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Bild: bonnFM

Warum Christoph Kramers „Wolkenberührpunkt“ auch Menschen ohne Fußballherz berührt

Vom WM-Finale 2014 in Rio auf die Bühne der lit.COLOGNE Spezial: Christoph Kramer hat im Theater am Tanzbrunnen seinen zweiten Roman „Wolkenberührpunkt“ vorgestellt. Warum sich das Buch auch für alle lohnt, die mit Fußball nichts am Hut haben, und weshalb an diesem Abend sogar Gladbach- und Köln-Fans gemeinsam gelacht haben…

Im Theater am Tanzbrunnen wird es schnell voll, hier finden sich Menschen jeden Alters zusammen. Einige tragen sogar Fußballtrikots, obwohl heute Abend gar kein Spiel ansteht. Die Anspannung im Saal steigt, bis er schließlich die Bühne betritt: der Fußballweltmeister, TV-Experte und inzwischen auch Bestsellerautor Christoph Kramer.

Ganz einfach sei das für ihn heute nicht, gibt Kramer gleich zu Beginn grinsend zu, denn nur vier Tage nach dem 2:1-Derbysieg des 1. FC Köln gegen seine Borussia Mönchengladbach steht er hier mitten unter lauter Kölner Derbysieger*innen. Spätestens jetzt ist das Eis gebrochen. Gladbach- und Köln-Fans sitzen nebeneinander und lachen gemeinsam, was im Rheinland als kleine Sensation durchgeht. Kramer erzählt dabei so sympathisch und bodenständig, dass man nach wenigen Minuten fast vergisst, dass hier ein Weltmeister auf der Bühne steht.

Ist das das Finale?

Wer nicht in der Fußballbubble unterwegs ist, fragt sich jetzt vielleicht, wer dieser Christoph Kramer eigentlich ist. Der 35-Jährige kommt aus Solingen und spielte zehn Jahre lang für den Bundesliga-Club Borussia Mönchengladbach. Berühmt wurde er allerdings durch einen Moment, an den er sich selbst kaum erinnern kann. Im WM-Finale 2014 in Rio prallte er mit einem argentinischen Gegenspieler zusammen und spielte mit einer Gehirnerschütterung weiter. Der Schiedsrichter erzählte später, Kramer habe ihn gefragt, ob das hier eigentlich das Finale sei. Deutschland wurde trotzdem Weltmeister und Kramer hatte plötzlich eine der bekanntesten Anekdoten des deutschen Fußballs.

Seit der WM 2018 analysiert er im ZDF die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Darüber hinaus ist er Co-Host im Fußball-Podcast Copa TS von Tommi Schmitt. Im August 2024 endete seine aktive Fußballkarriere in Gladbach. Um der großen Leere danach zu entkommen, begann er zu schreiben. Sein Debütroman „Das Leben fing im Sommer an“ stieg im März 2025 direkt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein und soll sogar verfilmt werden.

Ein Roman über Roman

Die Idee zu „Wolkenberührpunkt“ verdankt Kramer gewissermaßen seinem ersten Buch. Bis heute setzt er sich nämlich gerne in Buchhandlungen, versteckt sich zwischen den Regalen und beobachtet, wer sein Buch kauft. Er gibt zu, dass sich das creepy anhöre, für ihn sei das aber einfach unglaublich spannend. Eines Tages bezahlte dort ein junger Mann das Buch mit abgezählten Münzen. Für Roman, so heißt der Käufer, hatten die 23 Euro offensichtlich einen ganz anderen Wert als für Kramer selbst.

Als Roman die Buchhandlung verließ, sprach Kramer ihn an und die beiden kamen ins Gespräch. Roman erzählte ihm von seinem Leben, das über Nacht komplett auf den Kopf gestellt wurde. So ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Roman über Roman entstanden. Zu 99 Prozent sei die Geschichte zwar fiktiv, betont Kramer, angelehnt sei sie aber an ein echtes Schicksal.

Der Kontrast zu seiner eigenen Kindheit könnte kaum größer sein. Kramer kommt aus einem guten Elternhaus, wollte sein ganzes Leben lang nur Fußballprofi werden und wurde dabei immer unterstützt. Diesen Gegensatz holt er bewusst ins Buch, das auf zwei Erzählebenen spielt. Auf der einen folgen wir Roman, auf der anderen Kramer selbst. Gerade diese Doppelerzählung habe er beim Schreiben besonders gemocht, erzählt er.

Ganz oben auf dem Telefonmast

„Wolkenberührpunkt“ ist wie schon das Debüt ein Coming-of-Age-Roman, begleitet seine Figuren diesmal aber über mehrere Jahrzehnte. In der Silvesternacht 2000 erfährt Roman, dass er adoptiert wurde. Halt findet er bei seinem besten Freund Steve und bei einem Jungen, der „Niemand“ genannt wird. Dann ist da noch Mira, in die sich Roman verliebt.

Bei jeder Lesung wählt Kramer andere Stellen aus dem Buch aus, denn der Abend soll keine Vorführung sein, sondern ein Programm, das individuell auf die Gäste abgestimmt ist. In Köln tauchen wir in Romans Welt ein, als er gerade in seiner Abiturprüfung sitzt, sich auf einer Motorradfahrt mit Mira zum ersten Mal verliebt und sein erstes Mal mit ihr erlebt.

Der titelgebende Wolkenberührpunkt ist ein alter Telefonmast, auf den Roman und Steve klettern, um dem Himmel nah zu sein. Für Kramer ist der Mast ein Happy Place, also ein Ort, an dem man sich zurückziehen und einfach man selbst sein kann. Dort oben wird die Welt still und alles ist nicht so hart wie unten auf dem Boden. Man ist dort kein Bruder, kein Liebhaber und auch sonst in keiner Rolle, sondern einfach nur da. Kramer selbst hatte früher übrigens auch so einen Ort, nämlich das Dach einer alten Scheune.

