So viel Zeit und doch keine Zeit
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So viel Zeit und doch keine Zeit

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Diese Kolumne gibt die subjektive Meinung der Autorin wieder

Die Pandemie momentan bedeutet Stress. Purer Stress. Für mich ist das jedenfalls so. Keine Frage, andere haben bestimmt auch Stress. Personen, die systemrelevant sind, in Krankenhäusern, im Supermarkt, auf Ämtern. Aber eben auch für mich und bestimmt auch für viele andere Studierende, die darauf warten, bis die Uni wieder los geht. Bis dahin heißt es: Social Media, digital unterwegs sein und netflixen was Zeug hält.

Aus allen Ecken und Social Media Kanälen kommen neue Ideen, was man mit seiner freien Zeit anfangen kann und wie man sich beschäftigen kann. Wohnung aufräumen? Na klar. Schrank ausmisten? Auf jeden Fall. Und endlich mal den alten Skype-Account wieder aktivieren und ein paar Video Chats führen. Ich weiß ja nicht wie es euch allen so geht, aber ich habe das Gefühl, keine Zeit zu haben, obwohl ich als Studentin doch so viel Zeit haben müsste. Was ich den ganzen Tag mache? Dieses und jenes, am Ende des Tages leg ich mich ins Bett und denke drüber nach, was ich gemacht habe. Alles und doch nichts. Wenn mich jemand fragt, wie mein Tag war, dann war er meistens anstrengend, viele kleine Dinge kommen zusammen, aber richtig benennen, warum ich müde bin, kann ich nicht.

Lass mal wieder skypen?

Ich finde die Möglichkeit zu skypen super, Whatsapp Video Calls sind fast noch einfacher, weil man Whatsapp doch viel regelmäßiger nutzt. Es ist toll, seine Liebsten, die man sonst fast jeden Tag sehen und umarmen kann, mal wieder sieht, keine Frage. Und doch stresst es mich, dass jetzt auf einmal alle skypen wollen, alle telefonieren wollen, weil man doch jetzt so viel Zeit haben müsste. Wenn ich dann überlege, wann ich Zeit für so ein Gespräch habe, dann muss ich feststellen: Heute nicht, eher lieber morgen, da muss ich aber mal sehen, wie das mit einem anderen Telefonat ist und wann ich da einkaufen gehe und kochen muss ich auch noch und eigentlich ​wäre es mir recht, wenn wir es auf übermorgen verschieben. Ich habe jetzt schon das ein oder andere Mal bewusst nicht an einer Skype Konferenz teilgenommen, nicht aus dem Grund, dass ich nicht will oder keine Lust auf die Menschen dort habe, auf keinen Fall. Viel mehr aus dem Grund, dass ich das Gefühl habe, ich muss viel öfter und mehr abrufbereit und erreichbar sein, mehr online sein und mehr mitbekommen. Ich finde das sehr stressig, manchmal will ich meinen Abend nur für mich haben und ein Buch lesen, so ganz ohne Stress. Ein bisschen Abstand von der ganzen Social Media Welt nehmen und mich bewusst für etwas entscheiden, was nicht digital läuft.

Hast du schon die neue Serie auf Netflix gesehen?

Nein. Diese Frage kann ich ganz einfach mit „Nein“ beantworten, einfach weil ich kaum Serien oder Filme auf Netflix schaue. Hier und da bekommt man mit, wer welche Serie und welchen Film schon gesehen hat, empfehlen kann und was man gar nicht schauen soll. In verschiedenen Podcasts reden die Menschen über ihre neusten Lieblingsserien, Netflix selbst, rankt die besten Serien und welche Serie momentan am meisten gestreamt wird. Auch das finde ich stressig und ermüdend. Jetzt denkt sich der ein oder andere vielleicht: „Himmel ist die leicht zu stressen, soll sich mal nicht so anstellen“. Kann gut sein, dass das stimmt, aber findet ihr es nicht auch manchmal einfach nur nervig oder ermüdend, wenn euch zum dritten Mal die gleiche Serie vorgeschlagen wird? Und alle auf Instagram posten, was sie den ganzen Tag schauen, oder einen neuen Account bei einem anderen Streaming Dienst machen, weil sie nichts mehr zum Anschauen haben? Ich habe Netflix im Gespräch mit einer meiner besten Freundinnen dann „Stressflix“ getauft, einfach weil ich es stressig finde, all die ganzen tollen neuen Dinge nicht zu kennen. Die man aber eigentlich gesehen haben muss und sollte, um mitreden zu können.

Und was tut sie dann den ganzen Tag?

Gute Frage. Ich lese beispielsweise unheimlich viel, alles Mögliche, phasenweise nur blutrünstige Thriller. Wenn die mir zu langweilig werden (leider wahr), dann schwenke ich um auf Liebesromane (für den Cut sollte ich mich vielleicht schämen, tue ich aber nicht), oder historische Romane. Beim aufräumen oder putzen, habe ich, na klar, auch eine Playlist auf dem Musikstreaming Dienst meines Vertrauens, aber oft höre ich Hörspiele, wie die drei Fragezeichen (Hell yeah, richtig ​gelesen, und sie sind so spannend, dass ich manchmal vergesse zu atmen) oder Podcasts.

Was ich allerdings nie fertig mache, keinen Ansporn habe, es zu beenden, sind Kreuzworträtsel. Die richtig schlechten aus den Klatschblättern meiner Oma, mit Fragen wie: japanische Blumensteckkunst, bayerische Künstlerfamilie bis 1750 oder ein Angehöriger eines Bantu-Stammes. Von diesen Rätseln weiß ich dann, dass ein kleiner Hotelkühlschrank eine Minibar ist und das englische Wort für Woche „Week“ sein muss. Dazu einen richtig guten Kaffee, weil das für mich zur Lebensqualität gehört, genau wie hochwertiger Tee. Und wenn ich dann doch mal Langeweile habe, schau ich was Netflix so zu bieten hat, selten bleibe ich aber wirklich an einer Serie hängen. Aber vielleicht fange ich heute mal an mit den ganzen Serien oder mit einer davon, zu viel auf einmal ist ja bekanntlich nicht gut, das stresst zu sehr.