbetriebs auf kirchliche Träger, Studierendenwerke oder andere Träger möglich ist. Wenn sich dafür keine tragfähige Lösung findet, wird eine alternative Nutzung – etwa sozialer Wohnraum – geprüft. Erst wenn auch diese Option nicht realisierbar ist, kommt ein Verkauf der Immobilien in Betracht.“ Die Evangelische Kirche betont, dass die Perspektiven der Studierenden in die Konzepte einfließen sollen. Genau das war einer der Kernkritikpunkte der ESG.

Hoffnung und Aufbruch

„Ich glaube, dass uns diese ganze Sache – war sie auch noch so stressig – sehr viel für den Zusammenhalt und für die Gemeinschaft gegeben hat“, sagt Fiona einige Wochen später. Klar ist: Die Arbeit geht weiter, trotzdem bleibt Zeit um durchzuschnaufen. Den Erfolg nach dem Protest, den feiern die Menschen aus der ESG Bonn mit Pizza. Dann geht es aber direkt in die nächste Planung. Der Transformationsprozess läuft. Als Nächstes soll auf der Studierendenkonferenz (Stuko) über die genauen Pläne gesprochen werden – gemeinsam mit den anderen Gemeinden. Zwei Worte beschreiben die Arbeit von Fiona und allen anderen gut, die hier für ihre Gemeinschaft kämpfen: Optimismus und Hoffnung. Der Dialog steht, die Arbeit hat sich vorerst ausgezahlt. Zwar können die Kürzungen nicht in Gänze abgewendet werden, die ESGn haben aber deutlich gemacht: Uns kann man nicht einfach dichtmachen.

Als ich Fiona gegen Ende unseres letzten Gesprächs frage, was ihr Gefühl bei der Entwicklung der Evangelischen Studierendengemeinde für die Zukunft ist, antwortet sie: „Ich glaube, wir schaffen das.“

(Autor: Frederik Schumacher)

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