Der Pressesprecher der Uni Bonn Prof. Dr. Andreas Archut spricht im bonnFM-Interview unter anderem über seinen Blick auf die Medienwelt, seine Einstellung zu KI, seinen Werdegang und darüber, warum auch ihr bei bonnFM mitmachen solltet!
Moderatorinnen: Seray Arduc und Kristina Brose
Seray: Beschreibe deinen Job in drei Worten.
A: Wissenschaft exzellent kommunizieren. (lacht)
Kristina: Sehr gute Wahl! Was interessiert dich denn besonders an den Medien?
A: Also die Medien sind für mich eigentlich mehr Mittel zum Zweck. Ich bin ja schon bisschen länger im Geschäft und die Medien sind schon so oft totgesagt worden – gerade die klassischen Publikumsmedien Zeitung, Fernsehen usw. – aber es gibt sie immer noch und sie sind immer noch wichtig für meine Arbeit, vielleicht nicht mehr so wichtig wie sie mal vor 20 Jahren waren. Es gibt auch jetzt einfach durch die sozialen Medien viele andere Möglichkeiten direkt mit Zielgruppen in Kontakt zu treten, die es früher so vielleicht nicht gegeben hat. Das hat die Rolle der Medien verändert, aber nach wie vor ist es so, dass auch die Universität über die klassischen Print- und elektronischen Medien sehr viele Menschen erreicht und das ist nach wie vor ein wesentlicher Teil unseres Geschäfts.
Seray: Direkt darauf anschließend: Wie hat sich dann dein Beruf vor allem über die Jahre verändert mit der Veränderung der Medien?
Andreas: Ja ich hatte letztes Jahr 25 jähriges Dienstjubiläum als Pressesprecher dieser Uni, ich konnte es selber kaum glauben.
Seray: Glückwunsch erstmal!
Andreas: Ja danke! (Lacht) Ist auch bisschen erschreckend wie die Zeit so vergeht. Aber es ist nie langweilig geworden, weil sich diese Aufgabe im Laufe der Jahre immer wieder recht grundlegend verändert hat. Als ich angefangen hab im Jahr 2000, war diese Universität noch eine ganz andere Universität als wir sie heute kennen. Sie war deutlich konservativer, hat auch Kommunikation eher so als nice-to-have angesehen und die Pressestelle war manchmal mehr die Firewall der Hochschulleitung gegen die Öffentlichkeit, als dass das wirklich als strategisches Instrument wahrgenommen wurde. Das hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten – im letzten Jahrzehnt dann insbesondere – ganz grundlegend verändert. Und alle paar Jahre kommen neue Themen, neue Herausforderungen. Ich habe angefangen, da haben wir Pressemitteilungen noch in einer Hausdruckerei drucken lassen, haben die noch von Hand gefaltet und eingetütet in Umschläge, weil wir noch keine Pfalzmaschine hatten, dann wurden die mit der Post verschickt. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Heute kann man mit Knopfdruck beliebig viele Pressemitteilungen an beliebig viele Empfänger:innen schicken, das hat sich zum Beispiel geändert.
Wir hatten großen Themen wie beispielsweise Studiengebühren in den Nuller Jahren, das war natürlich ein riesen Aufreger als plötzlich die Studierenden für was bezahlen sollten, was sie bisher umsonst bekommen haben – vermeintlich umsonst natürlich – das war auch mit großem Kommunikationsbedarf verbunden. Und in den letzten Jahren durch die Exzellenzstrategie hat es auch nochmal eine Menge zusätzlichen Kommunikationsbedarf gegeben. Niemand hatte vor 15 Jahren gedacht, dass die Uni Bonn mal so eine fulminante Entwicklung nehmen würde und sich am Ende sogar an die Spitze der deutschen Exzellenz-Unis setzen würde. Und das ist alles mit einem großen Bedarf an Kommunikation verbunden und mal eine Herausforderung gewesen für mich, aber vor allen Dingen auch für mein Team. Ich mache das ja nicht alleine und habe zum Glück etwas Hilfe.
