Alzheimer: Was wir nicht wissen
Bild: bonnFM

Alzheimer: Was wir nicht wissen

Lesezeit: 4 Minuten

Alzheimer ist eine Krankheit, über die viel in der Öffentlichkeit geredet wird. Vor über 100 Jahren wurde die Krankheit das erstmal vom Arzt und Namensgeber Alois Alzheimer beschrieben. Anlässlich seines Todestages haben wir mit der Neurologin Frau Dr. Annika Spottke über die Krankheit Alzheimer gesprochen und schauen, wo wir nach über 100 Jahren Forschung stehen.

Vielleicht kennt man Alzheimer nur aus Filmen wie Honig im Kopf, vielleicht hat man aber auch selbst Angehörige, die unter der Krankheit leiden. Alzheimer assoziiert man meistens mit dem Prozess des Vergessens. Wie genau Alzheimer definiert werden kann, weiß Frau Dr. Spottke. Sie ist Neurologin und Leiterin der Klinischen Forschungsplattform des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). 

„Die Alzheimer-Erkrankung ist eine neurodegenerative Erkrankung. Neurodegeneration bedeutet, dass Nervenzellen, die vorher vorhanden waren, zugrunde gehen. Bei der Alzheimer-Erkrankung insbesondere ist es charakterisiert dadurch, dass man in diesem Prozess die Anhäufung von Amyloid-Plaques sieht.“

Bei den Amyloid-Plaques handelt es sich um ganz bestimmte Eiweiße, die sich im Gehirn ablagern und somit den Verlauf der Krankheit vorantreiben. Das Vorhandensein von den Amyloid-Plaques ist schon lange bekannt – Alois Alzheimer entdeckte sie erstmals 1906 bei der Obduktion des Gehirns von Auguste D., der Frau, bei der er auch das Krankheitsbild erstmals beschrieb. Mit einer neuartigen Färbemethode zeigte Alzheimer die Ablagerung eigentümlicher Stoffwechselprodukte in Form von Plaques und konnte zudem eine Veränderung der Neurofibrillen nachweisen. Diese Art der histopathologischen Diagnose der Alzheimer-Krankheit wird heute noch auf die gleiche Art durchgeführt.

„Wenn wir von Alzheimer-Erkrankung sprechen, sprechen wir bei Lebenden immer nur von der wahrscheinlichen Alzheimer-Erkrankung. Die Diagnosestellung ist eine histopathologische Diagnose und dementsprechend erst nach dem Tode zu stellen. […] Das beruht wirklich alles auf Herrn Alois Alzheimer. Absolute Pionier-Arbeit, die er geleistet hat.“

Trotz der bemerkenswerten Arbeit von Herrn Alzheimer sind wir heute immer noch weit entfernt davon, wirksame Therapien für die Alzheimer-Erkrankung zu finden.

Auf der Suche nach der Alzheimer-Arznei

Obwohl lange bekannt ist, dass der Krankheitsverlauf durch die Anhäufung der Amyloid-Plaques angetrieben wird, sind konkrete Ursachen, die zur Entstehung der Krankheit führen, noch unklar. Genau deshalb ist es schwer, wirkungsvolle Therapieansätze zu entwickeln. Im Mittelpunkt der Alzheimer-Forschung standen in den letzten dreißig Jahren auf Amyloid ausgerichtete Therapien. Doch klinische Studien verzeichneten dabei viele Misserfolge – sowohl Hemmstoffe, die der Entstehung von Amyloid entgegenwirken sollten, als auch Impfungen gegen Amyloid, hatten keine positiven Effekte auf die Krankheit. Jetzt heißt es also umdenken und neue Forschungsansätze finden. Annika Spottke, die unter anderem die Klinische Forschungsplattform am DZNE leitet, sieht eine Umstrukturierung des aktuellen Forschungsschwerpunkts im Thema Alzheimer.