Im Kern geht es um Liebe, und zwar nicht nur um die zwischen Roman und Mira, sondern auch um die unter Freund*innen und die zur Familie. Liebe sei für uns alle ein wahnsinnig großes Thema, sagt Kramer, und am Ende genau das, was uns am Leben halte. Dazu kommt die Zeit des Übergangs zum Erwachsensein, in der so vieles zum ersten Mal passiert. Für das Buch hat Kramer sich mit zwei Menschen getroffen, die selbst adoptiert wurden, und mit Menschen aus Heimen gesprochen. Er habe bewundert, mit welcher Leichtigkeit sie trotz ihrer Schicksale durchs Leben gehen, und nennt die Gespräche mutig und mutmachend.

Wolkenberührpunkt
Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Jemand namens „Niemand“

Warum ausgerechnet diese Geschichte? Bei Lesungen an Brennpunktschulen in NRW hat Kramer Kinder kennengelernt, die gar nicht groß träumen können. Sie träumen nicht von einer Profikarriere, sondern davon, geliebt zu werden oder einen Vater zu haben. Für Kramer waren das immer Selbstverständlichkeiten, weshalb er unbedingt über jemanden erzählen wollte, der es nicht so einfach hatte wie er. Er habe im Leben einfach „Scheißglück“ gehabt, sagt er ganz offen. Auf einer dieser Lesungen lernte er auch einen Jungen kennen, den alle nur „Niemand“ nannten. Die beiden unterhielten sich und am Ende bedankte sich der Junge für das Gespräch, weil sonst nur wenige mit ihm redeten. Aus dieser Begegnung ist die Figur des „Niemand“ entstanden, der es im Roman später sogar auf eine Theaterbühne schafft.

Zwischen all dem Gegeneinander in Gesellschaft und Politik vergessen wir eine ganze Generation, findet Kramer, nämlich die jungen Leute. Debatten wie die ums Tempolimit gehen für ihn völlig an den eigentlichen Problemen vieler Menschen vorbei. Nach seinen Worten sterben 97 Prozent der Menschen in derselben Schicht, in die sie hineingeboren werden, und das macht ihn traurig. Deshalb möchte er jungen Menschen mit seinem Buch eine Perspektive zeigen.

Im Roman schaffen es Roman, Steve und „Niemand“, sich eine solche Perspektive zu erkämpfen, und das funktioniert nur durch Zusammenhalt. Gerade in einer Zeit, in der Handys und Social Media viele junge Menschen vereinsamen lassen, ist das für Kramer das A und O. Diesen Zusammenhalt kennt er aus der Fußballkabine, in der Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen aufeinandertreffen und trotzdem füreinander einstehen.

Wer Schwäche zeigt, ist stark

Zwischen den Lesepassagen spricht Kramer erstaunlich offen über sich selbst. Der schlimmste Moment seines Lebens sei gewesen, als er mit 15 bei Bayer Leverkusen rausgeflogen sei. Davon erzählt er allerdings mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit, denn genau aus diesem Bruch sei ein großer Ehrgeiz entstanden, der ihn weitergebracht habe. Brüche seien nicht schön, sagt er, sie bringen uns aber zu etwas Besserem und Größerem. Ein guter Schüler war er übrigens auch nicht, sein Abitur hat er mit 3,6 gemacht, was ihn für viele im Saal vermutlich nur noch sympathischer macht.

Auch auf seinen emotionalen Abschied von Borussia Mönchengladbach blickt er zwei Jahre später reflektiert zurück. Er habe Zeit gebraucht, um das alles zu verarbeiten, und wolle nicht mit Traurigkeit darauf schauen, dass diese Zeit vorbei ist, sondern mit Stolz und Dankbarkeit. Wenn er sein Leben tausendmal leben dürfte, würde er es jedes Mal genauso leben wie jetzt. Wer Schwäche zeigt, ist stark, findet Kramer, und diese Offenheit steckt auch in den Gefühlen seiner Figuren und in seiner Empathie für sie. Sich zu verstellen sei für ihn das Ungesündeste überhaupt, deshalb habe er sich geschworen, immer er selbst zu sein.

Auch außerhalb der Fußballbubble zu empfehlen

Lohnt sich „Wolkenberührpunkt“ also auch für Menschen, die mit Fußball nichts anfangen können? Nach diesem Abend lautet die Antwort eindeutig: Ja! Fußball spielt im Roman höchstens eine Nebenrolle, im Mittelpunkt stehen Freundschaft, erste Liebe, Herkunft und die Frage, wie sehr unsere Startbedingungen das ganze Leben prägen. Wer selbst gerade irgendwo zwischen Elternhaus, Uni und Erwachsenwerden steckt, wird sich in vielen Momenten wiederfinden. Das Buch erzählt nicht nur eine bewegende Geschichte, sondern zeigt auch, wie selbstverständlich viele von uns ihre Privilegien nehmen.

Große literarische Experimente sollte man allerdings nicht erwarten. Kramer schreibt direkt, mit viel Gefühl und, wie er selbst sagt, mit sanfter Melancholie. Genau das macht den Roman so zugänglich, auch für Leute, die sonst eher selten ein Buch in die Hand nehmen. „Wolkenberührpunkt“ ist am 1. Oktober 2026 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat 288 Seiten und kostet als Hardcover 23 Euro. Das Hörbuch dazu liest ausgerechnet „Stromberg“-Star Christoph Maria Herbst, und zwar überraschend einfühlsam. Insgesamt ist der Roman damit eine klare Empfehlung für alle, die Lust auf eine ehrliche Geschichte über das Erwachsenwerden haben.

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