Kristina: Kommen wir nochmal zurück zu dir als Person. Du hast vorher eigentlich was ganz anderes studiert und zwar Chemie. Wie war denn da deine erste Berührung mit der Arbeit mit Medien und dem Journalismus und wie kam es überhaupt dazu, dass du im Endeffekt Pressesprecher der Uni Bonn geworden bist?
Andreas: Also eigentlich war das eine ganz konsequente Entwicklung, weil am Anfang stand bei Leibe nicht die Chemie, das war eher die Überraschung, dass ich Chemie studiert habe (lacht). Ich habe eigentlich immer schon ein starkes Kommunikationsbedürfnis gehabt. Ich habe in der vierten Klasse eine Klassenzeitung rausgegeben, die ich auf der Reiseschreibmaschine meiner Eltern getippt habe. Es gibt keine Exemplare mehr davon, das ist auch gut so (lacht). Diese ersten Gehversuche im Journalismus waren natürlich sehr speziell, aber ich habe dann so weiter gemacht. Als ich 15 war bin ich zum Verleger der Honnefer Volkszeitung – ich bin in Bad Honnef aufgewachsen – und habe ihm gesagt „Ich will mal Journalist werden, kann ich für Sie arbeiten?“ und der hat den Spaß mitgemacht und hat gesagt „Was kannst du denn?“. Und da ich damals schon bei den Maltesern aktiv war, habe ich gesagt, ich kann doch was über die Malteser schreiben und habe dann meinen aller ersten Artikel – der dann auch gedruckt und übrigens auch honoriert worden ist – geschrieben über den Besuch der Malteser Jugend beim Rettungshubschrauber in Köln, mit einem Foto das ich selbst gemacht habe, da gabs auch ein Honorar für und ich war stolz wie Oskar. Und das hab ich dann immer weiter ausgebaut. Diese ehrenamtliche Arbeit bei den Maltesern war etwas, was für mich auch immer ein Experimentierfeld war, also ich war sehr früh sozusagen der Pressesprecher der Honnefer Malteser und von daher war das immer eine Option.
Ich dachte damals noch – wie so viele in meiner Generation – Journalismus ist das was man macht, wenn man Kommunikation machen will. Und dann hatten wir vom Abitur eine Berufsberatung, ich nehme an, das waren irgendwelche Eltern, die aus ihrem Berufsleben erzählt haben, und der Journalist hat gesagt: wenn du Journalist werden willst, musst du irgendwas studieren – was ist aber egal, Hauptsache bis zum Ende. Dann hast du eine fachliche Heimat, das Journalistische lernst du sowieso nicht in der Uni, dafür musst du praktisch arbeiten – so wie ihr das ja hier auch macht. Und bei mir war das dann anfangs noch die Tageszeitung und ich hatte einen wirklich tollen Chemie Lehrer, hatte Chemie Leistungskurs und dann ist relativ spontan die Idee entstanden: ich studiere halt mal Chemie und arbeite weiter nebenher journalistisch. Hab ich auch gemacht – Ich war beim Radio Bonn-Rhein-Sieg zum Beispiel und hab während der Promotion auch mal für die FAZ den ein oder anderen Artikel für die Wissenschaftsseite geschrieben.
