Nähe auf Abstand
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Nähe auf Abstand

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Die Corona-Pandemie ist für uns alle eine große Belastungsprobe. Gerade jetzt sind Freundschaften besonders wichtig, um gut durch diese schwere Zeit zu kommen. Warum ist das so und wie könnt ihr euren Freund*innen trotz Kontaktbeschränkungen nahe sein?

Die Tage werden kürzer, das Wetter immer trister und die Corona-Beschränkungen nicht lockerer. Es ist keine Frage, dass das letzte Jahr an unser aller Nerven gezerrt hat. Und je länger die Situation unübersichtlich bleibt und kein Ende in Sicht ist, desto mehr schlägt sie auf unser Gemüt. Die dunkle und kalte Jahreszeit ist für viele ohnehin eine Zeit, in der es ihnen mental oft schlechter geht als im Frühling oder Sommer und die kommenden Wintermonate können für viele aussichtslos wirken. Was also tun, um die eigene mentale Gesundheit zu stärken?

Die Psychologie der Freundschaft

Und damit Freundschaften ihre Buffer-Wirkung, also das Abschwächen von Problemen und Krisen, entfalten können, reichen schon einfache Gespräche über scheinbar banale Dinge, wie den Alltag, was man gefrühstückt hat oder welches Buch man gerade liest. Es müssen also nicht immer tiefgehende Gespräche über Gefühle und Probleme sein. Ganz einfache Gespräche mit Freund*innen können helfen, die Stimmung zu heben und uns von unseren Sorgen ablenken. Menschen, die das Gefühl haben, sich weniger auf ihr soziales Umfeld verlassen zu können oder weniger soziale Kontakte haben, fällt es oft schwerer mit herausfordernden Situationen umzugehen und fühlen sich schneller gestresst.

Freundschaften in Zeiten der Kontaktbeschränkungen

Nun ist der Hauptpunkt der Corona-Beschränkungen aber, dass unsere sozialen Kontakte eingeschränkt sind. Zumindest können wir uns nicht mehr einfach so mit vielen Freund*innen treffen. Freundschaften können ihre unterstützende Wirkung aber ebenso gut entfalten, ohne dass wir unseren Freund*innen physisch nahe sind. Entscheidend ist, dass wir uns wahrnehmbar sozial unterstützt fühlen (in der Psychologie heißt das perceived social support). Das heißt, ein Telefonat, ein Brief oder auch eine WhatsApp-Nachricht sind alles Wege, über die wir mit unseren Freund*innen in Kontakt treten und die positive Wirkung von Freundschaft entfalten können. Wichtig zu bedenken ist auch, dass wir in unserem Alltag vor den Beschränkungen ständig Kontakt zu anderen hatten und uns mit ihnen ausgetauscht und unterhalten haben. Ihr braucht also auch keinen Grund oder Vorwand um euch bei Freund*innen zu melden. Es reicht aus, wenn ihr einfach nachhören wollt, wie es ihnen geht und von eurem Tag, der Online-Uni oder der Serie, die ihr gestern geschaut habt, erzählen wollt.

Wie könnt ihr jetzt etwas gemeinsam erleben?

Trotzdem kann es nach mehr oder weniger neun Monaten Kontaktbeschränkungen langsam ein wenig eintönig werden, wenn man sich jede Woche am Telefon nur von dem Filmemarathon des letzten Wochenendes oder der eintönigen Onlinevorlesung erzählt. Hier also ein paar Ideen, wie ihr den Skype-Call oder das Telefonat abwechslungsreich gestalten und sogar gemeinsam etwas erleben könnt.

  • Zum Beispiel kann sich jede*r von euch vor dem nächsten Gespräch drei Fragen überlegen, die ihr euch zu Beginn stellt. So kommen vielleicht ganz andere Gespräche zustande als sonst über Skype, Zoom oder ein einfaches Telefonat und die physische Distanz fällt gar nicht mehr so auf.
  • Ihr könntet euch auch digital zum Kochen verabreden, in dem ihr ein Rezept auswählt, dass ihr alle kocht und dann gemeinsam esst.
  • Ihr könnt auch gemeinsam basteln oder malen und euch dabei unterhalten und am Ende eure fertigen Ergebnisse entweder per Videochat teilen oder aneinander verschicken. Eignet sich auch als Wichtelersatz dieses Jahr.
  • Viele Streamingdienste bieten Watch-Partys an, so könnt ihr gemeinsame Filmabende machen.
  • Ihr könnt einen Lesekreis gründen und alle das gleiche Buch lesen und euch hinterher darüber austauschen. Das ist auch eine gute Möglichkeit, den Kreis an Personen, mit denen man sich gerade austauscht zu erweitern.
  • Bewegung und frische Luft sind neben Freundschaft auch ein wichtiger Faktor für die mentale Gesundheit. Weil das Spazierengehen allein und bei schlechtem Wetter aber vielen sicher schwer fällt könnt ihr euch auch Aufgaben wie bei einer Schnitzeljagd stellen. Jede*r hat dann eine Liste an Dingen, die man auf einem Spaziergang finden kann (eine bestimmte Pflanze, ein Graffiti, ein Auto in einer besonderen Farbe; eurer Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt!) und die ihr, wenn ihr sie entdeckt habt fotografiert und den Beweis in eure Whatsapp-Gruppe schickt.
  • Ihr könnt das Ritual einführen, dass jede*r abends schreibt, was an diesem Tag schön oder interessant war. Bei digitaler Kommunikation passiert es schneller mal, dass man sich eher meldet, wenn es einem grade nicht so gut geht oder man etwas Dampf ablassen muss. Das ist auch völlig normal und berechtigt, nur manchmal gehen die schönen Erlebnisse dann ein wenig unter.

Anleitung zum Glücklicher-sein?

Ungewissheit und Unplanbarkeit lösen Stress aus. Das heißt, das ganze letzte Jahr war eine große kollektive Stressbelastung. Deswegen ist es auch völlig in Ordnung, wenn es euch gerade an manchen oder auch an vielen Tagen nicht so gut geht. Dieser Artikel soll auch keinen Druck aufbauen, dass ihr euch alle mehr bei euren Freund*innen melden sollt. Oder dass ihr nur über schöne Dinge sprechen müsst.

Natürlich haben Sorgen, schlechte Laune und Melancholie ihren absolut berechtigten Platz in Gesprächen mit Freund*innen. Wichtig ist, dass wir alle gut durch diese Zeit kommen. Es kann gut sein, dass sich weitere Telefonate oder Zoomcalls in der Freizeit nach einem langen Unitag vor dem Laptop nicht erstrebenswert anfühlen. Aber es kann auch sehr gut sein, dass ihr und eure Freund*innen euch besser fühlt, wenn ihr euch bewusst macht, wie viel ihr eigentlich für einander tut, einfach indem ihr wisst, dass ihr jederzeit füreinander da seid.