„Das was sicherlich ein Schwerpunkt ist, ist der Ansatz die Personen früher zu identifizieren, weil eine Idee, warum diese Therapieoptionen, die man gewählt hat [erfolglos waren], ist, dass die Erkrankung einfach schon zu weit fortgeschritten ist. Man weiß, dass bevor man klinisch etwas bemerkt, die Erkrankung schon viele, viele Jahre läuft, ohne dass man selbst etwas davon bemerkt hat. Das heißt, ein Forschungsschwerpunkt ist, Personen früher zu identifizieren, um dann nochmal zu schauen, ob Therapien, [die gegen Amyloid gerichtet sind], ein positives Ergebnis zeigen.“

Frühere Erkennungsmöglichkeiten wären also schonmal ein wichtiger Ansatz in der Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit. Doch es lohnt sich auch, weiter zu denken als die gängige Amyloid-Kaskaden-Hypothese. 

Neuroinflammation – neue Ansätze in der Alzheimer-Forschung

Neuere Forschungsansätze untersuchen den Zusammenhang zwischen Alzheimer und der sogenannten ‚Neuroinflammation‘. Neuroinflammation beschreibt hier die chronisch-fortschreitende Entzündung von Nervengewebe im Gehirn. 

„Es ist bekannt, dass Neuroinflammation eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung spielt und man untersucht aktuell verschiedene Substanzen, die diesen neuroinflammatorischen Prozess dann auch stoppen sollen.“

Dieser Entzündungsprozess im Gehirn wird durch das Immunsystem vorangetrieben, eigentlich ein System, dass unseren Körper durch die Abwehr vor Krankheitserregern schützen soll. Wird das Immunsystem jedoch auf falsche Art getriggert, kann das schwere Folgen haben, bei der Zellen des Immunsystems auch Neuronen angreifen, und so zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Ein Prozess, der letztendlich auch zu neuronaler Degeneration beiträgt und somit den Krankheitsverlauf von Alzheimer vorantreibt.

Forschung am DZNE

Sicher ist, dass noch vieles an Forschung nötig ist, um den Ursachen für die Entstehung von Alzheimer auf den Grund zu gehen und somit wirksame Therapien zu finden. Dieses Ziel hat sich auch das DZNE gesetzt. Es widmet sich sich in seiner gesamten Bandbreite der Aufklärung der molekularen Prozesse, die zur Entstehung neurodegenerativer Krankheiten führt. Dabei stehen neben der Alzheimer-Erkrankung auch weitere Krankheiten, wie z.B. Parkinson oder ALS, im Fokus. Forschung findet hier auf interdisziplinärer Ebene statt: Neben der Grundlagenforschung werden auch Klinische Forschung und Versorgungsforschung betrieben. Auch Bonn und Umgebung sind dabei Teil des „DZNE-Labors“.

„Eine weitere Säule ist die sogenannte bevölkerungs-bezogene Forschung, um in der Bevölkerung Faktoren zu finden, die möglicherweise schützend vor der Erkrankung sind“

Das DZNE ist mit seinen 10 Jahren noch relativ jung, hat aber schon einiges zur Alzheimer-Forschung beigetragen. Die gesammelten Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung können bald auch hoffentlich in klinischen Studien übertragen werden.

Zukunft der Alzheimer-Forschung 

Die Forschung zur Bekämpfung der Alzheimer-Erkrankung geht weiter, auch über 100 Jahre nach dem Tod von Alois Alzheimer. Setzt man dabei auf die Verbesserungen alter Hypothesen oder geht man neue Wege? Vielleicht eine Mischung aus beidem. Im nächsten Jahr will die Firma Biogen einen neuen Wirkstoff auf den Markt bringen – Aducanumab, ein Antikörper, der die Entsorgung der Amyloid-Plaques durch das Immunsystem vorantreiben soll. Eine neue Studie hatte gezeigt, dass der Wirkstoff den kognitiven Rückgang bei Alzheimer-Patienten im Frühstadium verringern soll. Ob die Zulassung aber wirklich erfolgreich sein wird, ist schwer abzuschätzen. Sicher ist, die Alzheimerforschung hat noch einen langen und schweren Weg vor sich.

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