Eigentlich wollte ich damit dann Pressesprecher bei Bayer oder so werden, hab ich mir damals so gedacht als Schüler noch, so unter dem Motte: kriegst ein Sechstelligen Betrag dafür, dass du einmal die Woche sagst „Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung“ (lacht). Hat dann nicht ganz geklappt (lacht). Damals hab ich tatsächlich versucht einen Einstieg zu finden in die Pressestellen der chemischen Industrie, die wollten mich alle nicht, weil ich auch keine Berufserfahrung hatte im einschlägigen Sinne. Ich hatte zwar mal ein zweimonatiges Praktikum bei der BRSF gemacht, das hat mich sehr bestärkt in dieser Perspektive und dass PR auch eine gute Alternative zum Journalismus ist. Aber es ist dann anders gekommen – es ist dann nicht die chemische Industrie geworden, sondern die Wissenschaft. Ich hab nach der Promotion angefangen hier in Bonn bei der deutschen Forschungsgemeinschaft als Redakteur. Da bzw. überhaupt im öffentlichen Dienst ist es schwierig mit sechsstelligen Gehältern, aber dafür kriegt man dankbare Aufgaben, spannenden Themen, die sich immer wieder verändern und was mich auch super fasziniert an meinem Job, ist der Kontakt zu Persönlichkeiten, an die man so normalerweise nicht dran kommt. Ich hab Nobelpreisträger kennengelernt, viele Preisträger:innen erlebt, Menschen, die voll aufgehen in ihren wissenschaftlichen Themen, die außergewöhnliches leisten und auch Studierende, die sich in besonderer Weise nicht nur für sich selber engagieren, sondern auch für das, was so in ihrem Umfeld passiert. Und das ist schon sehr inspirierend und das macht diesen Job nach 25 Jahren immer noch sehr attraktiv und ich mach das immer noch sehr gerne.
Seray: Das hört sich sehr sehr positiv an, also da freu ich mich auch, was nach der Uni bei uns passiert. Aber hattest du auch mal Punkte, wo du dir dachtest, ok vielleicht ist dieser Job doch nichts für mich?
Andreas: (lacht) Ja ich glaube das passiert jedem mal, also gerade in der Anfangsphase hab ich natürlich auch mal Bockmist gemacht oder sind Dinge schief gelaufen. Ich erinnere mich noch an eine Episode, die war glaube ich im ersten Jahr, da hab ich eine Pressekonferenz organisiert – damals macht man sowas noch, weil es noch Presse gab (lacht). Die Uni hat eine Kooperationsvereinbarung mit einer bonner Wissenschaftseinrichtung geschlossen und es waren versammelt: die Vertreter dieser Einrichtung und Rektor Borchert, der mich damals noch eingestellt hat. Die Presse war da und dann sagte der Rektor nach ein paar Einführungsworten „So, Herr Archut, wo ist denn jetzt der Vertrag, den wir unterschreiben sollen?“ (Lacht) Ääääh, was für ein Vertrag? (Lacht) Dann hatten aber zum Glück die Herren dieser Wissenschaftseinrichtung eine Kopie von dem ausgearbeiteten Vertrag dabei – und dann haben sie einfach den unterschrieben und dann war die Sache auch wieder in Ordnung. Also so Dinge passieren natürlich. Ich will auch nicht sagen, dass mir heute nicht schonmal irgendwelche Schnitzer passieren. Insgesamt sind wir aber auch dadurch, dass wir die Kommunikation stärker ausdifferenziert haben, sehr viel professioneller geworden, als es damals vielleicht war und als es damals auch möglich war. Gleichzeitig ist aber heute auch alles viel schneller, was man einmal versendet hat, ist in der Welt und kann man nicht mehr zurück holen. Das macht natürlich auch was mit der Art und Weise wie man kommuniziert, man muss sich das gut überlegen was man tut und gleichzeitig steht man eigentlich immer unter einem großen Zeit- und Handlungsdruck. Man darf sich da aber nicht von wegreißen lassen, sondern muss gucken, dass man eine Orientierung behält, sonst geht die Kommunikation nach hinten los.
Kristina: Was sind denn so deine Tipps an junge Medienmacher:innen? Wie kann man quasi dahin kommen, wo du jetzt grade bist und dabei möglichst wenig Fehler machen?
