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Pint of Science: Über Stammzellen am Stammtisch reden
bild: bonnFM

Pint of Science: Über Stammzellen am Stammtisch reden

Wir waren für Euch beim ersten Pint of Science Festival in Bonn. Die Idee hinter Pint of Science ist das Vermitteln von komplexer und moderner wissenschaftlicher Forschung in einer entspannten Atmosphäre – am besten mit ein paar Bierchen, ob Kölsch oder Pint ist jedem selbst überlassen.

Lesezeit: 5 Minuten

Beim „Pint of Science“-Festival geht es darum Forschungsergebnisse aus den Laboren der Uni in die Bonner Kneipen zu bringen. Oft ist es nun mal so, dass Wissenschaftler unter sich bleiben und sich innerhalb einer spezialisierten Gruppe austauschen – super komplex und detailliert – aber leider vollkommen unverständlich für Außenstehende. Der Teil der Forschung, der dann an die Öffentlichkeit gelangt, kann schnell in der Übersetzung verloren gehen, wodurch wiederum Pseudo-Wissenschaften und Mythen ein einfaches Spiel haben. Um genau dem entgegen zu wirken wurde vor sieben Jahren in London das Pint of Science Festival ins Leben gerufen. Mittlerweile findet es in über 320 Städten in 24 Ländern statt. Nun auch zum ersten Mal in Bonn. An zwei Tagen und an verschiedenen Standorten haben Wissenschaftler zu den unterschiedlichsten naturwissenschaftlichen Themen Vorträge gehalten. Von Physik über die Bio-Medizin bis hin zu Umweltthemen. Wir haben für Euch den Vortrag „Skandalös oder visionär? Ersatzorgane aus Chimären und Petrischale“ in der Rheinbühne besucht. In Zusammenarbeit mit dem Stammzellnetzwerk.NRW wurde eine Themenrunde organisiert, die sich mit Alternativen zu menschlichen Spenderorganen beschäftigt hat.

Aber wo sollen die herkommen?

Zum Beispiel aus dem Tier. Prof. Sandra Blaess setzt auf Chimären als einen möglichen Lösungsansatz. Eine Chimäre ist ein Mischwesen aus menschlichen Zellen und einem Tier, wie einem Schwein, einem Affen oder einer Maus. Wissenschaftler glauben, das Ganze funktioniert, indem die Gene, die für die Entwicklung eines Organs wichtig sind, in einem Tier ausgeschaltet werden, sodass es dieses Organ nicht mehr selbst bilden kann. Transplantiert man diesem Tier vor der Geburt dann menschliche Stammzellen, also Zellen, die sich in jede beliebige Körperzelle entwickeln können, könnten diese das fehlende Organ im Tier ausbilden. Die Hoffnung ist dabei, dass wirklich gezielt nur das Organ durch die menschlichen Stammzellen gebildet wird, das dem Tier fehlen würde. Die Forscher wollen also keine denkenden Super-Schweine aus dem nächste Marvel-Film züchten, sondern in dem Tier nur ein menschliches Herz oder eine menschliche Leber wachsen lassen, die dann transplantiert werden kann. Das Tier ist dann quasi ein „lebendes Ersatzteillager“.

Eine andere Idee ist die Organe aus menschlichen Zellen in der Petrischale zu züchten – damit gar nicht erst Tiere dafür leiden müssen. Vira Ifremova forscht deshalb an kortikalen Organoiden, „Mini-Gehirne“ nennt sie die. Mit richtigen Gehirnen haben die Mini-Gehirne allerdings wenig zu tun, weil sie viel kleiner sind und nur einen Teil eines richtigen Gehirns nachahmen. Bis Organe in Petrischalen wachsen, fließt also noch viel Wasser den Rhein runter. Nützlich sind die Mini-Gehirne aber trotzdem, weil man an ihnen Medikamente testen oder Krankheiten erforschen kann.

Dürfen die das denn überhaupt?

Der Frage hat sich Prof. Hartmut Kreß gewidmet. Er beleuchtete ethische und rechtliche Gesichtspunkte und für ihn ist klar: Leben zu retten hat immer höchste Priorität. Trotzdem gibt es auch einige Kritikpunkte: Was passiert, wenn etwas schief läuft? Leidet das Tier oder wird es sogar menschenähnlich? Und kann ein Gehirn aus der Petrischale ein Bewusstsein entwickeln? Darum müsse man sich Gedanken machen und deshalb die Forschung transparent gestalten – aber auch vor allem nach nicht-tierischen Alternativen suchen, weil die immer nur eine Übergangslösung sein können. Klar, dass das Publikum da auch reichlich Fragen hatte. In einer anschließenden Diskussionsrunde mit den Experten konnten sie die loswerden. Die Experten mussten zu rein praktischen Fragen nach der Wachstumsdauer eines Organs oder was mit dem Tier nach der Organentnahme passiert, aber auch ethischen Fragen und der Angst vor Superviren, die sich in den Chimären vermehren, Stellung beziehen. Sie sind sich einig, die Vorstellung von Organen aus Chimären oder der Petrischale ist visionär und wir müssen jetzt darüber reden, um klare Regeln zu schaffen.

Warum gerade jetzt?

Allein in Deutschland warteten 2018 rund 10.000 Menschen auf ein neues Organ, während nur 3.100 Organe gespendet wurden. Neben Änderungen der Gesetzeslage wird immer wieder nach innovativen Möglichkeiten gesucht mehr Organe zu beschaffen. In Japan wird jetzt aktiv daran geforscht menschliche Organe in Tieren zu züchten. Zudem halten Organoide, also die Mini-Organe aus der Petrischale, Einzug in viele Labore und Forschungsfelder. Die Hoffnung eine geeignete Alternative zu Spenderorganen zu finden ist groß. Aber nicht nur mit Wissenschaftlern, sondern auch mit der ganzen Bevölkerung muss darüber gesprochen werden, dem alleinerziehenden Nachbarn aus dem zweiten Stock, der Studenten-WG von nebenan, die immer viel zu laute Partys feiert, und dem Rentner, der auf der Parkbank seine Zeitung liest. Denn jeder kann irgendwann mal ein Spenderorgan benötigen. Deswegen ist es super, dass solche Themen über Pint of Science in die Kneipen gebracht werden, denn da trifft man auf die verschiedensten Menschen und jeder kann mitreden. Ein Stammtisch für die Wissenschaft quasi. Vira Ifremova hat das Pint of Science Festival in Bonn ehrenamtlich mitorganisiert und sieht in dem Format viel Potenzial, weil gerade schwierige wissenschaftliche Themen einfach erklärt werden und die Wissenschaftler so gezwungen werden aus ihren Laboren herauszukommen und sich den wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Den Fragen von Dir, mir und dem Rest der Kneipe.

Science-Reality

Klar, die Organe aus Schweinen und Laboren sind noch Zukunftsmusik, denn nur weil die Mini-Organe wie richtige Organe aussehen, funktionieren sie noch lange nicht genauso. Aber irgendwie ist es doch auch krass, dass darüber jetzt schon nachgedacht wird, so als wären wir in einem Science-Fiction-Film. Weil wir aber noch keinen DeLorean haben, um uns schnell ein paar neue Nieren aus der Zukunft zu holen, solltest Du Dir jetzt schon einen Organspendeausweis zulegen. Den bekommst Du hier. Und wenn Du auch Bock auf Wissenschaft bei nem kühlen Bierchen hast, dann schau doch bei Pint of Science vorbei, das nächste Festival findet im Mai 2020 statt.

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