Andreas: (Lacht) Paar Jahre hab ich noch, so lange müsst ihr mit mir vorlieb nehmen (lacht). Nein, das erinnert mich ein bisschen daran, als ich als Ferienjob als Schüler im Adenauerhaus in Röhnndorf Führungen gemacht und da gabs diesen Witz über Konrad Adenauer, der ja schon alt war, als er ins Amt kam als Bundeskanzler und das dann ja bis ins hohe Alter gemacht hat. Es ist also die Weihnachtsfeier der Familie Adenauer – der hatte mehrere Kinder und und die hatten viele Enkelkinder, es waren also viele Kinder im Raum – und ein Enkel sitzt auf dem Schoß von Konrad Adenauer und Adenauer fragt ihn „Was willst du denn mal werden wenn du groß bist?“ Und da sagt der kleine „Bundeskanzler, Opa!“ Und da sagt Adenauer „Das geht nicht, das bin ich schon.“ (Lacht).
Nein aber mal im Ernst, ich kann nach wie vor empfehlen in der Hochschul- und Wissenschaftskommunikation sein berufliches Glück zu suchen. Das ist ein Bereich, der wirklich sehr dankbar ist und wo sich auch immer noch eine Menge tut. Im Moment haben wir jetzt gerade wieder einige Kürzungsdebatten im Land. Es ist jetzt so, dass da nicht grade neue Stellen geschaffen werden, aber es gibt natürlich auch immer Fluktuation und viele Möglichkeiten in dem Bereich was zu machen. Wenn ihr euch da qualifizieren wollt, gibts nur einen Weg: Praxis, Praxis, Praxis. Ihr könnt noch so schöne Jodeldiblome machen, Spezialstudien, Aufbaustudien, dies und das… das hat alles seine Berechtigung – Fachwissen ist auch durch nichts zu ersetzen – aber die Praxis, es mal konkret getan zu haben, das ist einfach total wichtig.
Ich erlebe manchmal, wenn wir Stellen ausschreiben, dass es zwei spezielle Gruppen gibt, die sich bewerben, die dann nicht unbedingt Chancen haben. Die einen sind Journalist:innen, die keine Ahnung von Wissenschaft haben, aber glauben, dass das ganz einfach ist. Und das kann auch funktionieren, weil Wissenschaft zu erklären ist jetzt nicht so anders, als sagen wir mal komplexe Zusammenhänge in der Wirtschaft, Politik usw. zu erklären und mit einem guten Blick von außen ist das nicht so verkehrt. Gleichzeitig muss man aber auch in der Wissenschaft akzeptiert werden und das heißt die gucken schon: wer kommt denn da und kennt der sich aus. Umgekehrt ist ein bisschen tragischer, das sind die Wissenschaftler:innen, die vielleicht dann doch nicht reüssiert haben beim Verfolgen einer wissenschaftlichen Karriere und die dann denken: guck mal hier, Wissenschaftskommunikation, Plan B, kommunizieren kann ich ja, mach ich ja täglich, kann schon nicht so schwer sein – was eine Fehleinschätzung ist. Also dann ist es zu spät, wenn ich meine Promotion hinter mir habe und beschließe so, jetzt beglücke ich die Welt als Wissenschaftskommunikator, das muss viel früher passieren. Dann hat man aber auch die Chance, sich auszuprobieren und zu entdecken, was sind denn die Formate, die mir passen und was so geht.
Wir erleben gerade einen Riesenumbruch. KI wird auch den Kommunikationssektor komplett umkrempeln. Also Expert:innen wissen, was bis vor kurzem noch wertvoll war, ist frei verfügbar, fragst du einfach ChatGPT und das erklärt dir dann alles. Aber ich bin auf der anderen Seite auch zuversichtlich, dass es in Zukunft immer die Menschen geben wird, die mit dieser KI eine gute Kommunikation machen, die wird man nicht weg rationalisieren können. Denn sonst wäre die Dystopie, dass am Ende nur noch KIs mit KIs reden und wir Menschen haben endlich wieder Zeit für das Wesentliche und lassen es uns aber gut gehen. Das kann ich mir aber so nicht vorstellen.
Seray: Und was denkst du, wie man dann die KI gut im Journalismus oder in der Kommunikation einsetzen kann?
Andreas: Da wird im Moment schon viel experimentiert. Ich erlebe auch viele Vorbehalte. Ich bin zum Beispiel Mitglied der Veranstaltergemeinschaft von Radio Bonn-Rhein-Sieg. Da diskutieren wir natürlich auch über solche Dinge. Da gibt es manchmal auch so den Reflex zu sagen: oh super KI, da können wir viel Geld mit sparen, können wir Stellen streichen, aber keiner merkt es, weil der Moderator kommt plötzlich aus der Konserve. Das ist es wahrscheinlich nicht. Aber gleichzeitig gibt es schon Experimentierfelder, so was wie wenn der WDR nachts und am Wochenende schon mal Radionachrichten, standardisierte Nachrichten, Wetter, Verkehrsmeldungen oder so von der KI erstellen und vortragen lässt. Die gehen da auch offen mit um, was auch wichtig ist, glaube ich, dass die Hörerinnen und Hörer wissen, spricht da jetzt ein Mensch oder spricht da eine Maschine. Da kann man das sicherlich machen. Bei so klassischen Beiträgen halte ich es für schwierig. Aber es gibt ja Mischformen, ich kann ja einen Text schreiben und den von der KI vorlesen lassen. Ist man dann schon über die Grenze oder nicht? Ich glaube, dass wir da noch sehr viel sehen werden und dass da auch noch sehr viel mit experimentiert wird.
Es kann auch eine große Hilfe sein bei der Recherche und der Datenanalyse. Stellt euch vor: ein riesiges Dokument, der nächste Hochschulentwicklungsplan kommt, was steht da alles drin? Da kann man natürlich auch mal die KI bitten, einem das zusammenzufassen und die Knackpunkte zu suchen. Oder in der Wissenschaftskommunikation. Das ist heute ja schon ohne Weiteres ein use case für KI, dass man ein wissenschaftliches Paper von der KI durchgucken und zusammenfassen lässt oder lässt sich Vorschläge machen, wie kann man das jetzt gut kommunizieren. Ich würde das nie automatisiert tun. Ich würde nie sagen, so auf den Knopf drücken und raus damit, sondern am Ende muss ich es mir als Redakteur beispielsweise dann zu Eigen machen und das heißt auch die Verantwortung übernehmen. Ich kann nicht hinterher sagen, wenn da Blödsinn drin gestanden hat, haha, das war die KI, das war ich gar nicht.
Seray: Aber denkst du, es gibt die Gefahr, dass die KI komplett den Journalismus übernehmen könnte? Also jetzt machen wir noch eine Mischform, aber die KI entwickelt sich ja immer weiter und innerhalb von kurzer Zeit hast du eine Entwicklung in der KI, dass sie schon zuverlässiger sein kann. Da besteht ja auch die Gefahr, dass die KI den Journalismus übernehmen könnte und auch selbst Texte verfassen kann.
Andreas: Weite Teile, da besteht tatsächlich die Gefahr und das wird sich regeln hoffentlich und vielleicht muss es auch reguliert werden. Also ich denke mit der Kennzeichnungspflicht wäre schon mal was getan, weil die Leute sehr empfindlich auf KI reagieren. Wir hatten mal vor einiger Zeit einen Social Media Post und haben da einfach so kleine Tiere, die mit KI generiert waren, in ein Foto von der Hofgartenwiese reingebastelt. Es gab… einen kleinen Shitstorm. Boa… da haben sich Leute drüber aufgeregt – also das ist nicht trivial. Und ich glaube, dass am Ende des Tages die Menschen auch zu schätzen wissen, wenn ein Mensch die Kommunikation gemacht hat. Durchaus mit Hilfsmitteln, ich meine, mit Hilfsmitteln arbeiten wir schon seit eh und je. Muss ja auch sein. Ob sie es dann aber bereit sind zu bezahlen, dass der Mensch das gemacht hat, das ist ja die entscheidende Frage. Und da mache ich mir ein bisschen sorgen, wenn man so das Medienverhalten, der heute jungen Menschen sieht, die keine Tageszeitung mehr abonnieren, die wenig Geld in die Hand nehmen für Information, aber trotzdem glauben sie sind informiert. Wenn ich mit meinen Studierenden an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg spreche, die lesen auch alle keine Zeitung mehr und glauben aber alle, dass die Quellen, die sie haben, schon ausreichen, um sich wirklich ein Bild zu machen von dem, was in der Welt so los ist. Das ist, glaube ich, sehr wichtig, weil natürlich auch die Manipulationsgefahr bei Social Media sehr groß ist, dass man verlässliche Informationen bekommt. Die bekommt man wahrscheinlich eher von echten Menschen, die mit KI arbeiten, als von der KI selber.
Seray: Wir haben jetzt einen riesen Deep Dive in KI und Journalismus gemacht – jetzt geht’s auch wieder komplett zurück zum Berufseinstieg: Würdest du sagen, dass es schwieriger geworden ist, in den Journalismus und in die Kommunikation einzusteigen, als es vor 20 Jahren der Fall war?
Andreas: Also man muss das separat sehen: Journalismus ist gerade ein Geschäftsmodell, was ein bisschen in Flammen steht. Da ist eher die Tendenz, dass die Leute versuchen, aus dem Journalismus rauszukommen. Jetzt ist gerade wieder mit der Kölnischen Rundschau eine Traditionszeitung, ein Pfeiler der Publizistik im Rheinland weggebrochen. Ist verkauft worden an den Verlag DuMont Schauberg. Das macht natürlich auch was, da gehen Stellen verloren, da wird konsolidiert und die Leute suchen dann neue Jobs. Trotzdem gibt es hochattraktive Stellen im Journalismus, weil der Journalismus sich immer wieder neu erfinden muss. Das klassische Medienmodell von Zeitungen ist ja im Prinzip aus dem 18. und 19. Jahrhundert und das bräuchte man heute eigentlich nicht mehr, aber man verdient immer noch genug Geld damit, dass man es trotzdem weiter macht. Früher haben die eine Zeitung gemacht – one fits all – und dann konntest du dir als Leser:in das rausholen, was dich interessiert, auch wenn du ganze Rubriken gar nicht lesen wirst, weil es nicht dein Ding ist. Heute könnte man das viel individueller machen. Die Technologie dafür wäre ja da und die Dienstleistung ist eben nicht: Ich informiere dich über irgendwas. Informationen gibt es wie Sand am Meer. Die Dienstleistung ist: Ich sortiere dir die und ich ordne sie dir ein. Und dafür, finde ich, sollte man was bezahlen, weil das ist wirklich wertvoll. Aber mit irgendwelchen beliebigen Informationen zugeschmissen zu werden, das weiß ja jeder, der mal ein Doomscrolling hinter sich hat an einem langen Abend. (lacht) Da bist du hinterher genauso schlau wie vorher. Du hast zwar ganz viele Fakten und Faktoide wahrgenommen, aber es kommt da nicht viel bei rum.
In der PR noch mal eine andere Sache. Wir erleben das ja auch, dass unsere Partner auf der anderen Seite in der Redaktion wegbrechen und wir teilweise jetzt schon so ein bisschen für sie mitarbeiten. Wenn wir Pressemitteilungen veröffentlichen als Uni Bonn, dann haben wir den Anspruch, dass die journalistischen Standards genügen, dass man sie also guten Gewissens eins zu eins verwenden kann, was ja auch passiert. Copy-Paste-Journalismus ist ja auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks gar nicht anders möglich. Aber das heißt natürlich auch, dass die Qualität dessen, was wir da liefern, hoch sein muss. Was wir aber nicht tun können, was nur Journalist:innen können, ist, die über institutionelle Einordnung. Ich sage natürlich: Spieglein, Spieglein an der Wand, die Uni Bonn ist die schönste im ganzen Land. Und bei manchen Themen könnte man aber vielleicht sagen: ja, aber die Uni Schneewittchen ist noch viel schöner. (Lacht) Das ist eine Aufgabe für Journalist:innen. Das kann ich als Pressesprecher nicht leisten. Soweit geht die Liebe dann doch nicht.
Kristina: Das Vertrauen wird ja dabei auch immer wichtiger, gerade dadurch, dass man auf Social Media nicht mehr ganz genau sagen kann: hat das jetzt KI gemacht, hat das ein Mensch gemacht, hat der Menschen überhaupt recht, der es gemacht hat? Würdest du sagen, das Vertrauen in die Uni Bonn ist hoch? Wie erfährst du das als Pressesprecher?
A: Ich hoffe das schon. (Lacht) Sagen wir mal so, Vertrauen ist etwas, was über einen langen Zeitraum aufgebaut werden muss und was man aber über Nacht verlieren kann. Verlässliche Kommunikation, die nicht versucht, Menschen hinter das Licht zu führen, ist einfach eine notwendige Bedingung für eine gute institutionelle PR. Natürlich versuchen wir auch gerade die guten Nachrichten zu transportieren, weil die schlechten verbreiten sich von selber. (Lacht) Aber es wäre ja auch naiv zu glauben, dass man irgendwelche Dinge, die im Argen liegen, heute noch verstecken kann. Dafür sind die Wege in die Öffentlichkeit viel zu einfach und viel zu vielfältig. Das heißt also, wenn irgendwo was im Argen liegt, muss man sich damit auch auseinandersetzen. Und das sollte man nach gewissen Regeln tun. Wir machen zum Beispiel Wissenschaftskommunikation auf der Grundlage der Leitlinien für gute Wissenschafts-PR, des Bundesverbandes Hochschulkommunikation und da stecken ganz wesentliche Dinge drin, wie dass man transparent offenlegt bei Forschung: Wer hat die gefördert? Wo kommt das Geld her? Gibt es irgendwelche Abhängigkeiten? Hat der Professor, der da publiziert, auch noch Anteile einer Firma, die genau diese Technologie einsetzt? Dann ist es was anderes, als wenn er das nicht hat. Oder auch ein Thema, was in diesen Tagen immer wieder wichtig wird: Wurden zum Beispiel bei der Forschung, über die wir berichten, Tierversuche gemacht? Dann werden wir das immer benennen und transparent machen, damit die Leute eben den Eindruck haben, ja, die Uni Bonn spielt da mit offenen Karten. Denn Lügen haben kurze Beine und sollte man nicht versuchen. Dadurch entsteht dann Vertrauen.
Aber es gibt natürlich unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Wir haben zum Beispiel eine echte Herausforderung in einen regelmäßigen Diskurs mit unseren Studierenden zu treten, weil es gibt nicht den einen Kanal, mit dem man das machen kann. Wir haben zwar eine E-Mail-Adresse von euch allen und wenn wir euch E-Mails schreiben, was nicht so häufig vorkommt, weil wir das auch nicht überlasten wollen, dann wissen wir, dass wahrscheinlich die Hälfte der E-Mails im Nirwana landet, niemals aufgemacht wird und einfach nur die Festplatten beim Rechenzentrum füllt. Das ist ärgerlich. Und deswegen fahren wir da einen Multikanalansatz, also wenn wir etwas wirklich wichtig finden, dann schicken wir es auf verschiedenen Kanälen raus in der Hoffnung, dass wir eine möglichst große Zahl von Studierenden erreichen. Aber ob wir alle erreichen, schwierig. Die Studierenden sind viel stärker mit dem eigenen Fachbereich verbunden, das ist ja auch ihre tägliche Lebenswelt. Und der prägt auch ihr Bild von der Uni Bonn. Das kann auch manchmal zu einer kognitiven Dissonanz führen, wenn ich immer erzähle, erfolgreichste Exzellenzuniversität in Deutschland und dann sitzt man da im Hörsaal, schaut auf ein Tafelbild, das man nicht versteht und irgendwo tropft es von der Decke. Dann muss man auch erstmal mit klarkommen.

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